Von Brennstäben zu Bremsen

■  Über Nacht kam das Aus für die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Das war vor zehn Jahren. Dem Ende folgte ein nuklearer Deal, der den Plänen heute enge Grenzen setzt

Es war ein sonniger Tag, der 31. Mai 1989. „Wir waren mitten in den Vorbereitungen für eine neue Protestveranstaltung, als uns die Nachricht vom Baugelände erreichte“, erinnert sich Irene Sturm. Zunächst konnte niemand glauben, was passiert war. Punkt 16 Uhr wurde das schwere Eisentor am Haupteingang des 130 Hektar großen Areals im Taxöldener Forst geschlossen. Die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) vollzog den Baustopp für die nukleare Recyclingfabrik in Eigenregie. Dabei galt die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf seit Dezember 1981 als Dreh- und Angelpunkt eines nationalen Entsorgungskonzeptes für strahlenden Atommüll, als Freibrief für den Betrieb der deutschen Meiler. „Niemand hier konnte sich vorstellen, daß die Atomindustrie das Projekt wie eine heiße Kartoffel fallenlassen würde“, erzählt die Schwandorfer ehemalige Anti-WAA-Aktivistin Sturm.

Damals wie heute zogen die Konzernchefs der Energieriesen an der Politik rechts vorbei, gaben das Ziel vor und machten ordentlich Tempo. Obwohl es schon immer Gerüchte über eine Aufgabe des WAA-Projektes gab, zeichnete sich der Sturzflug erst im Frühjahr 1989 ab. Strippenzieher im Hintergrund war der damalige Vorstandsvorsitzende des Veba-Konzerns, Rudolf von Bennigsen-Foerder. Am 3. April fädelte er mit der französischen Cogema einen folgenschweren Nuklear-Deal ein, an dem heute der grüne Umweltminister Jürgen Trittin noch schwer zu knabbern hat.

In La Hague könnte, so die Offerte der Franzosen, die bis 1998 bereits vertraglich geregelte Wiederaufarbeitung abgebrannter deutscher Brennstäbe durchaus fortgesetzt werden. Technisch machbar wäre eine Verarbeitung deutscher Brennelemente bis zum Jahr 2015. Mit spitzer Feder hat Veba-Manager von Bennigsen-Foerder den Vorschlag der Cogema nachgerechnet. Als Grund für die plötzlichen WAA-Absetzbewegungen auf den Chefetagen deutscher Energieversorger galt in erster Linie das finanziell attraktive Angebot der Franzosen.

An der französischen Atlantikküste liefen damals die Bauarbeiten auf Hochtouren, eine gigantische Atomfabrik nahm in der Normandie Gestalt an. Usine Plutonium 3, so die Projektbezeichung des Betonklotzes, sollte schon zum Jahreswechsel 1989/90 den Betrieb aufnehmen, die WAA wäre frühestens acht Jahre später fertig gewesen. Durch die Erweiterung der Kapazitäten sei es möglich, den gesamten deutschen Nuklearschrott auch nach dem Jahr 2000 zu verarbeiten. 800 Tonnen verstrahlter Brennelemente pro Jahr aus Leichtwasserreaktoren zu einem Preis von 2.000 Mark je Kilogramm Atommüll sollten unter Regie der staatlichen Cogema in den Brennstoffkreislauf grenzüberschreitend zurückgeführt werden. In Wackersdorf hätte Veba-Manager von Bennigsen-Foerder gut 4.500 Mark für das Kilo berappen müssen, hieß es nach dem vorzeitigen Ende des von Anfang an umstrittenen Milliardenprojektes.

In Bonn hieß es zunächst, man strebe ein „Zwei-Säulen-Konzept“ der Wiederaufarbeitung und zwar in La Hague und Wackersdorf an. Doch davon wollten die Atommanager nichts wissen, sie hatten die WAA in der Oberpfalz längst zu den Akten gelegt. Am 6. Juni 1989 unterzeichneten Bundesumweltminister Klaus Töpfer und für Frankreich Industrieminister Roger Faroux eine Vereinbarung über die „Zusammenarbeit beider Länder bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie“.

Damit wurde der Wunsch der Atomindustrie erfüllt, den Klotz Wackersdorf endlich aus dem Weg zu räumen und vor allem auch noch Milliarden zu sparen. Zwischen Töpfer und Faroux wurde besiegelt, was die Industrie längst in trockenen Tüchern hatte. Denn die eigentliche Energiepolitik der Republik wurde von der Wirtschaft gemacht. Die Stromkonzerne entwickelten die Vorlagen, die Politik gab im nachhinein nur noch ihren Segen.

Und heute heißt es, eben wegen dieser zwischen Bonn und Paris damals geschlossenen Verträge komme man ohne Entschädigung in Milliardenhöhe aus der französischen und britischen Wiederaufarbeitung nicht mehr raus. RWE und Bayernwerk waren natürlich auch nicht mehr an der WAA interessiert, sie verhandelten seit Herbst 1988 mit der britischen BFNL in Sellafield.

Im „Nuklearen Entsorgungsbericht“ der Bundesregierung hieß es noch 1988, die Wiederaufarbeitung im Ausland stelle „keine Alternative zur Wiederaufarbeitung im Inland dar“. Die Bundesrepublik solle so früh wie möglich von der Auslandsentsorgung unabhängig werden. Doch nach dem Vorstoß der Strombranche in Richtung La Hague drehten sich die Uhren in Deutschland anders. Selbst der Ausstieg aus der WAA war möglich geworden, nicht weil die Politik dies wollte, sondern weil dieser Kurs den ökonomischen Interessen der Konzerne entsprach. Die Bundesregierung wollte ihr Gesicht wahren und legte mit politischem Kitt nach. Mit einer Vereinbarung, die heute Trittin schwer zu schaffen macht.

Am 8. Juni 1989 empfahl die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Wenn die privatwirtschaftlichen Verträge völkerrechtlich besiegelt würden, könnte auch eine andersfarbige Regierung in Bonn die Wiederaufarbeitung im Ausland kaum verbieten.“ Damit sollte sie auch zehn Jahre später recht behalten. Fakt ist, Veba-Manager Rudolf von Bennigsen-Foerder hatte den Ausstieg aus der WAA beschlossen, weil die Atomfabrik mit Gesamtkosten von immerhin zehn Milliarden Mark zu teuer wurde und der Widerstand vor Ort die Stromkonzerne an der Verwirklichung des Projekts zweifeln ließ. Intern rechnete die Atomindustrie mit massiven juristischen Problemen während des gesamten Genehmigungsverfahrens. Frühestens 1998 hätte, so die Prognose der Veba-Experten, der Betrieb der WAA aufgenommen werden können. „Mit unserem Protest haben wir ohne Zweifel auch zum Fall der Anlage beigetragen“, meint AKW-Gegnerin Irene Sturm.

Der Nachfolger des bayerischen Ministerpräsidenten Strauß, Max Streibl, zog einen echten Joker aus der Tasche. Als Wiedergutmachung für die Oberpfalz sollte in Wackersdorf die weltweit größte Solarzellenfabrik gebaut werden. Das perfekte Wahlkampfthema: weg von der Atomfabrik hin zur Sonnenenergie. Und überhaupt war Streibl davon überzeugt, daß die WAA „nie ein bayerisches Steckenpferd“ gewesen sei, „weder unter Franz Josef Strauß noch unter meiner Regierungsverantwortung“. Der Ex-Strauß-Intimus erklärte vollmundig: „Siemens plant, in Zusammenarbeit mit dem Bayernwerk in der Region eine der fortschrittlichsten Fabriken zur Produktion von Solarzellen zu errichten.“

400 Arbeitsplätze sollten durch den Einstieg in das solare Zeitalter geschaffen werden, immerhin fast ein Viertel des Arbeitsplatzangebots der Atomfabrik. Aus dem CSU-Wahlkampfhit des Jahres 1989 ist bis heute nichts geworden. Fast zehn Jahre nach dem Ende der WAA sind immerhin 2.000 Stellen geschaffen worden. Der größte Teil entfällt auf den „BMW-Industriepark“. Der Pkw-Hersteller produziert auf dem WAA-Gelände mit 600 Mitarbeitern Teile für das nahegelegene Werk in Regensburg. Weitere 1.000 Jobs sind bei den 13 Zulieferfirmen geschaffen worden. Vom Bremsschlauch bis zum Fahrzeughimmel läuft in den ehemaligen WAA-Hallen, wo eigentlich Brennstäbe zerkleinert und chemisch bearbeitet werden sollten, alles vom Band. Vier weitere Betriebe bauen Bagger, Küchengeräte und montieren Maschinen.

Irene Sturm ist mit der ganzen Entwicklung nicht zufrieden. Was als großer Ansiedlungserfolg gefeiert werde, sei keineswegs eine tolle Tat. Die für die Ansiedlung gewonnenen Betriebe würden praktisch kein Risiko eingehen. „Sie zahlen wenig Geld für ein Gelände, das auf Kosten der Steuerzahler und der Stromkunden komplett mit allem versorgt und ausgerüstet worden ist, was ein Industriegelände braucht“, meint die auch heute noch aktive Atomkraftgegnerin.

Letztlich haben elf deutsche Stromversorger als Gesellschafter der DWK – und damit die Stromkunden – mehr als drei Milliarden Mark für Planung, Erschließung und Betonbauten in Wackersdorf bezahlt.

„So billig wäre BMW nirgendwo an ein optimal erschlossenes Betriebsgelände gekommen“, schmunzelt Irene Sturm. Sie ist nur darüber sauer, daß der Ausstieg aus der Atomenergie und ein Ende der Wiederaufarbeitung heute von den Stromkonzernen dadurch blockiert wird, daß sie auf völkerrechtlich verbindliche Vereinbarungen zwischen Bonn und Paris hinweisen. „Kaum jemand ahnt, daß Umweltminister Töpfer vor zehn Jahren nur das abgesegnet hat, was die Industrie wollte: eine billige Verschiebung des Atommülls ins Ausland, mehr aber auch nicht“, meint die Oberpfälzerin.