Das Portrait

Kolumbiens Starkomiker

■ Jaime Garzón

Kolumbien steht unter Schock: Der 38-jährige Jaime Garzón, der wohl beliebteste Journalist und Satiriker des Landes, ist tot. Am Freitag morgen fuhr er zur Arbeit beim Sender Radionet in Bogotá. Vom Motorrad aus jagte ihm ein Auftragskiller fünf Kugeln in den Kopf. Tage zuvor hatte Garzón eine Morddrohung von rechtsextremen Paramilitärs erhalten, die jedoch die Tat bestritten.

Garzón war vor zehn Jahren Bezirksvorsteher von Sumapaz im Süden Bogotás, einem ländlichen Gebiet mit starkem Guerillaeinfluss – nominiert von Andrés Pastrana, damals Bürgermeister der Hauptstadt und heute Präsident Kolumbiens. Wenig später wirkte Garzón bei der Ausarbeitung der kolumbianischen Verfassung mit. 1992 wurde er als Protagonist des satirischen Magazins „Zoociedad“ zum Fernsehstar. In „QUAC“, einer genialen Parodie der Nachrichtensendung „QAP“, nahm der scharfzüngige Verwandlungskünstler PolitikerInnen jeder Couleur auf die Schippe. Ebenso respektlos und brillant mokierte er sich über Unternehmer, Guerilleros, Akademiker oder linke Studenten.

In der Rolle eines Schuhputzers führte er zuletzt in Radio und Fernsehen entlarvende Interviews mit der gesamten Politprominenz und löste bei seinem Publikum immer wieder befreiendes Lachen aus. Die selbstgewählte Rolle des Hofnarren erlaubte es ihm, kritische Wahrheiten über die Mächtigen Kolumbiens zu äußern, wie sie sonst in den großen Medien kaum toleriert werden.

Parallel zu seiner journalistischen Arbeit engagierte sich Garzón im kolumbianischen Friedensprozess. Seit vergangenem Jahr vermittelte er wiederholt bei Entführungsfällen der Farc-Guerilla und zog sich deswegen die Feindschaft rechter Militärs und eine Todesdrohung der Farc zu. Jüngst beteiligte er sich an Sondierungsgesprächen mit den ELN-Rebellen. Am Wochenende wollte er den obersten Paramilitär Carlos Castaño treffen.

„Er wurde umgebracht, weil er frei war – frei in Gedanken, Worten und Werken“, meint der Parlamentarier und Exguerillero Antonio Navarro Wolff. Es ist der jüngste Schlag für den dahinsiechenden Friedensprozess und die Pressefreiheit: Seit 1977 wurden in Kolumbien 126 JournalistInnen ermordet; viele gehen ins Exil. Am Samstag machten in Bogotá Hunderttausende aus dem Abschied von Garzón eine verzweifelte Großdemonstration gegen Terror und Einschüchterung. Gerhard Dilger