■ Ein Berliner Verein kämpft entschlossen gegen die Nationalhymnenverhunzung

„Rettet unser Lied“

Unsere Nationalhymne soll verhunzt werden. „Wie schön“, werden einige Leser sagen, „kann man da mitmachen?“ Nein, das kann man nicht. Denn die Verhunzung hat längst begonnen, im staatlichen Auftrag, vom Musikerhirn.

Jazz-Laborant Michael „Bardo“ Hennig nämlich transplantierte ins Deutschlandlied Organteile aus der DDR-Hymne und dem durch Hans Albers bekanntgewordenen Schlager „Good bye Johnny“ – Frischfleisch sozusagen.

Den Tag ihrer Vollverhunzung feiert Hennigs Creatur mit ihrem Auftritt im Staatsakt zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober. Schuld ist Gerhard Schröder – als Planungsoberhaupt der Feier. Gerade deshalb hat es die kleine Hymne nicht leicht. Kaum auf der Welt, wird sie in die Wahlkampfarena gezerrt und laut beschimpft. „Wir brauchen keinen Klamauk“, verkündete Niedersachsens CDU-Vorsitzender Christian Wulff. „Einen Akt der Unwürde“ sieht CDU-Generalsekretär Peter Hintze vor sich, wenn er an einen öffentliche Aufführung des Stücks denkt. Letztlich glauben viele, weil die kleine Hymne ein kommunistisches Bein und einen englisch-phrasierenden Arm hat, sei sie nicht mehr richtig deutsch und könne so kaum Freude finden. Joschka Fischer von Bündnis 90/Die Grünen stinkt die ganze Debatte nach „Wessi-Arroganz“ und wird sich mit diesem Schlagwort etliche Wahlkreise gen Osten vorgearbeitet haben.

„Bardo“ Hennig ist überrascht. „Von Verhunzen kann keine Rede sein“, verteidigt er sein Werk und erklärt, daß der Kern des Deutschlandsliedes aus dem Streichquartett von Joseph Haydn erhalten bleibe. Dem Vorwurf, er hätte seiner Neuvertonung ein Stück SED-Diktatur eingepflanzt, begegnet Hennig mit Unverständnis: Mit den acht Takten der DDR-Hymne wolle er bloß „eine Rückschau“ vornehmen.

Beim Vorstandsvorsitzenden des „Deutschen Liedgut e.V.“ Ernst Ströbele stoßen derlei Worte auf taube Ohren: „Der Schröder hat doch keine Ehre im Leib, wenn er so einem Jazzheini Gelegenheit gibt, sich mit der Zerstörung des Deutschlandliedes zu profilieren“, brauste Ströbele gegenüber der taz und legte nach: „Es ist unsinnig, jetzt so zu tun, als müßte in den Tag der Einheit die DDR-Nationalhymne integriert werden, um die Ostler als Deutsche zu integrieren.“

Ernst Ströbele und sein Verein werden dem 3. Oktober nicht untätig entgegensehen. In ganz Berlin hängten Mitglieder „Rettet unser Lied“-Plakate mit dem Aufruf zum „friedlichen Protest am Mauerdenkmal“ an der Bernauer Straße in Berlin-Wedding. Heute abend soll dort ab 20 Uhr eine lange Lichterkette entstehen. Die Vorhut wird der Verein „Deutsches Liedgut“ bilden, der die Nationalhymne anstimmt. Doch von Ströbeles Plakaten ist weit und breit nichts zu sehen. Auch wenn sein Trupp seit Tagen jeden Abend erneut stapelweise davon verteilt – am nächsten Morgen seien sie wieder abgerissen. „Das waren Radikale“, ist sich der gelernte Bankkaufmann Ströbele sicher.

Weit gefehlt. „Wir sind eigentlich nicht für Frontenbildung“, erklärt Sabine Wagner von der Gruppe „Ostalgium Pankow“. Die 25jährige Verlagsangestellte wurde auf die Plakate des „Deutschen Liedgut e.V.“ aufmerksam und ging der Sache nach. „Dieses Unding mit der Hymne“ gäbe ihrer Gruppe Gelegenheit, „auch mal was Politisches“ zu tun. Hatten sich die zwanzig Ostalgiker bisher nur darauf beschränkt, in Pionierkleidung Wodka-Feten zu feiern, werden sie „die alten Nazis“ das Mauerdenkmal heute abend nicht allein ansingen lassen, verspricht Sabine Wagner. Mit einem „Singewagen“ will „Ostalgium Pankow“ vor der Lichterkette hin- und herfahren und dabei was singen? Genau: „die Internationale und andere Kampflieder“. Pionierkleidung werden die Sänger auch tragen, „als Provokation“, sagt Wagner: „Wir lassen uns nicht gleichschalten!“

Claudia Sudik