Mit Harald Welzer im Gespräch

Ändere das!

Die Hyperkonsumgesellschaft schafft ihre Bedürfnisse selbst. Das muss ein Ende haben, meint Harald Welzer im taz.lab-Interview.

Was du heute kannst besorgen... wirst du morgen nur noch selten brauchen. Bild: Peter Endig / dpa

taz: Herr Welzer, Ihre These lautet, dass wir unsere Bedürfnisse radikal einschränken müssen, damit die Menschheit überleben kann. Wie bringt man die Leute dazu, das zu machen?

Harald Welzer: Die Leute in den Hyperkonsumgesellschaften müssen ihre Bedürfnisse einschränken. Viele dieser Bedürfnisse sind nagelneu. Bedürfnisse, von denen die Leute noch gar nicht wussten, dass sie sie haben würden, bis das entsprechende Produkt da gewesen ist.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für so ein Produkt?

Es gibt ein ganzes Universum davon: angefangen von Nespresso übers iPad bis zum Stadtgeländewagen. Das sind alles Produkte, von denen niemand gewusst hat, dass er sie haben wollte, und deren Existenznotwendigkeit ja auch noch beweispflichtig ist.

Ich stelle mir gerne den Historiker des Jahres 2300 vor, der versucht, herauszufinden, was der Sinn von bestimmten Produkten gewesen ist. Der scheitert natürlich am Stadtgeländewagen oder an der Nespressokapsel.

»Der Kapitalismus ist wahnsinnig gut darin, Gegenbewegungen in das System zu integrieren«

Woher rührt denn Ihr Optimismus, dass die Gesellschaft sich einschränken wird?

Wir sehen immer beides parallel. Dieser Hyperkonsum, der eine Rekordmarke nach der nächsten reißt. Das bedeutet: Das Zeugs kaufen unendlich viele Leute. Wir haben dieselben Phänomene der unendlichen Steigerungen der Produktmengen im Textilbereich, im Nahrungsmittelbereich, das ist sehr negativ.

Aber andererseits haben wir eine Gegenbewegung, die das genaue Gegenteil propagiert: Foodsharing, Sachen zu tauschen, nichts Neues mehr zu kaufen. Wie relevant so was am Ende wird, das kann man nicht sagen.

Jahrgang 1958, Sozialpsychologe, ist Direktor von Futurzwei. Die Stiftung ist taz.lab-Kooperationspartnerin und veranstaltet am 25. April ein Panel über Strategien des Gelingens. (Foto: Wolfgang Schmidt)

Wie meinen Sie das?

Wir haben historische Erfahrung mit der Absorptionsfähigkeit des Kapitalismus: Der ist wahnsinnig gut, Gegenbewegungen in das System zu integrieren. Am deutlichsten sieht man das in der Share Economy, in die große Hoffnungen gesetzt worden sind.

Deswegen hat man auch daran vorbeigeguckt, dass es Share Economy heißt. Im Grunde genommen ist hier auch noch das letzte Sozialverhältnis marktförmig gemacht worden. Das sind so diese Dialektiken.

Es geht auch mehr um die Suche nach dem, was sich der Vermarktung sperren könnte, was dem widerständig wäre, nicht so sehr um das Klein-klein, sondern um den politischen Rahmen.

Sie schlagen vor, von der Zukunft her zu denken. Warum?

Das Problem ist, dass, wenn ich nur vom Gegebenen her denke, ich dann immer an das Gegebene gebunden bleibe. Deshalb kommt ja auch immer so etwas Absurdes zustande: Das Falsche wird optimiert. Für mich ist zum Beispiel das Elektroauto die Optimierung des Falschen.

Oder die recyclebaren Nespressokapseln, das ist auch Optimierung des Falschen. Wenn man von der Zukunft her denkt, würde man immer erst einmal von einem wünschbaren Zustand her denken und sich dann die Frage stellen: Wie komme ich da hin?

»Wir haben wirtschaftlich die reine Diktatur der Gegenwart«

Wir sollen unsere Optik verändern, um unseren Planeten enkeltauglich zu machen. Was meinen Sie damit?

Wir leben unter einer Diktatur der Gegenwart. Das sieht man daran, dass so etwas wie die Folgen des Klimawandels so kommuniziert werden, als würden sie irgendwann später kommen.

Zwei Grad bis zur Jahrhundertmitte. Meeresspiegelanstieg bis zum Jahr 2100. Wenn man so kommuniziert, sind natürlich die Maßgaben der Gegenwart – ich will jetzt ein neues iPhone, ich will jetzt nach New York fliegen – immer viel dominanter als etwas, was verschwommen in der Zukunft auf der Grundlage der Folgen des heutigen Handelns da ist.

Wir haben auch wirtschaftlich die reine Diktatur der Gegenwart, weil natürlich sowohl von den Quartalsberichten wie auch von den Wahlperioden die Kurzfristigkeit der Entscheidung immer in den Vordergrund rückt, niemals die Langfristigkeit.

Generell hat man dies bei solchen Phänomenen, dass die Umweltkosten von Herstellungsverfahren nie eingerechnet werden. Das ist ja genau das Gleiche, wo nur die reine Gegenwärtigkeit zählt und die Kosten irgendwelchen späteren Generationen aufgebürdet werden.

Wie können wir das verändern?

Indem man nicht die Frage stellt, wie wir das verändern können, sondern indem man's verändert.

Was zählt für Sie wirklich?

Ich bin versucht, etwas Poesiealbummäßiges zu sagen: Was wertvoll ist, aber nichts kostet.

Das Interview führte taz.lab-Redakteurin MAREIKE BARMEYER.