Verantwortliche der Gedenkbibliothek zum Fall Pietzner:

■ betr.: „Alles Opfer, oder was“, taz vom 1. 12. 94,

Erklärung von Siegmar Faust zu der Entschädigung der ehemaligen KZ-Aufseherin Margot Pietzner, geborene Kunz, als Opfer des Stalinismus. Verfaßt für die Mitgliederversammlung des Fördervereins „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus“ am 9. 12. 1994.

In einem Presseorgan (taz) wurde ich am 1. Dezember 1994 zu den „starken Freunden“ der ehemaligen dienstverpflichteten SS- Aufseherin Margot Pietzner gezählt, weil ich, als mir ihr Schicksal bekannt wurde, an der Rechtmäßigkeit des 1946 gefällten SMT- Urteils zweifelte und eine Überprüfung der anschließend zu langer Haft verurteilten Frau einleitete. Jetzt stehe ich dafür wie ein Hehler oder gar ein Sympathisant des NS-Regimes da.

Ich hatte diesen „Problemfall“ unter anderem als damaliger Vizepräsident des „Dokumentationszentrums zur Aufklärung von SED-Verbechen“ im Beisein des damaligen Justizministers Kinkel in einer Runde von Vorsitzenden der Opfervereine in Bonn vorgetragen, weil ich nicht wußte, wie dieser Frau zu helfen war, die sich mehrfach hilfesuchend an verschiedene Vereine, auch an die deutsche Botschaft in Moskau gewandt hatte.

Daraufhin bekam ich dankenswerterweise vom Bundesjustizministerium für einen Problemfall einen Rechtsanwalt angeboten, der einen Fall kostenfrei übernehmen sollte. Zur selben Zeit führte die damalige SED-Schriftstellerin Renate Lieblich, die sich schon als Spezialistin für das Thema Frauen-KZ Ravensbrück ausgewiesen hatte, diese Frau Pietzner, die sie mit deren Hafterlebnismanuskript auf Lesereisen begleitete, in die Berliner „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus“ ein. Dort erklärte Frau Lieblich, daß sie selber, nachdem sie recherchiert habe, von der Unschuld Frau Pietzners überzeugt sei. Anschließend lasen beide abwechselnd aus Frau Pietzners Hafterinnerungen. Die ca. 40 Zuhörer in der Bibliothek waren von den plastisch vorgetragenen Hafterlebnissen erschüttert.

Einen Monat darauf, am 9. September 1991, schrieb Frau Lieblich in einem Brief an die Leiterin der Gedenkbibliothek Frau Ursula Popiolek.

„Bis jetzt bewahre ich in bezug auf Frau Pietzner ein Geheimnis, von dem nur wenige Menschen wissen. Im November 1990 lernte ich diese Frau doch bei einer Autorenlesung kennen, ich sagte ja schon, keiner war bereit, sich mit dieser Frau über ihr Anliegen, eine Verfolgte des Stalinismus zu sein, näher zu beschäftigen. Einige Tage später erhielt ich einen Anruf von einer seit vielen Jahren geschätzten Lehrerin, und sie erzählte mir, daß sie an diesem Abend fast der Schlag getroffen hat. Ihre eigene Mutter wurde vor 1945 von Frau Pietzner geworben, bei der SS mitzumachen. Diese Frau, so erklärte die Lehrerin mir, wäre in besagtem Gefangenenlager eine berüchtigte SS-Aufseherin gewesen. Sie konnte mir erklären, wo sie heute wohnt, und wie Frau Pietzner mit Mädchennamen hieß. Nach diesem Anruf wollte ich es wissen. Ich machte mich auf, um diese Frau zu suchen, die eine solche Vergangenheit hat und es heute wagt, so ungeniert aufzutreten. Natürlich fiel ich nicht mit der Tür ins Haus. Irgendwo tief in mir hatte ich mit dieser Frau ein großes Mitleid. Meine Kollegen, mit denen ich darüber sprach, zwei aktive Christen, sagten später, wir wünschten es dir so sehr, du möchtest mit Frau P. eine positive Erfahrung machen. Ich habe Frau Pietzner nicht gesagt, daß man sie doch eigentlich ein zweites Mal denunziert hat. Ich ließ einfach mein Herz sprechen und verließ mich auf mein Gefühl. Und nach dieser Lesung ihres Manuskriptes ging es mir, wie es Ihnen auch gegangen ist. Viele Tränen und das Bedürfnis, dieser Frau wenn möglich irgendwie zu helfen. Ich hoffe, daß dieser Glaube nicht erschüttert wird, es wäre ziemlich schlimm für mich ...“

Nein, für Frau Lieblich ist nichts schlimm geworden, im Gegenteil, sie hat vor kurzem belastendes Material gegen Frau Pietzner in der Gauck-Behörde gefunden und wird nun von ihrem Bekannten, dem ebenfalls aus Wittenberg stamenden Andreas Schreier, als „Wittenberger Forscherin Renate Gruber“ (Gruber heißt sie heute) als Zeugin gegen die Leiterin der Gedenkbibliothek und mich ins Feld geführt. Wäre es nicht ihre Pflicht gewesen, uns als erste über belastendes Material zu informieren? Denn immerhin hatte ich, natürlich ohne Einfluß auf das weitere Geschehen, ihre Rehabilitierung mit auf den Weg gebracht. Zugleich kam es auch zu der engen Freundschaft der Familie Popiolek zu Frau Pietzner, die dann, besonders nach dem Tode ihres Mannes, regelrecht Familienmitglied wurde, bevor sie mit ihrem Einverständnis und großen Dankbarkeitsbekundungen in ein Altenheim übersiedelte.

Das schlimmste jedoch ist, daß wir in dieser Zeit ständigen Drängens, das auch in ihren vielen Briefen zum Ausdruk kommt, Geldgeschenke von ihr annehmen zu sollen, nach zweijähriger Abwehr nachgaben. Ich tat es arglos, weil ich dieses für mich peinliche Thema einfach nur beenden wollte, mit der sie mir als ehemaligen politischen Gefangenen, den sie vor allem durch meine Bücher kennenlernte, ihre große Sympathie und Achtung zu bekunden vorgab. Ich nahm mir vor, das Geld ihr später, wenn es nötig wäre, irgendwie zukommen zu lassen. Das klingt jedoch nach Selbstrechtfertigung. Fakt ist, ich habe das Geld dieser Frau, an deren Glaubwürdigkeit ich heute genauso zweifeln muß wie an meiner eigenen Unbekümmertheit, leider mit einer Blumenkarte angenommen. In der Karte steht:

„Im Gedenken an eine langjährige, schmerzhafte Zeit aber gute Schule übergebe ich Ihnen, lieber Herr Siegmar Faust 7.000 DM als Schenkung. Margot Pietzner 14. Mai 1993“

Anschließend kam es zwischen Frau Popiolek und Frau Pietzner zu einem Zerwürfnis, das hier nicht zur Debatte stehen kann und noch untersucht werden müßte. Auf alle Fälle ist nun durch die Debatte in der Öffentlichkeit, in der man ganz nebenbei auch die Opfer des Stalinismus gegen die Opfer des NS- Regimes auszuspielen sucht, der Zeitpunkt überfällig, die Entschädigungsangelegenheit der ehemaligen SS-Aufseherin Margot Pietzner gründlich zu untersuchen.

Das juristish zwar nicht zu beanstandende, jedoch politisch-moralisch anfechtbare Geldgeschenk habe ich nun an die „Stiftung für ehemalige politische Häftlinge“ zur weiteren Verfügung übergeben.

Am 10. Dezember 1994 wurde ihr die Referentenstelle beim Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen fristlos gekündigt.