Cohn-Bendit als Kinderschreck

Erregung in Frankreich: Hat Daniel Cohn-Bendit eigene Untaten geschildert, als er 1975 in einem Buch sexuelle Erlebnisse mit kleinen Kindern beschrieb?

PARIS | taz ■ | „Pädophilie: Des Gesetz des Schweigens brechen“. Unter dieser Überschrift befaßt sich das französische Magazin Express in dieser Woche unter anderem mit der Vergangenheit von Daniel Cohn-Bendit. Die Journalisten haben ein Buch ausgegraben, das der gegenwärtige Europaabgeordnete der französischen Grünen vor 25 Jahren veröffentlich hat. Er beschrieb darin eindeutige Szenen aus dem Frankfurter Kinderladen, in dem er damals arbeitete. Kostprobe: „Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln.“

„Le grand Bazar“ erschien 1975 – beim französischen Belfond-Verlag mit einer Auflage von 30.000 Stück. In Deutschland brachte es der Trikont-Verlag heraus. Der Inhalt des Buchswar seither öffentlich. Cohn-Bendit erklärt in diesen Tagen in Paris, er sei „nicht stolz“ auf das Buch. Gegenüber Express gab er sogar „Gewissensbisse“ zu, das alles geschrieben zu haben. Zugleich versichert er, es handele sich um Fiktion. Zur pädophilen Tat sei er nie geschritten. Als Beleg legt er eine Petition vor, die Eltern seiner früheren Kinderladenkinder zu seinen Gunsten schrieben und Anfang dieses Monats an eine Berliner Zeitung schickten.

Französische Freunde von Cohn-Bendit, darunter der Bürgermeisterkandidat der Pariser Grünen, Yves Contassot, versuchen, mit einer Verschwörungstheorie auszuhelfen. Die Veröffentlichung dieses „aus dem Zusammenhang gerissenen Textes“ gerade jetzt sei eine „Manipulation gegen die Grünen“, sagt er. Der Angegriffene wittert einen anderen Komplott, der vor allem gegen seinen Freund Joschka Fischer gerichtet sei.

Die Quelle der „Enthüllungen“ über Cohn-Bendit und Fischer ist tatsächlich dieselbe: Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof. Auf ihrer Homepage (www.bettinaroehl.de) sind Ausschnitte aus der Mischung von Pornographie und Politik nachzulesen, die manche Linke in den 70er-Jahren betrieben. Röhl war es auch, die im Januar britischen und französischen Journalisten Kopien des Cohn-Bendit-Buchs zusteckte. Der Londoner Observer stieg umgehend ein, die deutsche Bild-Zeitung auch.

Jetzt verurteilen zahlreiche Verantwortliche die Verharmlosung von Pädophilie. Zugleich machen sie für „Dany“ mildernde Umstände geltend. In den 70er-Jahren machten er und seine Freunde noch keine Karriere im Establishment, sondern sahen sich selbst als „Bürgerschrecks“. Es war eine Zeit, als sich Pädophile in linksradikalen Blättern outeten und von Pariser Intellektuellen verteidigen ließen.