■ Vorlauf

Habemus Habermas

„Philosophie heute“, Sonntag,

13 Uhr, West 3

Das waren noch Zeiten, als gestandene Philosophen deutscher Zunge in den späten Sechzigern in der studentischen Öffentlichkeit fast zu Popstars avancierten und Schriften von Adorno oder Marcuse als heißbegehrte Raubdrucke kursierten. In den Achtzigern machten dann die französischen Poststrukturalisten echt in Pop, und heute interessiert sich für die Denkerzunft, starkdeutsch gesprochen, keine Sau mehr.

Von daher ist die Tatsache, daß mit Jürgen Habermas der so ziemlich letzte Überlebende aus dem Dunstkreis der „Kritischen Theorie“ auf dem Bildschirm erscheint, an sich schon bemerkenswert. Doch vielmehr ist denn an dieser Sendung auch nicht zu loben. Dabei beginnt es noch recht putzig, Habermas zu Besuch bei Suhrkamp-Häuptling Siggi Unseld in Frankfurt: „Tja, grüß dich!“ (Schulterklopf) „Tja, grüß dich!“

Der Rest besteht aus dem Mitschnitt einer Veranstaltung der Uni Bielefeld, auf der Habermas mit dem amerikanischen Philosophen Ronald Dworkin einen Disput führte. Es ging um die durchaus spannende Frage, wie sich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit legitimieren bzw. (so Habermas' Position) im (herrschaftsfreien) Diskurs verbindlich gerieren lassen. Schlichter: Wie läßt sich nach dem Abdanken überkommener Modelle wie der christlichen Ethik und dem Naturrecht begründen und gewährleisten, daß menschliche Wesen einander nicht ständig die Köpfe einhauen (sollten)? So weit, so vertrackt. Nur, wie dieser beinharte Insider-Disput hier fernsehmäßig aufbereitet wird, zeugt schon von bemerkenswerter Einfallslosigkeit. Zwischen Sequenzen des professoralen Talks, bei dem die Kontrahenten die Kamera standhaft ignorieren, liest ein Studiomoderator namens Klaus Günther mit angestrengter Miene Texte vom Teleprompter, die als Erläuterungen gemeint sind, aber in exakt demselben universitären Duktus daherkommen.

Angesichts derartiger Fernsehmittel von vorgestern stünde es einer Reihe, die sich forsch „Philosophie heute“ nennt, gut zu Gesicht, sich einmal mit ihren eigenen Legitimationsproblemen auseinanderzusetzen.Reinhard Lüke