■ Massaker im italienischen Caiazzo 1943. Ein Briefwechsel

Kein Bedauern kann die Schuld tilgen

Wolfgang Lehnigk-Emden, der 1943 als 20jähriger Wehrmachtsleutnant im süditalienischen Caiazzo 22 einfache Frauen, Männer und Kinder getötet hat, ist zwar des Mordes überführt, wird aber nicht dafür bestraft. Der Bundesgerichtshof erklärte am 1. März dieses Jahres, daß die Taten verjährt sind. In einem Brief an den Bürgermeister von Caiazzo hat sich Lehnigk-Emden jetzt erstmals gerechtfertigt. Die taz dokumentiert seinen Brief und die Antwort des Bürgermeisters Nicola Sorbo leicht gekürzt:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Sorbo,

im Hinblick darauf, daß das mir gegenüber eingeleitete Strafverfahren nunmehr durch höchstrichterliche Entscheidung in Deutschland eingestellt worden ist, ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen zu schreiben, verbunden mit der Bitte, den Inhalt dieses Schreibens Ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern ebenso zugänglich zu machen wie den Angehörigen der betroffenen Familien wegen des Vorfalls im Oktober 1943.

Heute sind mehr als 50 Jahre seit dem traurigen Vorfall verstrichen, dennoch gestehe ich, daß ich es außerordentlich bedauere, daß es zu Handlungen kommen mußte, aufgrund derer unschuldige Zivilpersonen ihr Leben lassen mußten. Soweit ich daran beteiligt war, beschämt mich dies sehr. Ich kann meine Handlungsweise heute, als alter Mann, nur so begreifen, daß ich als junger, unerfahrener Leutnant der Wehrmacht mit 20 Jahren einfach in meiner Funktion und im Hinblick auf die herrschenden Kriegshandlungen überfordert war. Dieser Hinweis erfolgt nicht als Entschuldigung für das Ereignis, sondern soll lediglich eine Erklärung sein. Ich war seinerzeit mit meiner Einheit in schweren Rückzugsgefechten mit den Alliierten Truppen eingesetzt, meine Einheit war damals von den Kommandostellen abgeschnitten, die Lage an der Front war unklar, und wir waren praktisch auf uns selbst gestellt. In größter nervlicher Anspannung sind oftmals Entscheidungen getroffen worden, die auf einer Fehleinschätzung der tatsächlichen Lage beruht haben, wobei dann nicht selten unschuldige Menschen ihr Leben lassen mußten. (...)

Seien Sie gewiß, daß ich diese Ereignisse zutiefst bedauere und ich mir oft die Frage gestellt habe, wie das geschehen konnte. Es ist ein unmögliches Unterfangen, die Ereignisse und Situationen heute so wiederzugeben, wie sie im Oktober 1943 in und um Caiazzo vorgefunden wurden. Dennoch müssen Grausamkeiten, die während des Krieges begangen wurden, wachgehalten werden, um der heutigen Jugend aufzuzeigen, wie wichtig es ist, den Frieden zu erhalten, und daß es sich lohnt, dafür einzutreten. Diese Einsicht habe ich im Laufe der Nachkriegsjahre gewonnen und auch meine Kinder in diesem Sinne erzogen.

Ich betone noch einmal, daß ich den Vorfall vom Oktober 1943 aufrichtig bedauere und es mir darüber hinaus außerordentlich leid tut, daß ich dazu beigetragen habe, daß viele Menschen in Kummer und Leid gestürzt wurden.

Für mich gesehen ist es nicht zu spät, diese Erklärung abzugeben. Wolfgang Lehnigk-Emden sen.

Herr Lehnigk-Emden,

ich glaube, daß es Ihnen nicht leichtgefallen ist, mir zu schreiben. Daß Sie diesen Schritt dennoch getan haben, weiß ich zu schätzen.

Ihr Brief läßt trotzdem viele Fragen offen. Sie „bedauern“ den „traurigen Vorfall“ von 1943 in Caiazzo, verzichten aber darauf, den Tathergang zu rekonstruieren, weil das nach so vielen Jahren „unmöglich“ sei. Sie „schämen“ sich dieses „Vorfalls“, aber nur, „soweit“ sie daran beteiligt waren. Die grundsätzliche Frage bleibt unbeantwortet: War das Massaker vom 13. Oktober 1943 für Sie ein bedauerlicher Zwischenfall, bei dem wegen einer „Fehleinschätzung“ unschuldige Menschen ihre Leben verlieren „mußten“? Oder war es vorsätzliche Tötung?

Ich frage Sie danach, weil Sie nie ein volles Geständnis abgelegt haben. Im Gegenteil: Die Koblenzer Untersuchungsakten enthalten eine schriftliche Erklärung von Ihnen, in der Sie den Kompaniechef, Leutnant Raschke, beschuldigen, er habe den Angriff auf das Haus geführt. (...) Im Dunkeln habe der Stoßtrupp geschossen, ohne unterscheiden zu können, ob er Männer, Frauen oder Kinder traf.

So war es nicht. Die Zeugenaussagen Ihrer Soldaten, amerikanische Kriegsgefangene wie Sie, lassen keinen Zweifel. Sowohl das italienische Gericht, das Sie wegen 22fachen Mordes zu lebenslänglich verurteilte, wie auch das Koblenzer Gericht haben festgestellt, daß Sie das Kommando hatten und daß es sich nicht um eine einzige blinde Schießerei handelte. Sie betraten das Haus ein erstes Mal, um die vier Männer abzuführen, die Sie dort antrafen. Sie wurden später zusammen mit zwei Frauen und einem Jungen erschossen, die um das Leben der Männer gefleht hatten. Diese ersten sieben Tötungen waren nicht Gegenstand des deutschen Verfahrens, weil sie – unerklärlicherweise, wie wir finden – als Totschlag eingestuft wurden, der nach 20 Jahren verjährt.

Als Sie zusammen mit drei Soldaten zum Bauernhof zurückkehrten, wußten Sie, daß im Haus sechs Frauen und neun Kinder zurückgeblieben waren. Deswegen kam das Gericht in Koblenz zu dem Schluß, daß „der Angeklagte des in keiner Weise gerechtfertigten Mordes an 15 Frauen und Kindern überführt ist“. Der Bundesgerichtshof stellte fest, „daß der Angeklagte ohne das bestehende Verfahrenshindernis (Verjährung) verurteilt worden wäre“.

Akzeptieren Sie diese Tatsachenfeststellung und diese Schuldzuweisung? Ich glaube, auch Ihre Mitbürger möchten das wissen. Sie haben sie jahrelang betrogen, zunächst dadurch, daß Sie ihre Vergangenheit verschwiegen, später durch Zwecklügen.

Sie werden verstehen, daß ohne Ihr volles und detailliertes Geständnis weder ich noch die Bürger von Caiazzo, die ich vertrete, ihr „Bedauern“ als aufrichtig akzeptieren können. Auf jeden Fall könnte kein Bedauern Ihre Schuld tilgen. Zwischen uns steht kein privater Rechtsstreit, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das mit den Mitteln des Rechts zu bestrafen ist. (...) Wenn Sie sich Ihrer Verantwortung für die Opfer wirklich stellen wollen, statt sich hinter Spitzfindigkeiten über die Rechtmäßigkeit der Nazi- Kriegsgerichte zu verstecken, dann kommen Sie nach Italien, um Ihre Strafe anzutreten.

Erlauben Sie mir eine letzte Bemerkung über die Erziehung zum Frieden, die Sie Ihren Kindern erteilt hätten. Als Ihr Sohn Wolfgang jun. die italienischen Reaktionen auf die Einstellung Ihres Verfahrens kommentierte, sagte er: „Die Itaker sind zu sensibel.“ Ich nehme an, daß Ihr Sohn sich nicht so ausgedrückt hätte, wenn Sie Ihm die Wahrheit über den „Vorfall“ von 1943 erzählt hätten.

Mit den Jungen reden – das eben meinten wir, als wir Ihrer Stadt eine Partnerschaft mit Caiazzo vorschlugen. Aber der Dialog wird nur Sinn haben, wenn er die Erinnerung ohne Verdrängungen weitergibt: Keine „Kriegssituation“ wird je die absichtliche Tötung von wehrlosen Kindern, Frauen und Männern rechtfertigen. (...)

Nicola Sorbo,

Bürgermeister von Caiazzo