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Stammelnde Augen

„37 Grad: Das Lied der Stille“, Di., 22.15 Uhr, ZDF

„Ein Mensch, der nicht schweigen kann, kann nicht hören.“ – Ruhig und sicher spricht die Eremitin, ohne Pathos, ihre klaren tiefen Augen taxieren den neugierigen Besucher nicht, sie schauen ihn an, der zufriedene Mund zuckt nicht urteilend, er wartet auf sorgsam durchdachte Worte: „Wenn man anfängt zu schweigen, werden die Gedanken im Kopf lauter und klarer, und man merkt, daß auch die Dinge Stimmen haben. Erst wenn man auch diese Töne im Kopf zum Schweigen gebracht hat, ist man offen für das, was Menschen sagen können.“

Die Eremitin weiß wohl, was die befremdeten Augen eiliger Gäste stammeln, während die Münder fragen „Was machen Sie mit langen Abenden – ohne Fernseher? Geht das denn so einsam?!“

„Es geht allein“, sagt sie lächelnd den eiligen Gästen. Häufigen Besuchern erzählt sie, daß sie viel betet und meditiert und daß oft Stadtmenschen zu ihr kommen, die wund vor Einsamkeit sind. Ein Jahr begleitete ein Fernsehteam ihr Leben an einem Waldrand im Weserbergland, folgte in die Stille, um zu hören und zu schauen. Schauen, wie der Morgen den Baum auf der Wiese in zartgelben feuchten Nebel hüllt und der Abend ihn in schweres Blau taucht. Einfach hören, wie der Tau von Blättern tropft, wie die Eremitin den Pflanzen die Erde lockert.

Als Fernsehzuschauer konnte man, wenn man wollte, in die Stille mitgenommen werden. Dreißig Minuten hob sie diese Reportage von Norbert Buse aus ihren Sehgewohnheiten. Eine halbe Stunde keine überquasselten grellen Bilder, keine scheppernden Informationsketten, kein lärmendes Urteil. Seltene Filmschnitte ließen den Puls zaghafter schlagen. Zeit zum leisen Denken.