Wer ist hier eigentlich der Max?

Verwirrung im Gericht: Gerd-Hinrich Schnepel sagt, er sei Max. Rudolf Schindler schweigt. Und Hans-Joachim Klein fragt sich, ob er meschugge ist

Ein graues Gesicht, kalkweiße Bartstoppeln, die Hände fahrig. Hans-Joachim Klein (52) sitzt zusammengekauert auf der Anklagebank im Saal 165 C des Frankfurter Landgerichts, als ob er ständig friere. Gegen diese Kälte hilft auch die dicke Daunenjacke nicht. „Für zehn Minuten Opec“, hatte er zu Prozessbeginn im Oktober gesagt, „zahle ich seit 25 Jahren.“ 25 Jahre, die er versteckt gelebt hat, ehe er 1999 in einem kleinen französischen Dorf verhaftet wurde.

Während der ersten Verhandlungstage hatte Klein in ungehemmtem, launigem Redefluss über seinen Werdegang in der linken Frankfurter Spontiszene berichtet. Den Tathergang schilderte er ebenfalls bereitwillig. Als mögliche Todesschützen nannte er die 1995 verstorbene Deutsche Gabriele Kröcher-Tiedemann und den Terroristen Illich Ramirez Sanchez, besser bekannt als „Carlos“. Allein: Aus Wien angereiste Zeugen widersprachen seiner Aussage vehement. Und Hans-Joachim Klein? Der klagte prompt über Herzbeschwerden.

„Ich war Max und Sharif. Max hieß mein Hund. Sharif wegen Omar Sharif.“

Und schweigt.

Da klingt es seltsam unangemessen, wenn der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke aus dem 1979 erschienenen Buch „Rückkehr in die Menschlichkeit“ vorliest, in dem ein früherer Hans-Joachim Klein im Ton des Schelmenromans vom Opec-Überfall und seiner späteren Flucht vor den ehemaligen Kampfgefährten der deutschen „Revolutionären Zellen“ (RZ) und der palästinensischen Befreiungsbewegung PFLP berichtet. Und immer wieder beteuert, er selbst habe in Wien niemanden erschossen und die Eskalation der Gewalt auch nicht gewollt.

Dass das allein ihn nicht vor einer langen Haftstrafe bewahren werde, hatten Hans-Joachim Klein und sein Verteidiger Eberhard Kempf von Anfang an ahnen können. Wohl deshalb setzen sie darauf, dass der Angeklagte in den Genuss der eigentlich nicht mehr gültigen Kronzeugenregelung kommen könne. Hans-Joachim Klein nannte denn also den Namen seines jetzigen Mitangeklagten, Rudolf Schindler (57). 1975 sei er in Frankfurt von dem Terroristen Winfried Böse für das Opec-Terrorkommando rekrutiert worden. Schindler sei dabei gewesen, habe unter den Decknamen „Max“ und „Sharif“ auch in der Vorbereitung des Attentates mitgewirkt und ihm, Klein, später, als er aussteigen wollte, nach dem Leben getrachtet.

Rudolf Schindler hat von Anfang an geschwiegen und sitzt schmal und aufmerksam neben seinen Verteidigern Hans Euler und Jürgen Fischer. Sie präsentierten dem Gericht in der vergangenen Woche ihren eigens aus Nicaragua angereisten Hauptentlastungszeugen Gerd-Hinrich Schnepel (57), der sich als ehemaliges RZ-Mitglied zu erkennen gibt und für sich in Anspruch nimmt: „Ich war Max und Sharif.“ Den „Max“ habe er sich selbst ausgesucht, weil auch sein Hund so geheißen habe. Für die Palästinenser sei er „Sharif“ gewesen. „Wegen Karl May?“, fragt Vorsitzender Heinrich Gehrke den eloquenten, wie ein Oberlehrer dozierenden Zeugen. Schnepel: „Nein, wegen Omar Sharif.“

Der Entwicklungshelfer Gerd-Hinrich Schnepel sagt aus, er sei damals mit der 1976 bei einer Flugzeugentführung in Entebbe erschossenen RZ-Anführerin Brigitte Kuhlmann liiert und nur deren Chauffeur gewesen. In diesen beiden Funktionen habe er kurz vor dem Anschlag auch zusammen mit Kuhlmann im selben Hotel übernachtet wie Klein. Er selbst habe aber nichts von dem geplanten Attentat gewusst. Klein und Schindler, der ebenfalls zur RZ gehört habe, habe er schon vor dem Anschlag gekannt und später im Jemen wiedergetroffen. 1977 habe er sich ohne Probleme von der RZ getrennt.

Schnepel bestreitet, dass die RZ Klein jemals nach dem Leben getrachtet habe. Er selbst habe sich im Gegenteil zusammen mit dem in Berlin inhaftierten Terroristen Johannes Weinrich um Klein gekümmert, ihn in einem einsamen Haus im Aostatal in Norditalien versteckt und „betreut“. Dessen spektakulärer Ausstieg habe ihn „total überrascht“. Die von Klein gegen die RZ erhobenen Vorwürfe seien völlig „hirnrissig“. Weder sei die Ermordung jüdischer Gemeindemitglieder in Deutschland je ernsthaft geplant worden, noch habe Klein sich bedroht fühlen müssen. Er selbst habe diesen allerdings von Anfang an nicht leiden können, ihn für psychisch instabil und einen „Angeber“ gehalten: „Er schwätzte viel und versuchte, Eindruck zu machen“, sagt Gerd-Hinrich Schnepel. Wie auch immer. Im Jemen sei Klein als Held gefeiert worden und habe viel und gerne über den Anschlag geredet. Und, sagt Schnepel, er erinnere sich daran, dass dort damals gesagt wurde, Klein selbst habe niemanden erschossen. Einen der Morde habe damals Gabriele Kröcher-Tiedemann für sich reklamiert.

Nach Schnepel gefragt, gerät Klein fast aus der Fassung: „Ich kenne den Mann nicht. Ich versteh nicht, was hier abläuft!“ Seine Hände greifen ins Leere, als er stammelnd beteuert: „Der Max war der Herr Schindler. So was vergisst man in seinem Leben nicht!“ Und leiser, wie zu sich selbst: „Ich bin doch nicht meschugge geworden!“ Richter Gehrke versucht vergeblich, dieser Frage nachzugehen. Ob Klein ihn womöglich „raushalten“ wolle, fragt er Schnepel, und deshalb Schindler beschuldige. Nein, sagt der Gefragte, er glaube vielmehr an „Erinnerungslücken“ bei Klein. „Wenn aber Sie Max und Sharif waren, und Schindler nicht Max und Sharif war ...?“, fragt einer der Beisitzenden Richter ratlos in den Saal. Ja, was dann?

Ja, dann wird das wohl auch nichts mit der Finte, auf die die Verteidiger Kleins, der renommierte Rechtsanwalt Eberhard Kempf und seine Kollegin Eva Dannenfeld, setzten: Wird Schindler freigesprochen, ist Klein kein Kronzeuge mehr.

„Der Max war der Herr Schindler. So was vergisst man in seinem Leben nicht!“

Gerd-Hinrich Schnepel jedenfalls belastet gestern wiederum den grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit, der Klein 1977 zusammen mit anderen Frankfurter Intellektuellen bei der Flucht nach Frankreich half und finanziell unterstützte. Er, Schnepel, habe Cohn-Bendit Anfang der 80er-Jahre aufgesucht, um mit diesem über Kleins Buch und jene darin enthaltenen „falschen“ und „ehrabschneidenden“ Behauptungen zu reden, die ihn als ehemaligen „Max“ und „Sharif“ empört hätten. Cohn-Bendit habe ihn beruhigt und gesagt, auch er selber nehme Kleins Text „nicht so wörtlich“, versuche auch, ihn „zu bremsen“, unterstütze ihn aber weiter, damit er „ein normales Leben“ führen könne.

Das mit dem „wörtlich nehmen“ lässt sich morgen vielleicht genauer klären. Dann soll Daniel Cohn-Bendit als Zeuge gehört werden. Für den 7. Dezember ist der Frankfurter Kabarettist Matthias Beltz geladen, ebenso wie Bundesaußenminister Joschka Fischer ein alter Bekannter Kleins aus der Sponti-Zeit.

Joschka Fischer reagierte gelassen auf die Ladung von Richter Gehrke. Er wolle gerne aussagen, müsse aber doch dafür nicht nach Frankfurt reisen.