„Medial gibt’s uns nicht“

Für Viva und „Bravo“ zu alt, für das ZDF und den „Stern“ zu schrill, aber erfolgreich: Ein Gespräch mit Anna R. und Peter Plate von Rosenstolz über Klaus Nomi, ihre Anfänge und die ZDF-Schlagerparade

Sie haben Klaus Nomis Song „Total Eclipse“ mit Marc Almond eingespielt. Was verbindet Rosenstolz und Marc Almond mit Klaus Nomi?

Anna: Als Peter und ich uns kennen gelernt haben, war Klaus Nomi der kleinste gemeinsame Nenner für uns. Bei unserem ersten Treffen haben wir uns nach gemeinsamen Vorlieben ausgefragt. Da gab es zunächst nichts – bis Peter plötzlich Klaus Nomi ins Spiel brachte. Marc Almond wiederum hat Klaus Nomi vor vielen Jahren in New York getroffen. Nomi ist ja bereits 1983 an den Folgen von Aids verstorben.

Und wann haben Sie „Total Eclipse“ zum ersten Mal gehört?

Peter: Ich war 15 Jahre alt und hatte noch nicht einmal mein Coming-out, als ich Klaus Nomi bei Thomas Gottschalks „Na Sowas“ sah. Mich hat dieser Song total verrückt gemacht und ich habe alles getan, um diese Platte zu bekommen. Anna und ich haben von Anfang an davon gesprochen, dass wir dieses Lied covern sollten. Für unser letztes Album „Kassengift“ haben wir es dann einfach versucht und waren auch zufrieden damit.

Wie kam es zu dem Titel „Kassengift“?

Peter: In der Biografie von Marlene Dietrich stand, dass Marlene zu einer bestimmten Zeit Kassengift war. Ich dachte da nur: Was für ein geiles Wort. Der Titel ist natürlich auch ein Kommentar auf das, was uns in den letzten zehn Jahren so passiert ist: Das einerseits die Konzerte voll sind und die Leute auch unsere Platten kaufen, dass es uns aber in den Medien nicht gibt. Deshalb heißt es im Titelsong: „Ich bin der Song, der nicht gespielt wird. Ich bin das Video, das nicht läuft.“ Viva sagt: „Ihr seid doppelt so alt wie unser Publikum.“ Und das ZDF: „Ihr seid zu schrill.“ Wir passen nicht in die Bravo, aber auch nicht in den Stern . . .

Sie haben deswegen bisher nicht viele Musikvideos gedreht . . .

Anna: Das stimmt.

Peter: Genauer gesagt: Wir haben nicht allzu viele professionelle Videos gemacht. Wir haben ein Video zum Hochzeitssong „Ja, ich will“ mit Hella von Sinnen gedreht.

Können Sie sich noch an eine prägnante Abfuhr aus Ihren Anfängen erinnern?

Peter: Eigentlich war es eine geile Zeit. Damals haben wir unsere eigenen Kassetten aufgenommen, da gab es ja noch keine CD-Brenner, und ich hatte noch nicht einmal einen CD-Spieler. Die Kassetten haben wir kopiert und in einer Buchhandlung und ein paar Plattengeschäften per Kommission angeboten.

Anna: Ich habe die in dem Musikladen, in dem ich damals gearbeitet habe, an die Kasse gestellt.

Peter: Wir hatten keine Ahnung, dass das illegal war und eigentlich bei der Gema angemeldet werden muss. Gleichzeitig haben wir natürlich versucht, einen Vertrag an Land zu ziehen.

Anna: Das ging sogar ziemlich schnell. Wenn ich mich an unsere ersten Auftritte erinnere, dann kann ich schon verstehen, warum uns die Leute damals nicht die Bude eingerannt haben (lacht). Insofern war es wirklich erstaunlich, dass Tom Müller, der ehemaliger Produzent von Nina Hagen, uns dann gefragt hat, ob wir nicht mal Probeaufnahmen machen wollen, die dann auch gleich veröffentlicht wurden.

Rosenstolz feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Können Sie sich noch an ihr erstes Treffen erinnern?

Anna: Nicht mehr an den genauen Termin. Aber Peter hatte damals eine Sängerin gesucht und ich einen Pianisten. Dann haben wir uns nach einer Vermittlung getroffen und noch am gleichen Abend den ersten Song aufgenommen – in seiner Küche.

Sie haben damals Probeauftritte vor Freunden arrangiert, um die Reaktionen zu testen?

Anna: Immer sonntags in Peters Wohnzimmer. Das war einerseits ganz witzig, andererseits aber auch eine krasse Nummer, die ich gehasst habe. Fünf Leute saßen jeweils da mit Zetteln und gaben ihre Bewertungen ab: Ja, das war schon ganz gut, oder na ja, da könnte man vielleicht noch ein wenig . . .

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie sich Aufnahmen von früheren Auftritten ansehen?

Anna: Man sieht, dass ich nicht auf die Bühne wollte (lacht). Ich bin vor Angst fast gestorben und habe so eine Augen-zu-und-durch-Haltung eingenommen, während Peter sich hinter seinen Keyboards verkroch und immer kleiner wurde. Das war wirklich sehr schick. Es hat eine Weile gedauert, bis ich endlich gemerkt habe, dass man sich nur trauen muss.

Gab es einen Moment, den Sie als den eigentlichen „Durchbruch“ erlebt haben?

Peter: Der schönste Moment war, als wir es erstmals in die Charts geschafft hatten: als das Album „Die Schlampen sind müde“ auf Platz 33 eingestiegen ist. Wir saßen im Auto, haben es übers Telefon erfahren und hätten beinahe einen Unfall gebaut, weil wir so laut geschrien haben.

Danach folgte Ihr Grand-Prix-Beitrag und die Auftritte in der ZDF-Hitparade, in der Sie eigentlich nicht auftreten wollten. Was hat Sie umgestimmt?

Peter: Die Hitparade wollte sich zwischenzeitlich ein anderes Image zulegen und auch Leute wie Xavier Naidoo an den Start bringen. Leider ist daraus nichts geworden – außer Rosenstolz, Echt und Stefan Raab lief da nichts außer der Reihe. Aber wir hatten deswegen zugesagt.

Sie haben zwar den ersten Platz belegt, sich aber in diesem Rahmen nicht wohl gefühlt?

Anna: Ich denke, das war eine Fanclub-Aktion. Die haben offenbar die Telefone heiß klingeln lassen. Bei Echt war das vermutlich genauso.

Peter: Trotzdem funktionierte das einfach nicht, denn die Quote ging runter.

Anna: Man tut sich damit einfach keinen Gefallen. Man gefällt diesen Leuten nicht, die gerne Schlager hören.

Zur Schlagerwelt halten Sie Distanz?

Peter: Udo Jürgens kam einmal in unser Studio und sagte: „Ich wollte nur mal guten Tag sagen. Mir gefällt sehr, was ihr macht.“ Das war eine nette Geste – ich war erstaunt, dass er uns überhaupt kennt.

Sehen Sie sich überhaupt in einer bestimmten Tradition deutschsprachiger Musik?

Peter: Die Sachen von Friedrich Hollaender finde ich richtig klasse. Der würde seine Sachen heute auch mit Beats unterlegen. Aber in einer Tradition sehe ich uns nicht – ich bin eher ein Fan von englischer Popmusik.

Rosenstolz haben auch ein großes schwules Publikum. Woran liegt das?

Peter: Erstens bin ich selbst schwul und war das von Anfang an offen. Zweitens glaube ich, dass Schwule einen Hang zu Melodien haben: Sie stehen auf große Gefühle und große Gesten.

Anna: Wie auch viele Frauen. Deswegen haben wir auch viele Frauen im Publikum.

Können Sie sich vorstellen, auch ein dreißigjähriges Jubiläum zu feiern?

Peter: Na klar. Dann schreiben wir über Sex im Alter.