Durchs Dröhnland

Den Originalen zum Verwechseln ähnlich

■ Die besten und schlechtesten, die wichtigsten und überflüssigsten Konzerte der kommenden Woche

Einen kleinen und hübsch abgeschlossenen Kreis bilden die Musiker, die sich um die Pflege mittelalterlicher Musik kümmern. Auch der kürzlich erst verebbte Hype um Mönchschöre konnte der Szene nicht viel anhaben, die weiter an speziellen Orten und vor handverlesenem Publikum, kurz: im stillen ihrem Geschäft nachgeht. So auch Artwork um den Gitarristen Jochen Schoberth, die sonst auf jahrhundertealten Grundlagen improvisieren, zuletzt aber eine Platte live in einer Kirche aufgenommen haben.

Dort finden sich zwar Eigenkompositionen, aber die halten sich so streng an die Vorgaben, daß sie mit ihrem gedämpften Getrommel, den erhebenden Gesängen und der vorsichtigen Instrumentierung den Originalen zum Verwechseln ähnlich werden.

22.8., 20 Uhr, Ölbergkirche, Lausitzer Straße Ecke Paul-Linke- Ufer, Kreuzberg

Laub, so hat ihnen ihre Plattenfirma, das ebenso kleine wie verdienstvolle Berliner Label Kitty-Yo, auf den Promo-Zettel gedichtet, „kommen vom Pop und wollen weg davon“. Das klingt krude, aber es paßt auf die Musik des Berliner Duos, das mit den Programmiermöglichkeiten der letzten Jahre experimentiert. Die Basis ist hier tatsächlich Pop, vor allem TripHop, aber auch Drum 'n' Bass und was die Elektro-Kiste sonst noch so zu bieten hat. Doch während alle diese Genres sehr darauf achten, die Menschen zum Tanzen zu bringen, und selbst jemand wie Tricky sich nicht ganz vom halbwegs durchgängigen Rhythmus abbringen läßt, sucht man bei Laub nach Stringenz vergebens. „Zimmermusik für Zimmermusikhörer“ sagt dazu der Zettel und hat schon wieder recht. Da sind zwar Beats, aber sie tröpfeln und klackern und klopfen scheinbar, wie sie gerade wollen, während Antye, die mit Gitarrist Jotka zusammen auch für die Technik verantwortlich zeichnet, darüber ihre Texte singt.

In denen geht es „der Sonne entgegen“, aber kaum in einem fröhlichen Beach-Sinne. Allerdings gibt Antye auch nicht die bläßliche Suizidkandidatin, sondern sucht sich in ihren Worten einen Weg aus dem Leben, dem alltäglichen, aus der Liebe, der gerade verflossenen, aus den „komischen Situationen“, die diese Welt so zu bieten hat. Die Texte bewegen sich zwar irgendwo zwischen dem Blumfeldschen Tasten und Tocotronischer Schnoddrigkeit, nur werden sie ganz und gar nicht so gelangweilt und distanziert dahingesungen. Statt dessen wird moduliert und gedehnt und gezerrt, was das Zeug hält. Die verrauchte Coolness gewisser TripHop-Vorbilder ist hier ganz eindeutig nicht das Ziel. Manches an Laub mag noch zu gewollt und kunstfertig klingen, es bleibt das Aufregendste seit viel zu langer Zeit.

23.8., 22 Uhr, Roter Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte

Technisch perfekt ist der Klezmer von Kol Simcha, was vor allem in den fröhlichen Hoppsa- Passagen gut zum Tragen kommt. Aber leider geht es etwas zu Lasten der unverzichtbaren schwermütigen Sequenzen, die bei dem Quintett aus Basel zudem ein wenig glatt geraten. Vor allem die Klarinette kann sich selbst in der größten Trauer nicht noch den einen oder anderen Tirilierer verkneifen. Überhaupt sind die Eigenkompositionen meist recht flott angelegt und nur selten so würdevoll getragen, wie man das von den sonst meist altgedienten Klezmer-Interpreten kennt.

23.8., 21.30 Uhr, Arena, im Foyer, Eichenstraße 4, Treptow

Pop und Politik gehen zwar des öfteren, wie gerade in England zu beobachten, obskure Koalitionen ein, aber klassischer ist doch eher eine Geschichte wie die von Tribe After Tribe. Als die weiße Band, die in einem schwarzen Township lebte, 1986 ihre erste Platte veröffentlichte, schossen sie sofort an die Spitze der südafrikanischen Charts und füllten fortan Stadien. Doch weil sie sich für den inhaftierten Mandela einsetzten und sich in ihren Texten zur aktuellen Lage äußerten, erhielten sie Auftrittsverbot, wurde der Bassist Opfer von Polizeigewalt und landete der Trommler schließlich im Gefängnis, wo er sich erhängte. Der Rest der Band flüchtete nach Los Angeles, wo es ja nicht gerade an Rockmusikanten mangelt und man erst mal unterging. Das Label machte Pleite, Sänger Robbie Robb mußte auf dem Bau jobben und sich eine neue Band zusammensuchen.

Ins Gedächtnis des Business katapultierte er sich zurück mit der Teilnahme am Star-Projekt Three Fish, wo auch Jeff Ament von Pearl Jam und Richard Stuverud von Pilot mittaten. Inzwischen überschlägt sich die Presse von Metal Hammer über Rock Hard bis Visions und kürte Tribe After Tribe zur neuen Hoffnung des Mainstream-Rock. Dabei hat ihr Material eigentlich kein Hitpotential, spielt aber souverän mit epischen Gitarrengelagen, kompliziertem Songaufbau, rockigen Eruptionen und balladesken Verschnaufpausen innerhalb der fast immer ellenlangen Stücke. Das erinnert mal psychedelisch an Pink Floyd, mal an das anspruchsheischende Gedaddel von Led Zeppelin. An ihre Herkunft gemahnen nur mehr ein paar afrikanische Trommeln und die eine oder andere Melodieführung, was allerdings locker reicht, um sie aus dem im Genre üblichen Einheitsbrei herauszuheben.

27.8., 21 Uhr, Huxley's Cantina, Hasenheide 108–114, Neukölln

Einiges schon hinter sich gebracht hat Otto van Bismarck, der eine Band mit dem treffenden Namen Legend Grabhund ABC gründete, den eklektizistischen Elektro-Rock der Space Cowboys initiierte und für den Gitarrendekonstruktivisten Caspar Brötzmann den Bass bediente. Wie so viele vor ihm, die sich jahrelang in Experimentierfreudigkeit ergingen, machte sich auch Bismarck auf, die Wurzeln des Ganzen zu ergründen. In seinem Fall sind das Country (trugen die Space Cowboys nicht auch immer die entsprechenden Hüte?), natürlich Blues (der darf nie fehlen) und klassischer Pop (macht sich immer gut).

Doch auch als Solist oder wie diesmal mit der Ultramarine Festival Band singt er die Klassiker nicht im Geiste ihrer Schöpfer, sondern vertreibt jede Süßlichkeit aus den herzallerliebsten Nettigkeiten. Gleiches gilt erst recht für Eigenkompositionen, die sich manchmal so kaputtgespielt anhören, als wäre der Mixer nicht mehr ganz bei Trost gewesen. Es lebe die Mülltonne, solange sie so lebt.

28.8., 22 Uhr, Roter Salon