Die Linke im Waschsalon

von CHRISTIAN SEMLER

Die Waschmaschinen laufen auf Hochtouren. Hinein mit dem rot verschmutzten Fetzen und heraus mit dem gänzlich fleckenfreien Sonntagshemd, dessen Rüschen jetzt nur noch der geistig-moralischen Stärkung bedürfen.

Die große Reinigung im linken Waschsalon umfasst alle Sachgebiete und historischen Perioden. Jetzt werden die Fünfzigerjahre gewaschen. Die hohe Zeit Adenauers, eine auftrumpfende Spießeridylle, eine Ära des aggressiven „Wir sind wieder wer“? In die Trommel mit solchen linken Selbstgewissheiten! Her mit der frischen Geschichtsversion: Die Fünfzigerjahre brachten die Versöhnung der Deutschen mit der Demokratie.

Ihr einstigen Schmutzkinder, seid beruhigt. Hauptsache, ihr distanziert euch heute von der Behauptung, erst die Revolte der Sechzigerjahre habe der Bundesrepublik, diesem von den Alliierten aus Nazilehm gekneteten Golem, demokratischen Odem eingehaucht. Erkennen wir diese Behauptung als das, was sie immer schon war: als eine unverschämte Anmaßung.

So könnte der Gegenangriff eines übrig gebliebenen Linken anheben, die „Abfuhr“ (wie man früher im Milieu zu sagen pflegte), die angesichts der neuen Bußfertigkeit wirklich angebracht ist. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, in den Fünfzigerjahren groß wurde und zu studieren anfing, wer Zeuge der hysterischen Jagd auf die wenigen übrig gebliebenen Kommunisten wurde, wer allgegenwärtigem Verdacht ausgesetzt war, weil er mal in die „Zone“ reiste, wer im Staatsexamen einem Prüfungskollegium gegenübersaß, das sich mehrheitlich aus prominenten Nazijuristen zusammensetzte, wer Tag für Tag mit der Kontinuität des nazistischen Beamtenapparats konfrontiert wurde, der hat so seine fest gefügten Ansichten über die fragliche Periode.

Aber: Ist der Zeitzeuge nicht der geborene Feind des Historikers? Sitzt Ersterer nicht im Gefängnis seiner wohl konservierten Erinnerungen, während es Aufgabe des Letzteren ist, ein Bild abgestufter Farbnuancen zu entwerfen, auf dem genug Platz für alles ist, was damals gedacht und gefühlt wurde? Dem Soziologen Hans Bude ist bei seiner Generationsforschung aufgefallen, dass das, was den Linken als bleierne Zeit erscheint, die Fünfzigerjahre, von vielen, die weder Linke noch Exnazis waren, als Zeit des Aufbruchs angesehen wird. Haben beide Ansichten Recht, je nach Herkunft, Sozialisation und Milieu? Oder ist eine von ihnen irrig?

Solche nahe liegenden Überlegungen werden allerdings überlagert vom Gebrauch der Geschichte zu politischen Zwecken. Denn wenn die Fünfzigerjahre eigentlich ein Zeitalter der Aufklärung waren, dann war das Motiv der Revolte der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre bloßer Schein, Resultat einer selbstgerechten antifaschistisch-demokratischen Stilisierung. Dann käme es wirklich darauf an, ein für alle mal den angemaßten Moralismus zurück- und die linken Intellektuellen in die Schranken zu weisen. Trifft hingegen zu, dass die Fünfzigerjahre wesentlich unter einem autoritären, vordemokratischen Unstern standen, dann war Rebellion gerechtfertigt und vor allem: Sie bleibt es, wenn die Verhältnisse wieder versteinern und ein neuer Demokratisierungsschub nötig wird.

Aber nicht alles geht in den säuberlichen Frontlinien der geschichtspolitischen Debatte auf. Wer sich eine Linke wünscht, deren historische Verarbeitungskapazität sich nicht auf das Wiederkäuen von Mythen beschränkt, ist zur kritischen Sicht auch auf die Geschichte des eigenen Lagers verdammt. Wer waren sie, die linken Fuffziger, an welchen Gebrechen litten sie? Hatte vielleicht nicht sogar Klaus Harpprecht Recht, als er anlässlich einer viel zu früh abgebrochenen Kontroverse in der Zeit 1996 feststellte, die Linken seien damals nie in der Bundesrepublik angekommen, hätten deren demokratisches Potenzial verkannt, hätten nichts von dem Drive verstanden, der die westdeutsche Gesellschaft an die Seite der westlichen Demokratien trieb, hätten sich eingemauert in einem sterilen, großen Nein!? Und hätten dieses Nein den nachfolgenden politischen Generationen vererbt?

Die Linken der Fünfzigerjahre in den Westzonen, das waren Überlebende der Konzentrationslager, Übriggebliebene der katastrophisch ausgegangenen innerlinken Schlachten der Weimarer Zeit, Rückkehrer aus der äußeren oder „inneren“ Emigration. Und es waren Leute wie Theo Pirker, den Stalingrad zum Marxisten gemacht, oder wie Erich Kuby, der nie einen Schuss abgefeuert hatte. Und es waren junge Christen wie Walter Dircks. Sie alle einte eine große Hoffnung – und deren Scheitern.

Denn sie hatten das Jahr 1945, die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands als die historische Chance zum grundsätzlichen Aufbruch begriffen. Sie wähnten sich als Katalysatoren einer Bewegung, die zur Errichtung eines demokratisch-sozialistischen Deutschland fortschreiten würde.

Antikapitalisten gab es damals viele. Aber die benannte linke Haltung erwuchs aus einem moralischen Urteil über den Faschismus. Deshalb sahen diese Linken auch das sozialistische Projekt als moralische Umkehr, als selbst verantwortliche und selbst bewusste Tat. Wie genau dieser Sozialismus auszusehen hätte, blieb allerdings unklar, schemenhaft. Wichtig war allein die existenzielle Entscheidung für ihn.

Zwei Jahre lang schien die öffentliche Resonanz die Hoffnungen der Linken zu bestätigen. Zwar war den 1945 spontan entstandenen Antifa- und Betriebskomitees von den Alliierten rasch das Lebenslicht ausgeblasen worden, aber in einer Reihe industrieller Großbetriebe hielten sich noch Kerne der Selbstorganisation. In der Öffentlichkeit erzielten die Linken durchschlagende Erfolge. Es blühten neue Zeitschriften wie der Ruf. Die Menschen strömten in die Theater, ein Kabarett wie die von Erich Kästner als moralische Anstalt konzipierte „Schaubude“ in München war allabendlich ausverkauft. Die Filme der Defa (etwa Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“) erschütterten die Menschen ebenso wie die Bücher der einst verfemten Autoren, die man sich aus den Händen riss. Dann kam die Währungsreform – und alles, alles war vorbei.

Natürlich hatten sich die Linken getäuscht, als sie das Jahr 1945 als eine Art Nullpunkt ansahen, von dem aus alles möglich schien, und zwar unabhängig vom politischen Szenario, von der Aufteilung der Welt in feindliche Blöcke, die sich fast unmittelbar nach Kriegsende abzuzeichnen begann. Auch verwechselten sie die Irritation eines Augenblicks mit der Grundströmung innerhalb der (west-)deutschen Bevölkerung. Die griff hemmungslos zu, als der westdeutsche Teilstaat eine ökonomische Perspektive eröffnete. Dafür schluckte sie alles, die Teilung Deutschlands wie die Wiederbewaffnung.

Viele der Linken weigerten sich einzugestehen, dass die Karten nach der Kapitulation Nazideutschlands neu gemischt waren. Sie weigerten sich, den Weg Herbert Wehners zu gehen – die Anerkennung der geschaffenen Fakten in der Außen- und Sicherheitspolitik. Obwohl sie überzeugte Europäer waren, lehnten sie die Westintegration ab.

Aus all dem resultierte das unglückliche Bewusstsein, das große Teile der linken Intelligenz in den Fünfzigerjahren prägte. Unglücklich in dreifacher Hinsicht. In der Trauer um die verpasste Chance des Neuanfangs. Im Ekel vor dem Konsumrausch, der den Jahren des Aufbaus folgte und der den Linken nur als Verdrängungsleistung gegenüber der ursprünglichen Aufgabe erschien.

Vor allem aber in der Angst vor einem Rückfall dieses prekären Gemeinwesens Bundesrepublik in eine neue Art von Faschismus, in Militarismus und Krieg. Diese Furcht trübte den Blick auf die Wirklichkeit. Denn der patriarchalische, autoritäre, durch das Gefühl der Bedrohung aus dem Osten zusammengeschweißte Weststaat folgte einer ganz anderen Entwicklungslogik als der expansionistische Nazistaat. Die Bundesrepublik unterlag der amerikanischen Hegemonie, sie folgte deshalb auch der amerikanischen Politik, die in Europa auf Abgrenzung der Interessensphären der Supermächte und – seit Beginn der Sechzigerjahre – auf kontrollierte Entspannung setzte.

Und diese Hegemonie hatte auch kulturelle Auswirkungen. Individualität trat mehr und mehr an die Stelle der faschistischen Volksgemeinschaft, wenn auch noch in Formen privaten Wohlergehens. Dass es in der Justiz, in der Bundeswehr, im Auswärtige Amt und in vielen anderen Behörden vor Nazibeamten nur so wimmelte, war ein Skandal. Aber er war kein Zeichen der Faschisierung, denn diese Beamten funktionierten reaktionär und zuverlässig zugleich gemäß den Imperativen des neuen Staates – und die folgten dem Kapitalismus, nicht aber seiner faschistischen Herrschaftsform. Deshalb war der Lieblingsbegriff der unglücklichen Linken, der der Restauration, irreführend gewesen.

Denn weder war eine Restauration des Nazismus angestrebt, noch konnte man sagen, dass bürgerliche Produktionsverhältnisse nach 1949 restauriert worden waren – sie hatten schließlich nie zu existieren aufgehört.

Imaginierte, aus dem moralischen Entscheid und aus Hoffnungsblau geborene Projekte plus ständiger Angst vor dem Rückfall in die Barbarei: Das sind die zwei Hauptantriebe, die die unglückliche Linke der Fünfzigerjahre an uns weiter vererbte. Ein schönes, aber auch ein gefährliches Erbe. In die Waschmaschine damit? Keinesfalls. Sondern in die Änderungsschneiderei, zur Secondhandverwertung!

CHRISTIAN SEMLER, 62, taz-Autor seit 1989, lebt in Berlin