„Wir liefern die moralische Basis“

Frauen sollten einen Beruf lernen, aber sie sollten ihn nicht ausüben müssen, um die Familie zu ernähren

Interview PASCAL BEUCKER
und EBERHARD SEIDEL

 Herr Erbakan, wir möchten heute mit Ihnen nicht über das Kopftuch diskutieren, einverstanden?

Mehmet Sabri Erbakan: Das sollten Sie auch mit einer Frau tun, die ein Kopftuch trägt, und nicht mit mir.

Wir kommen von einer kleinen Zeitung, die stets nach neuen Lesern sucht. In Ihre Einrichtungen strömen die Menschen. Was machen wir falsch?

Oh, wir sind in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig, ich glaube nicht, dass wir so wahnsinnig viel voneinander lernen können. In der Vermittlung gibt es vielleicht Parallelen.

Die taz setzt sich traditionell für diskriminierte Minderheiten ein. Was sagen Sie einem jungen Muslim, der zu Ihnen kommt und fragt: Ich liebe einen Mann, was soll ich tun?

Wir sind noch nie mit diesem Thema konfrontiert worden, das wäre ein Novum und wir müssten erst einmal sehen und unsere Theologen befragen.

Was würden Sie dann wohl sehen?

Ich habe dazu eine Meinung, aber nicht als religiöse Organisation.

Lassen Sie uns persönlich werden.

Ich glaube nicht, dass Homosexualität mit den Lehren des Islam vereinbar ist.

Wir meinen, Mann und Frau sind gleichberechtigt, Milli Görüs dagegen sagt, sie seien gleichwertig. Was ist der Unterschied?

Die Rechte der beiden Geschlechter sollten auf ihre jeweiligen Lebenssituationen zugeschnitten sein und die ist bei einer allein stehenden Frau oder einer Mutter anders als bei einem Mann.

Gleichberechtigung ist mit handfesten Rechten verbunden. Stellen Sie die in Zweifel?

Was den ganzen Regelungsbereich im Gesetzbuch betrifft, würde ich auch für die Gleichberechtigung plädieren. Dennoch sollten wir die Gleichwertigkeit nicht nur an Rechten festmachen.

Geht es Ihnen nicht vielmehr um die Betonung der biologischen Differenz von Mann und Frau?

Viele Frauen, unabhängig von ihrem religiösen Bekenntnis, sind doch der Auffassung, dass die Stellung der Frau zwischen Karriere, ihrem Dasein als Mutter und ihrer Rolle in der Familie gesellschaftlich noch nicht zufrieden stellend gelöst ist. Nach unserer Auffassung sollten Frauen durchaus einen Beruf erlernen und ausüben, aber sie sollten ihn nicht ausüben müssen, um die Familie zu ernähren.

Im Gegensatz zu Milli Görüs gibt es bei der taz keine Geschäftsgeheimnisse: Wir haben rund 150 feste Mitarbeiter, eine Auflage von knapp 60.000 und einen Jahresumsatz von zirka 35 Millionen Mark. Und bei Ihnen?

Wir haben hier in der Kölner Zentrale im Schnitt so 60 Angestellte. In den Gemeinden kommen dann noch 1.000 bis 1.200 Mitarbeiter hinzu. Unser Jahresumsatz bewegt sich zwischen 400 und 450 Millionen Mark.

Niemand weiß, welche Organisationen Mitglied bei der IGMG sind. Nach unseren Informationen sollen ihr weltweit rund 2.000 Vereine angegliedert sein. Könnten Sie uns nicht ein Verzeichnis der Mitgliedsorganisationen mitgeben, damit Klarheit herrscht?

Ein solches Verzeichnis haben wir sicher nicht. Ich habe noch nie ein gedrucktes Verzeichnis gesehen. Aber wir haben ein Organisationsbüro, wo einigermaßen Buch geführt wird.

Aber Sie werden hier in der Zentrale doch einen Überblick haben?

Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass wir jeden einzelnen Mitgliedsverein erfasst haben.

Aber das, was Sie haben, könnten Sie uns zur Verfügung stellen?

Ja.

Wann?

Im September, Oktober.

Altlinke Kader wie Außenminister Joschka Fischer haben sich mit dem Studium von Marx und anderen Klassikern der Gesellschaftskritik auf größere Aufgaben vorbereitet. Wie wurden Sie durch ihren Onkel, den ehemaligen Ministerpräsidenten der Türkei und Islamistenführer Necmettin Erbakan, auf Ihre Aufgabe als Kader der islamistischen Sache vorbereitet?

Von ihm bin ich gar nicht vorbereitet worden, da wir kaum gemeinsame Zeit miteinander verbracht haben. Ich wurde 1967 in Köln geboren und lebe seitdem hier und er in der Türkei.

Es gibt Telefone und Flugzeuge . . .

Pädagogik durch Jet-Set funktioniert nicht. Aber die Frage ist interessant, weil hinter ihr die Annahme steckt, dass jemand wie Necmettin Erbakan, der in der Türkei sozialisiert wurde, jemanden wie mich, der in einer sich so schnell wandelnden pluralistischen Gesellschaft wie der deutschen arbeitet, anleiten könnte.

Wer hat bei Milli Görüs die Hosen an? Der alte Necmettin oder der junge Mehmet?

Weder noch. Bei Milli Görüs sind die Bedürfnisse und Meinungen der Mitglieder und Menschen und der Gemeindevorstände maßgebend.

Aber in Ihrer Verbandszeitung Milli Gazete wird Ihr Onkel nach wie vor als der Führer von Milli Görüs bezeichnet.

Wir müssen unterscheiden zwischen der Milli Görüs als Organisation und Milli Görüs als Bewegung. Als Letzteres wird Milli Görüs in der Literatur als ein Ideal gehandhabt, vergleichbar der Sozialdemokratie und ihrem Verhältnis zu Willy Brandt. Necmettin Erbakan wird als Urheber dieser Idee bezeichnet, das ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Vorsitz in der IGMG.

Ihre letzte Jahreshauptversammlung im Juni in Köln war keine Literatur, sondern eine politische Demonstration. Auch dort wurde Necmettin Erbakan als Führer gefeiert.

Natürlich ist er Führer dieser geistigen Bewegung.

Sie behaupten, ohne Milli Görüs sähe es in Köln-Nippes und in Berlin-Kreuzberg viel unruhiger aus. Wie kommen Sie darauf?

Unsere Gemeinden haben den heranwachsenden türkischen Jugendlichen über viele Jahre hinweg eine moralische Basis und Werte vermittelt, die dazu führen, dass sie weniger delinquent sind. Die Straffälligkeit von Jugendlichen, die einen Korankurs durchlaufen haben, liegt deutlich niedriger als bei anderen. Das ist ein erheblicher Beitrag, der von keiner Seite honoriert wird.

Ihre Arbeit wird honoriert. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen betont, dass die Familienwerte von Milli Görüs und der CDU recht nahe beieinander liegen. Auch die Ausländerbeauftragte in Berlin, Barbara John, und der Kölner Bürgermeister Fritz Schramma schätzen Ihre Arbeit.

Das sind erste Anzeichen, dass unsere Arbeit doch honoriert werden könnte.

Kommen wir zu einem unerfreulichen Thema, dem Verfassungs- schutz . . .

. . . ist das für Sie ein unangenehmes Thema?

Als Linke haben wir gelernt, mit dieser überflüssigen Einrichtung zu leben. Aber Sie beschweren sich seit Jahren darüber, dass Sie von ihr beobachtet werden. Warum gehen Sie nicht gerichtlich dagegen vor?

Sie können dem Bundesamt für Verfassungsschutz die Einstufung als verfassungsfeindlich nicht untersagen, weil gesagt wird: Selbst wenn die Bewertung aktuell nicht zutrifft, kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine solche Bewertung in Zukunft zutreffen könnte. Das ist die juristische Spitzfindigkeit. Darum gehen wir dagegen weniger rechtlich, sondern politisch vor. Wir weisen die Herrschaften darauf hin, dass kaum etwas Substanzielles in ihren Berichten steht und dass sie von falschen Bewertungen ausgehen. Zum Beispiel von solchen Dümmlichkeiten: Milli Görüs sei als extremistische Organisation einzustufen, weil sie die laizistische Staatsordnung in der Türkei abschaffen möchte. Wenn man das Grundgesetz ernst nimmt und sich die Praxis der laizistischen Ordnung in der Türkei anschaut, dann kann man nur gegen eine solche Praxis sein.

Milli Görüs behauptet, die Deutschen pflegten das Feindbild Islam. Ist Bundespräsident Rau islamfeindlich?

Nein.

Ich persönlich glaube nicht, dass Homosexualität mit den Lehren des Islam vereinbar ist

Bundeskanzler Schröder?

Ist mir nicht bekannt.

Die Bundesregierung?

In einigen ihrer Aktionen.

Welchen?

Bundesinnenminister Otto Schily in seiner Eigenschaft als Herausgeber des Verfassungsschutzberichtes.

Die SPD?

Nein.

Die CDU?

An diesem Punkt ist die CDU viel auffälliger als andere Parteien.

Die Grünen?

Nein.

Die Berichterstattung der taz?

In einigen Absätzen.

Welchen?

Die streiche ich Ihnen noch raus.

Wir danken für den Hinweis.