Können Kleinkinder homosexuell sein? In den USA wird über frühes, gender-untypisches Verhalten debattiert.von ULRICH GUTMAIR
BERLIN taz Leonard trägt gerne pinkfarbene Tüllröckchen und lässt sich seit kurzem von der Mutter als Tochter Leila vorstellen. Manche Eltern in der Kita wissen nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. Leila ist nämlich erst dreieinhalb. Seine Mutter allerdings nimmt es gelassen. Sie hält Heterosexualität für ein theoretisch eher mageres Konzept. Außerdem ist ihr bekannt, dass es in der kindlichen Entwicklung zu homoerotischen Phasen kommen kann. Und abgesehen davon hätte sie auch kein Problem damit, eines Tages ein Coming-out am Küchentisch zu erleben.
So hat sie jenen besorgten amerikanischen Eltern einiges voraus, die sich auf nationalen Mailinglisten über das "genderuntypische Verhalten" ihrer Kleinkinder austauschen. In der aktuellen Village Voice, die sich anlässlich des Christopher Street Days als "Queer Issue" präsentiert, kann man von Leilas New Yorker Pendants lesen. Vater Arnold etwa fragt sich dort, was es damit auf sich hat, dass sein Sohn Joseph vor allem seine Barbie liebt. James wiederum rauft zwar gern mit anderen Jungs, liebt aber pinkfarbene T-Shirts in Übergröße. "Und jetzt will er Mädchensachen haben", sagt seine Mutter.
Julia Reischel, die Autorin des Artikels, der von Village Voice mit dem Slogan "Born to be Gay" beworben wird, ist stolz darauf, mitverantwortlich für eine Welle von Berichten zu sein, die von Transgenderkindern handelt. Sie schrieb vor einem Jahr über einen fünfjährigen Jungen, der hartnäckig darauf beharrte, ein Mädchen zu sein, bis ihn seine Eltern auch so behandelten. Inzwischen ist das Kind - seine Name ist Jazz - in den Talkshows angekommen. Allerdings hat die jüngste Transgenderwelle in den Medien auch Schattenseiten, meint Reischel. Denn die Idee der Gendervarianz, mit der Wissenschaftler heute gerne operieren, mache es Erziehern und Eltern allzu leicht, sich vor der Tatsache zu drücken, dass sie es schlicht und einfach mit homosexuellen Kindern zu tun haben.
Denn Joseph hat gar kein Problem damit, ein Junge zu sein, er zeigt nur hin und wieder ein Verhalten, das sein elterliches Umfeld unter mädchenhaften Tendenzen subsumiert. "Ich versuche Hinweise zu finden, zu wem er sich hingezogen fühlt", wird sein ratloser Vater außerdem zitiert, "aber ich habe keine Ahnung." Reischel hat da ihre eigene Idee, die durch elegante Einfachheit besticht: Wenn Schwule und Lesben massenhaft darauf bestehen, schon immer schwul und lesbisch gewesen zu sein, und inzwischen wissenschaftlich erwiesen ist, dass Homosexualität angeboren ist, dann müssen unsere Kindergärten voller schwuler und lesbischer Kinder sein.
Obwohl sich Teenager immer früher outen, klammerten die Verbände von Schwulen, Lesben und Transgenderpersonen die jüngeren Altersgruppen strikt aus, schreibt Reischel. Auch Lehrer sprächen nicht gern von schwulen Kindern. Beide Gruppen hätten schlicht Angst davor, man könne ihnen eine pädosexuelle Agenda unterstellen. Wenn ein kleiner Junge ein kleines Mädchen heiraten will, fänden das alle niedlich, wenn ein Junge einen Jungen heiraten will, wollten die Eltern das Kind "nicht festlegen". Eben das sei das Problem, glaubt Reischel, das damit zu tun habe, dass die kindliche Sexualität weithin ignoriert werde.
Hier wird's interessant, und hier, bei diesem letzten Tabu angelangt, wagt sich auch die Village Voice nicht so recht vor: Schwulsein sei ja nicht nur eine genitale, sondern auch eine psychologisch-kulturelle Angelegenheit. Stattdessen reitet Reischel eine Attacke gegen die in ihren Augen pseudoliberale, weil latent homophobe Attitüde der meisten Eltern und Erzieher, man müsse eben "alle Optionen offenhalten". So fehlten schwulen und lesbischen Kids die nötigen Vorbilder, an denen sie sich in den schweren Zeiten ihrer Selbstfindung orientieren könnten. "Etiketten", zitiert Reischel einen ihrer wissenschaftlichen Kronzeugen, "sind extrem wertvolle Dinge". Eine Katastrophe ist demnach, dass "Wizard of Oz" nicht mehr zum Kinderbuchkanon gehört. Generationen homosexueller Kinder hätten in den Geschichten Trost und Halt gefunden, in denen Außenseiter nach langen Kämpfen schließlich Ruhm ernten und Respekt erfahren.
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Leserkommentare
18.07.2007 15:59 | stef_
Ich würde dem Artikel eher den Kommentar "Thema (leider) verfehlt" anheften. Denn die "Fallbeispiele", die hier aufgezeigt ...
29.06.2007 11:20 | Dieter.Gieseking
Der Artikel ist vorzüglich geschrieben. Viel mehr gibt es deshalb dazu nicht zu sagen, denk ich mal. Weiter so taz! ...
29.06.2007 06:55 | Stephanie Reyntjes-Vorberg
C o - S e x u a l i t ä t - anders sollte man kindliches, ganzkörperliches Spiel (auch Doktoreien...) und Übungsphänomene d ...