■ Das Portrait

Die Widerständlerin

Marianne von Alemann Foto: Argus

Als Gorleben 1977 zum Standort des atomaren Entsorgungszentrums benannt wurde, da hatte Marianne von Alemann gerade ihr Fachwerkhaus im winzigen Rundlingsdorf Prezier in Lüchow-Dannenberg bezogen. Mit der Erziehung ihrer drei Kinder und der Pflege ihres zu hundert Prozent kriegsversehrten Mannes Wilhelm hatte die damals 47jährige Hausfrau eigentlich genug zu tun. Doch kaum begonnen, war es mit dem beschaulichen Leben auf dem Land vorbei. Seit nun schon 18 Jahren kutschieren die Alemanns von einem Widerstandstreffen zum nächsten; wohl kaum eine Demonstration oder Blockade gegen die Gorlebener Atompläne haben sie versäumt. Marianne immer am Steuer, Wolldecke, Klappsitz und Kaffekanne im Gepäck. Manchmal auch das Handarbeitszeug — wie 1982, als sie und andere „Gorleben-Frauen“ strümpfestrickend das Tor zum Zwischenlager blockierten.

Damals hatte sie noch Angst vor der Randale gewalttätiger Demonstranten aus der Stadt. „Da haben wir doch ganz schön umdenken gelernt“, sagt die 65jährige heute. Mit „wir“ sind vor allem die Mitglieder der „Initiative 60“ gemeint, die Marianne vor zehn Jahren mitbegründet hat. Für die Alten aus dem Gorleben-Widerstand – ein harter Kern von 50- bis 80jährigen – ist Sachbeschädigung inzwischen legitim. Und von 18jährigen Uniformierten lassen sie sich nichts mehr bieten. Schon gar nicht mehr jetzt, wo der erste Castor im Zwischenlager steht. „Eine Straßenblockade währt nur einige Stunden“, meinte Marianne von Alemann seelenruhig, „aber an den Folgen eines Atomunfalls haben wir auf Dauer zu tragen.“

Und der Tag X?. Das war für Marianne von Alemann ein Mordserfolg; „Nächstesmal werden wir noch mehr Menschen sein. Die Castor- Transporte müssen unbezahlbar werden.“ Einem der Polizisten, der sie bei einem der Tumulte der letzten Tage mit hartem Griff am Überqueren einer Straße hindern wollte, hat sie ins Gesicht geschrien, was früher für sie undenkbar gewesen wäre: „Wenn Sie mich nicht loslassen, dann schlage ich zurück!“ Gabi Haas