Furchtbarer Jurist schielt auf Max Liebermann

■ Das rechtslastige „Studienzentrum Weikersheim“ des früheren Marinerichters und CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger bezieht heute sein neues Domizil am Pariser Platz

Was ein „furchtbarer Jurist“ ist, konnte Max Liebermann nicht wissen. Schließlich starb der Maler schon 1935. Die SA-Parade zur Machtübernahme 1933 mußte der jüdische Impressionist aber vom Fenster seines Hauses gleich neben dem Brandenburger Tor noch mit ansehen. Er konnte bekanntlich „gar nicht soviel essen, wie ich kotzen muß“.

Der neue Nachbar hätte Liebermanns Appetit vermutlich nicht gesteigert. Direkt neben dem Grundstück, auf dem einst das Haus des Malers stand, bezieht heute das „Studienzentrum Weikersheim“ seine Büroräume. Die Denkfabrik aus dem baden-württembergischen Taubertal, laut Selbstdarstellung eine „liberal-konservative Ideenagentur“, hat sich in der Vergangenheit als Schnittstelle zwischen der CDU und dem rechten Rand des politischen Spektrums einen zweifelhaften Ruf erworben.

Im Vorstand saß zeitweise gar der baden-württembergische Landesvorsitzende der „Republikaner“, andererseits gaben liberale Christdemokraten, Sozialdemokraten oder gar grüne Politiker den Tagungen einen seriösen Anstrich. Auch wenn auf den „wehrpolitischen Tagungen“ in Weikersheim gerne die „soldatischen Leistungen“ der Wehrmacht gerühmt werden.

Spiritus rector des Unternehmens ist noch immer der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger. Er mußte 1978 seinen Hut nehmen, als bekanntgeworden war, daß er vor Kriegsende als Marinerichter an Todesurteilen beteiligt gewesen war. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth prägte damals den Begriff des „furchtbaren Juristen“. Ein Jahr später rief Filbinger das Studienzentrum ins Leben – auch als Akt persönlicher Vergangenheitsbewältigung ganz eigener Art. Noch heute geißelt die Internetseite des Zentrums ausführlich die „Rufmordkampagne“, die Filbinger das Amt kostete: „Es ist Filbinger furchtbares, nicht wieder gut zu machendes Unrecht geschehen.“

Vor zwei Jahren zog sich Filbinger, der seinen Groll 1987 unter dem Buchtitel „Die geschmähte Generation“ zu Papier gebracht hatte, auf den Ehrenvorsitz zurück. Seither bemüht sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Freiherr von Stetten, das Zentrum aus der Schußlinie zu nehmen. „Linke und rechte Extremisten“, so Stetten, hätten in Weikersheim nichts zu suchen. Der 85jährige Filbinger sei „ein ehrenwerter Mann, der für die Demokratie gekämpft“ habe. Er haben jedoch „Fehler gemacht, dadurch, daß er sich nicht erinnert hat“.

Statt Vergangenheitsbewältigung zu betreiben, will Stetten mit „neuem Schwung“ darangehen, „Orientierungswissen“ zu liefern. Der prominente Standort des Büros, an das sich ein privates Apartment anschließt, sei „bewußt gewählt“, um „mitten im politischen Leben Flagge zu zeigen“.

„Ich gucke auf den Liebermann-Balkon“, freut sich Stetten über seine neue Wirkungsstätte.

Der impressionistischeMaler kann sich nicht mehr wehren: Für sein eigenes Grundstück hatten die Erben beim Verkauf an die BMW-Aktionärsfamilie Quandt zwar eine würdige Nutzung verlangt. Doch bis auf das Nachbargrundstück, das die Immobilienfirma Hanseatica verwaltet, reicht ihr Einfluß nicht.