Portrait

Der Trompeter

■ Don Cherry

Gestorben: Der Jazzer Don Cherry Foto: Detlef Schilke

„Don Cherry ist das musikalische Gedächtnis der Welt“, sagte einst sein Kollege Karl Berger. Der 1936 in Oklahoma geborene Multi-Instrumentalist wuchs in Watts, Los Angeles, auf und war in den vergangenen 35 Jahren bei den wichtigsten Ereignissen im Jazz dabei. Als Mitglied des legendären Orneth Coleman Quartetts ging er 1959 nach New York. Mit John Coltrane nahm er „The Avantgarde“ auf und mit Sonny Rollins „Dearly Beloved“.

Während er in New York zu einer Schlüsselfigur des New Jazz wurde, reiste Cherry ab Mitte der sechziger Jahre auch häufig um die Welt. Er lebte in Afrika und Asien, wo er die lokale Musik studierte. Jahrelang reiste Cherry auch mit seiner Famile als Organic Music Theatre in einem Kleinbus durch Europa, bevor sie sich in Südschweden niederließen. Das war zur Zeit des Vietnam- Krieges. In den achtziger Jahren arbeitete Cherry auch mit John Lee Hooker und Lou Reed zusammen und experimentierte gemeinsam mit seiner Stieftochter Neneh mit Funk, Punk und Rap.

In den letzten Jahren lebte Cherry in San Francisco. Dort trat er gelegentlich mit Peter Apfelbaums Hieroglyphics Ensemble auf, machte Radiosendungen und ging gern im Mission-Viertel in seiner Nachbarschaft spazieren, dort, wo die Latins leben. Er liebte die Atmosphäre, „eine tolle Szene – Santana, John Lee Hooker und Pharoah Sanders“. Voller Stolzz erzählte der bescheidene Mann gern davon, wie Miles ihn einst gebeten hatte, auf seiner Pocket-Trompete spielen zu dürfen. Cherrys letzte Pocket hatte einst Boris Vian gehört.

In seinem letzten Interview sprach er von „Schicksalsschlägen“. Seine Lebensgefährtin war gerade gestorben und zahlreiche Musikerfreunde auch. „Miles, Dizzy, Ed Blackwell und Jim Pepper“, der wie Cherry auch indianische Vorfahren hatte, und mit dem er einst durch Westafrika getourt war. Cherry litt – wie Miles und Dizzy auch – an der typischen Trompeterkrankheit: „Vor zwei Jahren habe ich ein Gebiß bekommen und ich fühle mich damit so, als hätte ich nie zuvor Trompete gespielt. Ich kann heute nicht mehr Trompete spielen.“

Mit seinen fünf Kindern, die alle selbst auch Musik machen, wollte er noch gemeinsam auf Tour gehen. Dazu kam es nicht mehr. Don Cherry starb am 19. Oktober 58jährig im Haus von Neneh Cherry in Spanien an Leberversagen. Der Messenger ist tot. Christian Broecking