Die License zur Nullposition

Goldene Zeiten für Literatur (XIII): Deutsche Schriftsteller produzieren wieder eine Ironie, die auf einer Normalität ruht, für die sich keiner mehr schämt

von DIEDRICH DIEDERICHSEN

Um nicht über zu viele ver- schiedene Fragen zu reden, nur eine Sorte Pop-Literatur: von Kracht bis Naters, von von Lange bis zu von Stuckrad-Barre, von www.ampool.de bis zur Tristesse Royale. Die Bewohner dieser Welt bilden das kompakteste neue Phänomen. Ihre Texte sind leicht konsumierbar, aber dennoch distinktiv genug, um ein spezifisches, stilistisch hellhöriges und empfindliches, nämlich jungerwachsenes Publikum anzusprechen, das falsche Töne leichter erkennt als falsche Positionen. Dieses Publikum wird weniger zur gemeinsamen Reflexion gewonnen als für fast euphorische Zustimmung mobilisiert, erneut nicht unbedingt zu den Positionen, wie sie sich aus den ranzigen Feindbildern bei Kracht und Stuckrad-Barre ex negativo ableiten lassen, sondern zum Ton. Was man den zahlreichen Leserrezensionen etwa bei Amazon entnehmen kann.

Es ist eine in hohem Maße konventionelle und gleichzeitig technisch sehr gut gemachte Literatur. Sie verlässt die Welt der Kenntnisse und Vorstellungen ihrer Leser nie, sie blendet keine Fremdheiten und fremdartigen Perspektiven ein. Sie erzählt und verlässt die Wege der Erzählung nur insofern, als aus anderen Medien gewohnte Formen dies ästhetisch genügend vorbereitet haben. Gleichzeitig ist sie bemüht, Zeitgenossenschaft vor allem durch Benennung der zeitgenössischen Phänomene zu belegen, nicht durch ihre Beschreibung. Beschrieben werden eher das innere und äußere Leben der Protagonisten, und auch diese sind meist konventionell: heterosexuell, weiß, deutsch und auch sonst ganz normal. Aber sehr zeitgenössisch.

Die Schönheit des Aktuellen

Aus dem Konventionellen und Standardisierten steigt durch Überschreiten einer historischen Schwelle etwas Neues empor. Die biografisch neuen, die jungen Leute, verständigen sich im Modus ihres subjektiven Neuheitserlebnisses über das objektiv Neue, den historischen Moment. Leider vergessen so geprägte Künstler zu oft das historische Gewordensein solcher Momente und blicken dauerhaft verliebt auf nur die geschichtsabgewandte Seite der Phänomene. Jedenfalls bringt solche Neuigkeit, wenn sie auf ein großes neues Publikum trifft, einen bestimmten Wahrheitseffekt hervor. Die Schönheit des Aktuellen. Wenn viele junge Menschen etwas im gleichen Moment für enorm treffend und evident halten, wird dies wirklich irgendwie wahr. Dieser Effekt ähnelt in der Tat dem des Pop-Songs in seinem goldenen Zeitalter: in den Jahren 57 bis 69. Ein Wahrheitseffekt entsteht durch die Gleichzeitigkeit neuer Stimmen und eines neuen Publikums in einem ansonsten konventionellen Rahmen. Ein Ton erhebt sich und summt. Dagegen hilft auch keine Schnöselkritik. Es sei denn eine, die den Schnöseln Langweiligkeit nachweist – nicht mangelnde Kritikfähigkeit.

Deswegen ist es aber noch lange nicht so, wie es Georg M. Oswald sieht, der Kritik für nicht mehr möglich hält, weil auch der Vorstandsvorsitzende Adorno zitiert. Erstens spreche das ja von seinem konformistischen Weltbild aus für die Produktivität von Kritik, zweitens weiß auch die Kritik schon einige Jahrzehnte, dass sie nicht von einem absoluten Außen kommen kann, wie Oswald unterstellt, dass sie es glaubt: Sie ist aber so lange möglich und nötig, wie es ein Außen der stickig-zugeschnürten Oswald-Welt von zum Erfolg verdammten E-Börsianern noch gibt. Affirmation, Oswalds brandneue Alternative zu alternativem Losertum, ist dann ja wiederum nur so lange interessant, wie man auch nicht affirmieren, nämlich kritisieren könnte. Da, wo – seiner Logik folgend – nur noch Affirmation möglich wäre, wäre sie auch das Ödeste. Ist sie aufgrund ihrer allgemeinen Dominanz sowieso.

Gerrit Bartels spitzt das Pop-mäßige an den von ihm verteidigten Literaten definitorisch auf die zentrale These zu, Pop sei das Setzen von Unterschieden. Rainald Goetz würde ihm da wahrscheinlich ins Gesicht springen. Er meint ja immer, die Unterschiede seien doch schon da, jeder sei doch schon so vielfach geschieden von seinen Mitmenschen, dass es um das Setzen von Gemeinsamkeiten gehe. Mein dialektischer Vorschlag zur Güte wäre der, dass das Setzen von Differenzen für eine Gruppe gegen alle anderen, die Ermöglichung eines nicht zu aufdringlichen Wir genau mit dem Wahrheitseffekt von Pop zusammenhängt. Es gibt ja logischerweise keine Gemeinschaft und keine Gemeinsamkeit, die nicht von einem Unterschied zu etwas oder jemand anderem geprägt ist.

Diese Unterschiede sind schon seit langem in der Krise. Mark Terkessidis hat wiederholt darauf verwiesen, dass sie die Konstitution der alten politischen Gemeinschaften der Arbeiterorganisationen, der Parteien und der Bewegungen ersetzen mussten, die bodenlos geworden waren. Ihr Ersatzprogramm im kulturellen Bereich hatte immer schon die Wahl, entweder die alten, politischen Unterscheidungen auf neue, kulturelle abzubilden und dazwischen Verbindungen zu schaffen oder zu kappen – und nur den moralisch-politischen Beigeschmack in der Form des Setzens von Differenzen aufrechtzuerhalten und als Legitimitätsressource auszubeuten.

Zeitgenössische Differenzen können zwar immer noch dem Entrinnen aus einem (kulturellen) Zwangsverhältnis dienen. Sie können, statt politische Bündnisse zu ersetzen, die nächsten zu setzenden entwerfen. Meist erschöpfen sie sich in kraftvollen, aber zunehmend leeren Geschmacksunterschieden, die sich darauf berufen können, dass in der jüngeren Vergangenheit der bürgerlichen Distinktion, in den goldenen Zeiten des Pop, das Prinzip des kraftvollen Setzens für die Politizität von Geschmacksdifferenzen einstand. Die von Bartels geschilderte Aktion von Stuckrad-Barre und Kracht gegen Stefan Raab ist so ein Fall, der sozusagen auf der Höhe des Problems spielt.

Natürlich gibt es kaum einen schweren, benennbaren weltanschaulichen, politischen Dissens dieser Autoren mit Raab. Dennoch muss, um die Währung der Coolness, mit der sie spekulieren, nicht ins Bodenlose stürzen zu lassen, eine dramatische Differenz zu Raab inszeniert werden. Solche dramatischen und dann wieder ins Selbstironische kippenden Differenzen um nichts sind das Material, aus dem sich Individualität, zumal neue, junge Individualität heute generiert. Im gut Gemachten, in der enormen Professionalität, ist man sich sehr ähnlich, nur mit einer großen Geste kann man sich wenigstens symbolisch noch ein bisschen unterscheiden. Ähnlich ist das Bekenntnis zu bewerten, Ironie sei vorbei. Der Verdacht nämlich, nichts als Ironie zu produzieren, war zu massiv geworden. Aber es ist keine andere Haltung an ihre Stelle getreten.

Solch Setzen von starken stilistischen Unterschieden hat immer weniger Korrelate und Bezugspunkte außerhalb des Stils. Damit überantwortet es sich der ohnehin obwaltenden gesellschaftlichen Gravitation. Unterschiede ohne näher markierte Inhalte erweisen sich letzten Endes als bloße Funktionen nackter Statusunterschiede. Zu dem Programm einiger Autoren, wie etwa Kracht, gehört es, dies auch herauszustellen. Dabei kann man zu seinen Gunsten annehmen, dass die klebrig-bittere Verzweiflung, die man in seinen Texten findet, sich auch der so geschilderten Ausweglosigkeit verdankt, dass am Ende nichts bleibt außer Status und Privileg.

Jedenfalls ist dieser Eindruck – wie auch immer des Autors manchmal fast ins Dummreaktionäre kippende Statements wirklich gemeint sind – produktiver als Matthias Polityckis gegen die neue Pop-Literatur gerichtetes Aufwärmen der Kategorie des intelligent gemachten gegen den dummen Pop; in seinen Worten „Beck“ gegen „Heintje“. Du meine Güte! Wer sich gegen das prinzipielle Risiko der Peinlichkeitsnähe zu anderen, nichtnurintellektuellen, allerdings mit anderen Erkenntnismöglichkeiten begabten Zugangsweisen zu Pop absichern will, mit dem Bekenntnis zu Pop-Stars, die ganz doll schlau samplen können, soll doch auf einer nassen Sting-CD ausrutschen. Nichts gegen lange Sätze, wenn sie gepflegt sind. So einiges, dachte ich, hatten wir doch in den 80ern schon geklärt.

Das, was mir hingegen von dem in mancher Hinsicht irren und ganz anderen Konzept einer Literatur im Popmusik-Umfeld aus den 80ern heute noch verteidigenswert erscheint, ist nicht unbedingt das, was es mit Pop-musik gemeinsam hatte: nämlich die Idee einer größenwahnsinnig-gesamtkunstwerkigen, universellen Verfügung über alle künstlerischen Mittel und Traditionen. Es ist eher die gezielte Mischung aus Wissenstypen: Naturwissenschaft, Journalismus, Privatsprachen, Politik, Sex, Dritte Welt – und Pop. Dies als genuine Chance der Literatur als Erkenntnisform, die verschiedene Denk- und Diskursformen integrieren und konfrontieren kann: gegen den schon damals anschwellenden Chor des Wieder-erzählen-Dürfens, der verschiedenen Rückrufe zur Ordnung.

Denn genau von einer solchen Konzeption der Literatur ist die aktuelle Pop-Literatur am allerweitesten entfernt – und daher unfähig, über bestenfalls bittersüße, aber schlaue Melancholie hinauszutreten. Über das Zelebrieren kleiner und großer, aber stets leerer Differenzen und um dieser kleinen konformistischen Freuden willen, hat sie den gesamten Reichtum jener expansiven, einen Außenstandpunkt suchenden Literatur, für die in Deutschland niemand so sehr stand wie Hubert Fichte, vergessen. Zu Fichtes Zeiten hieß, als junger Autor für junge Leser zu erzählen, eben gerade nicht, von dem zu sprechen, was man schon kennt, ein Repertoire aus Vereinbarungen darüber zu etablieren, was man an Marken und Fernsehserien prägend hinter sich hat, sondern von dem, was man tun könnte, was man wissen und erfahren könnte. Folgerichtig interessierte er sich für andere Ausgangs- und Aussichtspunkte: Afrika, Postkolonialismus, synkretistische Religionen. Ein deutscher Schriftsteller musste weg aus Deutschland. Auch in diesem Punkt hat sich alles gewendet.

Deutsche Schriftsteller produzieren wieder eine Ironie, die auf einem Normalfall aufruht, einer deutschen Mittelklasse-Normalität, für die sich keiner mehr schämt. Alexander von Schönburg schrieb neulich in den Berliner Seiten: „Das Kaiser’s-Geschäft kann man, Richtung Bergmannstraße gehend, nicht passieren, ohne von dort herumlungernden Gestalten angesprochen zu werden. Meistens wollen die jungen Leute, die wahrschein- lich durch Rauschgiftabhängigkeit ins soziale Elend gerutscht sind . . .“ Die elende Verschmitztheit, mit der hier ein innerer Spazierstock stolz antiquierte Ausdrücke aufspießt, weiß, dass weder Ressentiment gegen die Penner noch Solidarität oder Mitleid irgendwie in Frage kommen, ja auch nur noch vor demselben Horizont stattfinden: Die elenden jungen Leute sind genauso weit weg wie die komische Sprache, derer man sich hier amüsiert befleißigt. Man hat mit allem nichts zu tun und kann es deswegen so schön beschreiben und benutzen. Billig, darauf zu hoffen, dafür das Kompliment dandyistisch einstreichen zu dürfen.

Schutzraum vor Positionen

Dagegen hilft aber auch nicht Maxim Billers zorniges altes Einklagen moralischer Kerle-Literatur. Literatur kann moralischen Imperativen nicht ohne Verlust genau des ihr spezifischen Erkenntnisvermögens gehorchen, sie kann nur in Verbindung stehen mit moralisch-politisch begründeten Entwürfen und Bewegungen. Und weil damit jeder neugierige junge Mensch automatisch in Verbindung stand und die Literatur die Wissenstypen mischte, passierte das früher von selbst. Gerade indem sie sich für die Literatur entscheiden, versuchen sich aber heute die meisten jungen Autoren von solchen selbstverständlich immer noch möglichen Bezugnahmen abzusetzen. Das alte Medium dient als License zur Nullposition. Aus der Chance zur Offenheit und Ambivalenz wird ein Schutzraum, wo ich keine Position zu haben brauche. Ob man das nun nur erbärmlich findet oder an Regentagen gut verstehen kann.

An solchen lese ich am liebsten Marcel Beyer. Der weiß auch viel über Popmusik und schreibt darüber – aber an anderen Orten als in den vor allem ernsthaften Büchern von ihm, die von etwas ganz Anderem handeln. Sehr genau und eigenlogisch literarisch – und eben doch mit einer Verbindung zur Realität einer geschichtlichen Welt.