daumenkino

„Die purpurnen Flüsse“

Höheneugenik

Höhenluft tut nicht jedem gut. In dem Thriller „Die purpurnen Flüsse“ von Mathieu Kassovitz („Hass“) liegt eine Uni hoch in den französischen Alpen. Inspektor Pierre Niémans (Jean Reno) versucht dort einen bestialischen Mord aufzuklären.

Kassovitz hat einen Roman des Journalisten und Autors Jean-Christophe Grangé als Vorlage genommen, der 1998 in Frankreich in die Buchcharts schoss. Grangé hat seine Story selbst zum Drehbuch eingedampft. Falls der Roman einen ähnlich trivial-theatralen Ton anschlägt wie der Film, muss er eine Art Houellebecq für Doofe sein. Grangé entwirft eine Horror-Geistesanstalt, an der zwar nicht munter geklont, dafür aber in bewährter alter Naziart „Schwäche ausgemerzt“ wird. Statt die aktuelle Gentechnikdebatte aufzugreifen, werden wir mit Kommisar Niémans und seinem Co-Bullen Max Kerkerian (Vincent Cassel) Stück für Stück über die Risiken einer konsequenten Isolierung von zu viel Intelligenz aufgeklärt.

Die Uni Guernon liegt dermaßen hoch in den Bergen, dass sie selbst bei gutem Skiwetter von der Umgebung abgeschnitten ist. Deshalb bekamen die Profs in ihrer jahrhundertelangen Isolation Probleme mit dem Nachwuchs.

Igitt, Inzucht! Von deren Ausübung der Film leider nichts zeigt. Stattdessen Hunde in engen Käfigen zu Versuchszwecken und verstümmelte Leichen. Plus Unmengen an Gruseleffekten und Mystizismus. „Das ist ja eine einzige Nazischeiße“, sagt der Bulle. Dabei wollen die degenerierten Denker doch nur frisches Blut von knackigen Almbauern in ihren Geistesfluss integrieren. Das ist doch, genau, der Cop sagt es: „Eugenik“.

Der Film schildert die Bedrohung durch irre Menschenentwickler in allen Facetten. Denn das Böse, es hat ja gerade in den Bergen („Vertical Limit“ hat das unlängst erst erfolgreich gezeigt) viele Wasserträger. Hier sind es der Teufel, der angeblich ein Kind von einem Lkw hat flachlegen lassen, und eine Truppe ohne Handschuhe boxender Skinheads. Die haben ein Grab geschändet und ein paar Hakenkreuze hinterlassen. Nebenbei lässt Kassovitz das Böse immer wieder Autos laut lärmend rumfahren. Dauernd donnert und blitzt es, und natürlich wird auch mal jemand gekreuzigt. Am Ende deckt eine große Lawine alles zu.

Hoffen wir, dass das „Blut der perfekten Menschen“ nicht umsonst geflossen ist. Sonst müsste man um die Zukunft der Menschheit echt besorgt sein – ob mit oder ohne Veredelung durch Eugenik-Technik. ANDREAS BECKER

„Die purpurnen Flüsse“, R: Mathieu Kassovitz, mit Jean Reno, Vincent Cassel u. a., F 2000