■ Viola Roggenkamp über den lesbisch-schwulen Konflikt

Haß im Kampf um die Weiblichkeit

Lesben sind Frauen. Und Schwule sind Männer. Lesben und Schwule sind Frauen und Männer, die nicht zueinander kommen können. Weil sie nicht wollen? Sie versuchen es immer wieder. Aber es geht nie wirklich gut.

Schwule haben als Männer zu Männern bessere Beziehungen, dadurch mehr Macht und aufs Ganze gesehen viel mehr Geld als Lesben. Das ärgert Lesben wie jede Frau.

Schwule ärgert das ebenfalls, denn die größte Opferrolle wollen sie auch haben. Die reizt jeden theatralisch begabten Mann. Diskriminiert als Lesbe und Frau, dazu vom schwulen Mann. Das schafft auch keine Tunte. Sogar sie ist nun mal nur Mann. Lesben und Schwule hassen einander, wenn sie sich zu nahe kommen. Nicht nur, weil sie sich selbst lieb haben. Ihr gegenseitiger Haß kommt von ganz woanders her. Sie meinen, einander lieben zu müssen wegen der nach außen zu tragenden Solidarität gegenüber heterosexuellen Dritten. Doch die funktioniert sowieso viel besser ohne Liebe und nur im Beisein Dritter.

Aber der Haß. Wo kommt der her? Der Haß entsteht im Kampf um die Weiblichkeit. Angstvoll begehrt und eifersüchtig verachtet von beiden, von lesbischen Frauen wie von schwulen Männern. Nichts erfährt in dieser Gesellschaft so viel Mißachtung wie Weiblichkeit. Ihre Bedeutung muß darum besonders groß sein. Das wollen wir uns ansehen:

Auf der Bühne des Hamburger Schmidt-Theaters – Marlene Jaschke. Die asexuelle Jungfer. Breites Becken. Zusammengepreßte Beine und Lippen. Kapotthut dort, wo bei Männern der Geist sitzt. Kurzsichtiger Blick und Handtasche. Diese Tasche! Symbol der Weiblichkeit.

Sie ist die einzige Frau, die Herr Schmidt, der böse schwule Junge, und Lilo Wanders, die Dame mit dem Größten, zwischen sich dulden können. Eine Frau eben, die um den hohen Wert der Weiblichkeit nichts weiß.

Dazu gehört, daß sie es dennoch geschafft hat, beiden Männern neben sich den Rang abzulaufen: der Liebling aller (Herr Schmidt) wie der Star des Abends (Lilo Wanders) ist die scheinbar nicht begehrenswerte und verachtungswürdige Marlene Jaschke, dargestellt von einer heterosexuellen Frau. Tritt sie auf, geht es allen im Publikum nur um sie. Das war nicht vorgesehen. Es bestätigt aber die Angst vor der Überwältigung durch die Frau.

Die nächste bitte: Madonna? Zarah? Marylin? Shirley? Liza? Besser als das Original zu sein, heißt eben auch – nicht das Original zu sein. Auf der Bühne der schwule Mann, der lange und hart trainiert hat, um diese gegengeschlechtlichen Eigenschaften auf narzißtische Weise im Rampenlicht genießen zu können.

Im Publikum die Lesbe, hin- und hergerissen zwischen Faszination und Verlustängsten. Denn da oben auf der Bühne zeigt ein Mann besser als sie, was ihr gehört: feminine Potenz. Er wagt es. Aber nur mit sich selbst. Sie wagt es nicht allein. Das zeigt sie in ihrer Lust an der anderen Frau. Darf eine Lesbe attraktiv sein? Oh ja! Auch so attraktiv wie Liza oder Marylin? Wir reden nicht darüber, ob sie es will, sondern ob sie es darf. Am besten lehnt sie es erst mal ab.

Das schätzt der schwule Mann an der lesbischen Frau. Neben ihr glaubt er, nicht bloß besser als das Original zu sein. Er kann den Platz allein besetzen. Als hätten sie beide zusammen, der schwule Sohn und die lesbische Tochter, das Original zerstört.

Beide aus ganz unterschiedlichen Motiven, denen jedoch ein Impuls gemeinsam ist: Haß aus schmerzvoller Kränkung. Seine Kränkung taucht auf in der Darstellung der schrillen, kreischigen Tunte, in der von ihm verzerrten Weiblichkeit. Als geradezu obszön kann hingegen die lesbische Tochter dieses verzerrte Bild verachten – aus Kränkung wie aus Selbsthaß. Ein Ventil, das keine befriedigende Entlastung bringt. Beiden nicht. Die Tunte könnte die Identifizierung mit dem Täter als Opfer sein: Der schwule Sohn, der die Mutter zerstört hat, schlüpft in die Hülle der Frau und wird als Täter zum Opfer der eigenen Tat. Geopfert wurde die Frau als Täterin, die der Mann als Tunte zerstörerisch vorführt.

An diesem Akt der Zerstörung von Weiblichkeit nimmt die Lesbe aktiv nicht teil. Sie läßt ihn machen. So bewahrt sie in sich die Frau und sorgt für sie durch nach außen gezeigte maskuline Präsenz. Gegenüber der anderen Frau zeigt sie Ritterlichkeit und leise Sehnsucht, schützende Aufmerksamkeit und Verführungskünste bis an den Rand der kleinen Vergewaltigung. Ja. Denn sie ist ja eine Frau. Und eine Frau darf das. Oder?

Ihr gibt frau sich lustvoll hin. Auch die heterosexuelle Frau, die ihre Sehnsucht nach der Frau gewöhnlich dort zeigt, wo die Männergesellschaft es erlaubt: im Blick auf den schwulen Transvestiten im Scheinwerferlicht. Diese allseits bewunderte Frau ist ja ein Mann. Aber so attraktiv wie eine Frau. So attraktiv, wie sie selbst sein möchte. In ihren Augen. In den Augen einer Frau. Stoff für heimliche Träume und unheimliches Begehren, das die lesbische Frau befriedigen kann, denn sie kennt diese Träume selbst.

Wenn sie auf Jagd sind in der Hetero-Welt vergessen sie einander völlig, die lesbische Schwester den schwulen Bruder. Ein Geschwisterpaar, das zusammen ohne Inzestverbot auskommt. Sie sind einander völlig gleichgültig, so lange bis sie sich in die Quere kommen.

Daß Schwule sich untereinander gern in der weiblichen Form mit „sie“ anreden, können Lesben echt lieb und irgendwie nett finden. Innerlich bringt es sie auf die Palme. Wie lange schon ringen Frauen um gleiche Präsenz in der Sprache? Wie lange schon geben man und jeder und jedermann – ob schwul oder nicht – den Ton an, ohne im entferntesten die Abwesenheit der Frau zu empfinden? Doch einige dieser jedermänner sprechen heimlich im Eckchen ganz anders miteinander:

„Was hat sie denn heute? Warum ist sie denn wieder so zickig?“ Liebste Antwort in der Regel: „Ich habe meine Tage.“ Dazu der gezierte Griff an die männlich flache Brust. Kolliergriff genannt. Darüber der zu einem feuchten O geöffnete Mund. Aber in Wahrheit weder Tage noch Busen, noch Vagina. Dafür der Tanz um den goldenen Schwanz, dem Lesben übrigens mit einem gewissen Interesse zusehen können. Ein voyeuristischer Blick auf die männliche Potenz, vorzugsweise wenn's keine sieht.

Sogar der Blick auf den aggressiven schwulen Typ, der es dem anderen Mann mal richtig besorgt, kann lustvoll sein. Denn: Wiederum läßt sie ja ihn machen. In der Vielfalt der Gefühle beider homosexuellen Geschlechter wird die Vielschichtigkeit der Liebe/ Haß-Beziehung zwischen Frau und Mann überaus deutlich. Für die umstehende Hetero-Gesellschaft kaum auszuhalten deutlich. Dazu gehört auch die hohe Bewertung der Weiblichkeit, ausgelebt und vorgeführt von lesbischen Frauen und schwulen Männern, die allesamt ihr Leben heterosexuell begannen.