...„daß man sich mit dem Sterben nicht beeilen soll“

■ Simha Rotem, Ghettokämpfer, erinnert sich an den Aufstand 1943 in Warschau

Das Buch trägt den Titel „Kazik“, der Pole. Wie ein „Kazik“ aussehen, das heißt wie ein Pole aussehen! Wir werden an eine Zeit erinnert, in der das „arische“ Aussehen keine rassistische Fiktion allein, sondern die Realität des Überlebens war. Wer zwischen dem Warschauer jüdischen Ghetto und der „arischen“ Seite wechseln wollte, brauchte vor allem eine „gute“ Physiognomie.

„Kazik“ ist Simha Rotem, dessen Name sich mit der legendären Rettungsaktion der letzten überlebenden Ghettokämpfer durch die Abwasserkanäle auf die „arische“ Seite Warschaus verbindet. In Claude Lanzmanns Filmdokumentation „Shoah“ wird davon berichtet. Rotems Biographie begann im Rahmen der zionistischen Jugendbewegung, als Achtzehnjähriger übernahm er wegen seines „christlichen Aussehens“ die Aufgabe eines Verbindungsmanns zwischen der jüdischen Kampforganisation ZOB und Icchak Cukiermann (genannt Antek), dem Vertreter der ZOB auf der „arischen“ Seite, der seinerseits den Kontakt zum polnischen Untergrund hielt. Bereits 1944 fertigte Rotem Notizen für das ZOB-Archiv an, das Berichte zur Dokumentation der „Geschichte des polnischen Judentums ,in den Tagen der Vernichtung und des Widerstandes‘“ sammelte, 1981 nahm er die Schreibarbeit in Israel wieder auf. Diese Erinnerungen sind nicht für die Nachgeborenen jener „gewöhnlichen Deutschen“ geschrieben, die jüdische Kinder, Frauen und Männer mit Flammenwerfern aus den Verstecken des Warschauer Ghettos holten. Wenn wir darin lesen, müssen wir uns den Einsatz der SS-Truppen im April/ Mai 1943 vergegenwärtigen, dessen Ergebnis befehlsgemäß lautete: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“

Die singuläre Geschichte des jüdischen Widerstands gegen die nationalsozialistische Herrschaft und die Vernichtung der Juden in Europa, die für das Selbstverständnis des Staates Israel eine große Bedeutung hatte, ist in Deutschland erst in den letzten Jahren zur Kenntnis genommen worden. Ingrid Strobl kommt vor allem das Verdienst zu, den Anteil der Frauen am jüdischen Widerstandskampf bekannt gemacht zu haben, und es ist wohl ihren Vorgaben zu verdanken, daß das Risiko einer Instrumentalisierung des Themas durch die „deutsche Linke“ vermieden werden konnte. Wenn nun der Verlag Schwarze Risse/Rote Straße dem jüdischen Widerstand im Nationalsozialismus ein ganzes Programm widmet und, nachdem bereits Bücher von Ainzstein und Rayski erschienen sind, die Erinnerungen Simha Rotems in einer sorgfältig übersetzten und kommentierten Edition herausgibt, ohne auf Jahrestage und breites Publikumsinteresse rechnen zu können, dann ist dies Bemühen um thematische Kontinuität bemerkenswert.

Rotems Erinnerungen sind voller Detailreichtum. Wir erfahren nicht nur etwas über die schier aussichtslose Isolation des jüdischen Widerstands und die Schwierigkeiten der Verankerung der ZOB im Frühjahr 1943, über die Kampfhandlungen im Bürstenmacherghetto und den Antisemitismus der polnischen Heimatarmee, sondern mehr noch über „Alltagssituationen“ im Untergrund, über Liebesbeziehungen, das Leben in illegalen Wohnungen, den Umgang mit jüdischen Kollaborateuren und polnischen Erpressern. Sehr eindrücklich die Bemerkungen zur „Psychologie“ der Ghettokämpfer. Ein Mensch in der Illegalität, schreibt Rotem, nimmt „unbewußt die Verhaltensweisen eines Verfolgten an und wird so zu einer leichten Beute für jeden Passanten und erst recht für die Gestapo-Männer und ihre Handlanger“. Darauf beruhte das System, das die Deutschen für die Widerstandsbekämpfung entwickelt hatten und das sich auch der polnischen Bevölkerung bediente.

Wenig bekannt dürfte sein, daß die Überlebenden der ZOB sich 1944 in den Reihen der Armia Krajowa oder der Kommunisten am polnischen Aufstand beteiligten und daß sie bereits Anfang 1945 mit dem Aufbau von Fluchtorganisationen begannen, die nach Israel führen sollten. Seinen eigenen Anteil an der Rettung der letzten Ghettokämpfer stellt Simha Rotem auf ganz unprätentiöse Weise dar: „Ich hielt mich an den Gedanken, daß man sich mit dem Sterben nicht beeilen soll.“ Diese Entscheidungsfreiheit aber konnten sich nur wenige Aktivisten des jüdischen Widerstands bewahren.

Simha Rotem: „Kazik. Erinnerungen eines Ghettokämpfers“. Aus dem Hebräischen von Ronit Mayer Beck. Verlag der Buchläden Schwarze Risse/Rote Straße, Berlin 1996, 207 S., 25 DM