Der letzte Dissident

Im Darkroom und im Kulturbetrieb: Marko Martin sucht nach der Schönheit des Individuums – und hat mit „Der Prinz von Berlin“ einen antiautobiografischen Roman geschrieben. Darin zeigt er es allen, ob Innensenator oder „Kulturfuzzis“

Der erste Roman sollte nichts mit ihm selbst zu tun haben. Kein Wort von der DDR, der Auflehnung und Ausreise, kein Wort von der Schwierigkeit, in der Gegenwart anzukommen. Keine neue Ostwestgeschichte, kein Wenderoman, nichts. Dabei hätte der 30-jährige Autor Marko Martin genau das erzählen können. Wie er mit sieben den Eintritt in die Jungen Pioniere verweigerte und später den Wehrdienst. Er durfte kein Abitur machen und konnte nicht studieren, er sollte sich anpassen und Elektrotechniker werden im Arbeiter- und Bauernstaat. Mit 19 hatte er genug und siedelte in die Bundesrepublik über. „Die Leute wollen immer eine Heldenbiografie“, sagt er, „und sind später enttäuscht.“

Es ist Mittag. Marko Martin sitzt in einem Café in den Hackeschen Höfen und bestellt einen Irish Coffee. Er ist braun gebrannt und lutscht ein Bonbon. Um den Hals trägt er eine Kette mit einem Zeichen. Der hebräische Buchstabe „Chai“, erklärt Martin, sei in der jüdischen Tradition ein Symbol für das Leben und für die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Jemand hat ihm die Kette geschenkt, weil er meinte, das Symbol passe zu seiner Einstellung.

Noch ist es ruhig, aber gleich kommen die Touristen. Also redet Martin schnell über seinen Debütroman, „Der Prinz von Berlin“, der gerade erschienen ist und so gar nichts Autobiografisches enthalten will. „Ich habe mir viel erzählen lassen“, sagt er, und daraus hat er eine fiktive Figur geschaffen: Jamal Kassim ist ein junger Libanese, der von seiner Familie nach Berlin geschickt wird, um Bauingenieurwesen zu studieren. Zunächst studiert er aber die Körper der Männer und Frauen. Auf einer Party lernt er Kerstin „Glubschi“ Dembruschkat kennen, die ihn auf dem elterlichen Küchentisch in Berlin-Hellersdorf entjungfert.

Als sie „Uff! Uff! Uff!“ schreit, wird Jamal schlagartig bewusst, dass er eigentlich schwul ist. Also begibt er sich in den Darkrooms der Stadt auf die Suche nach Männern. Er versucht, sich in seinem neuen Leben einzurichten, er lernt die Sprache und findet sich zurecht. Er will nicht zurück, aber seine Aufenthaltsgenehmigung ist begrenzt. Ihm bleibt nur die Scheinehe mit einer Deutschen. Das Geld, um eine Frau zu kaufen, muss er sich aber erst verdienen, und so fängt Jamal noch einmal ganz unten an, als Kellner in der Kulturszene und als Bauarbeiter auf dem Potsdamer Platz. Obwohl Marko Martin das Gegenteil behauptet, hat er auf 560 Seiten die Entwicklung eines Charakters ausgebreitet, der erstaunliche Ähnlichkeit mit ihm selbst aufweist: Jamal möchte dazugehören, probiert verschiedene Gruppen aus und fühlt sich nirgendwo Zuhause.

Für die Geschichte hat Marko Martin jahrelang recherchiert. Seine Reisen führten in den Libanon und nach Israel, aber auch in der deutschen Hauptstadt waren ihm nicht alle „verschärften Orte“ vertraut. Nur den „Kulturpöbel“ habe er sich nicht erarbeiten müssen. Dem begegnet er oft genug auf Lesungen, nicht auf den eigenen, natürlich: Marko Martin schreibt seit Jahren für die Welt, die Zeit oder – früher einmal – für die taz.

In seinen Artikeln greift er immer wieder die „Schönredner“ an, fordert zum demokratischen Diskurs und zum Kampf für Menschen- und Bürgerrechte auf. Der totalitäre Staat, gegen den er rebelliert hat, existiert nicht mehr, aber Martin ist im Herzen ein Dissident geblieben, einer, der sagt und schreibt, was er denkt, und sich, wenn es sein muss, mit allen anlegt.

Und wie Martin selbst zieht auch Jamal über die „wirklich übel aus dem Mund stinkenden Kulturfuzzis“ her, über einen Innensenator, der wie eine „glatzköpfige Kröte“ aussieht, und über die „Verstrubbelten und Langzöpfigen“, die von ihrer Individualität überzeugt sind und trotzdem dazu neigen, „immer wieder die gleichen Orte aufzusuchen, auf rissigen Sofasitzen zusammenzuhocken und Klumpen zu bilden“.

Individuum und Gesellschaft, das sind die beiden Schlüsselbegriffe im Leben und Werk Marko Martins. Immer wieder kommt er darauf zurück, erklärt, dass es ihm um die „Schönheit des Individuellen“ gehe, darum, wie man dem „Kollektiv und seiner Unterwerfungsforderung“ entkommt, seine Würde verteidigt und für andere Menschen offen bleibt.

Gerade hat er seine Magisterarbeit über die deutsch-amerikanische Zeitschrift Der Monat abgeschlossen, in der Autoren wie Theodor W. Adorno und Jean-Paul Sartre veröffentlichten. Die Zeitschrift wurde 1971 eingestellt, in dem Jahr, in dem Marko Martin geboren wurde. In gewisser Weise hat er das Erbe des Herausgebers Melvin Lasky angetreten und bisher zwei Bücher über den Monat geschrieben. Manchen galt Lasky als „berufsmäßiger Provokateur“, Martin dagegen will „die Pose des Unangepassten“ nicht kultivieren und hofft, nie „in so eine Attitüde“ hineinzurutschen.

Vielleicht hat er deshalb Mitte der 90er einen längeren autobiografischen Text erst einmal beiseite gelegt. Jetzt wird er das Manuskript wieder hervorholen.