Gift ist im Schuh

Heinz-Horst Deichmann ist überzeugter Christ. Durch die Stiftung „Wort und Tat“ unterstützt er Menschen in Indien und Tansania. Leprakranken wird geholfen, Schulen und Wasseranlagen werden gebaut.

Heinz-Horst Deichmann besucht seit 25 Jahren Indien. Diese Reisen in „Hitze, Schmutz und Not“ werden in der Stiftungszeitschrift dokumentiert. So ist in der letzten Ausgabe von Wort und Tat über eine längere Reise des Ehepaars Deichmanns zu lesen: „Unsere indischen Freunde hatten die Nachricht von unserer Goldenen Hochzeit verbreitet und damit eine Lawine von goldenen Hochzeitfeiern ausgelöst. Ein riesiges Spektakel, auf das die Leute monatelang gewartet hatten.“ In dem 24-seitigen Heft sind die Eheleute Deichmann 29-mal abgebildet. In Farbe.

Heinz-Horst Deichmann ist auch der größte Schuhhändler Europas. Weltweit unterhält er 1.800 Filialen, 800 allein in Deutschland. 19.000 Menschen arbeiten für ihn. Wer so viel für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt tut, wird belohnt. Im Herbst letzten Jahres bekam Deichmann das große Bundesverdienstkreuz für „sein vorbildliches gesellschaftliches Engagement als Unternehmer“. Bei der Überreichung sagte Laudator Wolfgang Clement, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen: „Dr. Deichmann ist eine faszinierende Persönlichkeit, die sich dem Christentum verpflichtet, wie man es selten sieht.“ Und da Deichmann zur Zeit in Indien drei Millionen Paar Schuhe produzieren lässt und eine Steigerung auf zehn Millionen Paar beabsichtigt, ernannte ihn die indische Regierung vergangenen Herbst zu ihrem Honorarkonsul in Essen.

Aber für den 75- jährigen Firmenpatriarchen sind Urkunden, Orden und Ehrungen nebensächlich. In seinem autobiografischen Büchlein „Christ und Unternehmer“ kann man es nachlesen: „Die Arbeit muss eine gewisse Würde haben. Das gilt auch für das Unternehmen. Es muss dem Menschen dienen. Es hat nicht den Selbstzweck, möglichst groß und immer größer zu werden. Es ist nun mal groß geworden, das Deichmann-Unternehmen ... Ich habe das nie gewollt, nie darüber nachgedacht, einmal der größte Schuhhändler Europas zu sein. Aber dass dieses Unternehmen den Menschen dient, dass der Kunde das beste Produkt zum besten Preis bekommt, das ist mir ein Anliegen.“

„Doktor Deichmann isteine faszinierende Persönlichkeit, die sich dem Christentum verpflichtet“

Allerdings gibt es da noch ein unchristliches Problem. Für „Markenschuhe so günstig“ bezahlen auch zwei Millionen indische Gerbereiarbeiter. Tag für Tag sind sie 175 verschiedenen Chemikalien, Salzen und Säuren ausgesetzt, ohne ausreichende Schutzkleidung. Hinzu kommen verheerende Luft- und Wasserverschmutzungen, Krankheiten sowie die Entwertung umliegender landwirtschaftlicher Flächen.

Steigende Nachfrage

Verlässt man die Stadt Chennai im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu Richtung Süden, wird man mit der traurigen Realität konfrontiert. Die Landschaft wird karger – Hitze, Schmutz und Gestank nehmen mit jedem Kilometer zu. In zwei Autostunden erreicht man den North Arcot Ambedker District. Auf einer Fläche von 1.650 Quadratkilometer entlang des Palar-Flusses sind 650 Gerbereien angesiedelt. Anfang der 70er-Jahre entdeckte hier – zwischen Ranipet und Vaniyam-badi – die Lederindustrie ihr Exportpotenzial. Und um die steigende Nachfrage zu decken, griff man zum chemischen, und damit schnelleren Gerbverfahren.

Seit über 30 Jahren produzieren diese Gerbereien täglich 30 Millionen Liter hochgiftige Abwässer, die unkontrolliert ins Umland abgelassen werden. Der Fluss Palar existiert nur noch dem Namen nach, das Flussbett ist verlandet und vergiftet. Inzwischen gibt es, dank des Protests der einheimischen Bevölkerung, einige Gemeinschaftskläranlagen. Und die wenigen großen Gerbereien haben ihre eigene Kläranlage. Diese Anlagen sind jedoch nur in der Lage, organische und biologische Abfälle zu verarbeiten. Die Überreste, etwa Klärschlamme, werden gesammelt und irgendwo deponiert.

In einer Gegend, in der die Menschen vor allem von der Landwirtschaft leben, haben so in 300 Dörfern 40.000 Familien ihren Lebensunterhalt verloren. Nicht einmal sauberes Trinkwasser bleibt ihnen: Die Dörfer werden per Tanklastwagen mit Trinkwasser versorgt, das wiederum dem Grundwasser entnommen wird. Wissenschaftler haben darin große Mengen des hochtoxischen Chrom III nachgewiesen.

Zum Waschen müssen die Menschen Wasser aus den vergifteten Teichen benutzen. Ihre Wasserkrüge sind mit einem schwarzen, giftigen Belag überzogen. Chronische Hautkrankheiten sind weit verbreitet. Kühe und Ziege sterben, wenn sie von dem Wasser trinken. Petitionen an die Politiker und Leserbriefe in den Zeitungen blieben erfolglos – gegenüber Exporterlösen von zwei Milliarden Dollar jährlich hat die arme Bevölkerung keine Chance.

Allein nach Deutschland verkaufen indische Hersteller Lederschuhe im Wert von 90 Millionen Mark jährlich. Tendenz steigend, erst recht, seit in Europa wegen der BSE-Gefahr Rinder massenhaft verbrannt werden und Leder hier knapp – und damit teurer – wird.

Mit deutschem Plazet

Die Gerbereien und Schuhfabriken gleichen Hochsicherheitstrakten. Sobald man sich dem Firmentor nähert, wird man weggejagt. Gelingt einem der Zutritt dennoch, erklärt sich das extreme Sicherheitsbedürfnis.

In Ranipet etwa ist die Firma K. H. Shoes zu Hause. Unter anderem wird hier für Salamander, Sioux, Colehaan (die Straßenschuhmarke von Nike) und Deichmann produziert. K. H. Shoes hat eine Produktionskapazität von 4.000 Paar täglich. Wo das Fertigleder zu Obermaterial geschnitten wird, stimmen die Arbeitsbedingungen noch. Frauen in Arbeits-Saris arbeiten an Schnittgeräten in sauberen, hellen Sälen.

In der Gerberei jedoch herrschen andere Zustände, wie das ARD-Magazin „Report Mainz“ gestern gezeigt hat: Arbeiter stehen in Gerbbrühe, ohne Wasser abweisende Kleidung, Arbeitshandschuhe und Gummistiefel. Atemschutzmasken gegen den beißenden Gestank gibt es nicht. Überall stehen Fässer mit Ameisensäure und Relugan 50, einem Gerbmittel, das in Deutschland nicht mehr zugelassen ist. Die Substanzen stammen von der BASF-Niederlassung in Bombay.

Angesichts der Tatsache, dass für die Verarbeitung von einem Kilo Leder durchschnittlich 500 Gramm Chemikalien verbraucht werden, nimmt es nicht wunder, dass fast jeder Gerbereiarbeiter über Asthma, Durchfall und Hautkrankheiten klagt. Den durchschnittlichen Monatslohn von 2.000 Rupien (umgerechnet 95 Mark) nehmen sie mangels Alternative in Kauf.

Als Vorzeigeunternehmen hat K. H. Shoes seine eigene Kläranlage. Hier werden Abwässer, die beim Gerben anfallen – 35.000 Liter pro Tonne Leder –, in vielen Arbeitsschritten gereinigt. Ein Teil des geklärten Wassers wird zum Wässern von Pflanzen verwendet, der Rest wird irgendwo abgelassen. Indische Umweltorganisationen wie Peace Trust haben bereits wiederholt Zweifel an der Sauberkeit des geklärten Wassers angemeldet. In den Büros der Firmenleitung jedoch hängen Zertifikate, die eine umweltgerechte Produktion belegen sollen, unter anderem von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), einer Firma des Bundes. Die GTZ bezeichnet K. H. Shoes als vorbildlich.

„Die Arbeit muss eine gewisse Würde haben.Das gilt auch für das Unternehmen“

„Das ist durchaus üblich“

Der Endverbraucher in Deutschland erfährt von all dem nichts. Im Gegenteil, die Schuhe aus Indien werden als „Made in Italy“ oder „Made in Germany“ verkauft. Dieser Vorgang wird von einem Deichmann-Mitarbeiter so erklärt: „Das ist durchaus üblich, dass Schäfte – das sind die Oberteile eines Schuhs – in Indien gefertigt werden, und ein italienischer Hersteller montiert dann diese unterschiedlichen Komponenten zu einem fertigen Schuh in Italien.“ Nicht nur Firmen wie Deichmann und Deichmann-Tochter Reno verfahren so, sondern auch noblere Damenschuhhersteller wie Gabor.

Der Verbraucher hat keine Ahnung von den gefährlichen Giften in den Schuhen. Bislang gibt es keine Hinweise auf Risiken, etwa Chromallergien und Krebs erzeugende Stoffe, die durch Fußschweiß übertragen werden können. Doch inzwischen fordern die Verbraucherverbände eine Art Schuhpass, in dem alle eingesetzten Chemikalien und das Herkunftsland enthalten sind. Vor allem aber plädieren sie, wie Peace Trust in Indien, für pflanzlich gegerbtes Leder.

Dies durchzusetzen dürfte schwierig werden. Denn das Verfahren bedarf längerer Gerbzeit und wäre mit Investitionen verbunden – die Schuhe würden also teurer. Der Slogan „Kaum zu glauben: Markenschuhe so günstig ... Deichmann“ würde dann seine Gültigkeit verlieren.