ZUHAUSE DOCH FREMD

Die lange Suche nach der eigenen Identität

In Frankreich vollzieht sich die Integration der Kinder aus maghrebinischen Familien. Die Widerstände in der französischen Bevölkerung sind bestimmt vom Trauma des Algerienkrieges und vom Schreckgespenst des Islam. Integration heißt nicht Aufgabe der kulturellen Identität. Trotz aller Konflikte wird die nächste Generation ihren Platz in der französischen Gesellschaft finden. V  ■ ON TAHAR BEN JELLOUN

In Frankreich hat der Golfkrieg die junge Generation der Einwandererfamilien aus den maghrebinischen Ländern hart und unvermittelt mit der Frage nach dem Grad ihrer Integration konfrontiert. Für viele von ihnen war dies die Stunde der Wahrheit: Sie sahen sich gezwungen, in einem komplizierten Konflikt Stellung zu beziehen und sich über ihre eigene, natürlich kaum recht bestimmte Identität und ihre kaum recht begriffene Zugehörigkeit klar zu werden. Diese Probe haben sie bestens bestanden, in vorbildlicher Haltung, mit Besonnenheit und Würde. Unmittelbar vor Beginn des Krieges hatten Politiker und Medien bereits einen „Golfkonflikt in Frankreich“ beschworen. Man befürchtete Unruhen, vor allem nachdem im Süden Frankreichs innerhalb weniger Tage die Waffenläden leergekauft worden waren – von Franzosen, die „sich verteidigen wollten“. Es herrschte eine gespannte Atmosphäre und man wußte nicht recht, wie die Tausende junger Menschen aus den maghrebinischen Familien auf die äußerste Zuspitzung im Kriegsfall reagieren würden. Bereits zu Beginn des Konflikts hatte Premierminister Rocard eine Delegation der in Frankreich lebenden Juden und Araber empfangen. Die Vertreter der beiden Gemeinschaften machten deutlich, daß sie Übergriffe fürchteten. Sie forderten von der Regierung ein Zeichen, eine öffentliche Stellungnahme, um die arabischen und jüdischen Mitbürger zu beruhigen, die sich bedroht fühlten von der erregten und unkontrollierten Reaktion auf den Golfkrieg, die in manchen Schichten der französischen Bevölkerung zu beobachten war. Aber obwohl dann doch kein Aufruf zur Besonnenheit erfolgte, nahm der Krieg seinen Lauf, ohne daß es zu irgendeinem Zusammenstoß zwischen Maghrebinern und Franzosen kam – offenbar eine instinktiv richtige Haltung von allen Seiten.

Die maghrebinische Bevölkerung in Frankreich ist durchaus nicht straff organisiert, sondern eher in Fraktionen gespalten. Aber in Krisensituationen, wie in der Zeit dieses Krieges, zeigt sich ihre politische und soziale Reife. Natürlich war gerade den jungen Leuten dieser Konflikt nicht gleichgültig. Im Gegenteil: Sie diskutierten heftig und engagiert – doch sie dachten nie daran, diese Debatten in der Öffentlichkeit auszutragen. Die meisten besitzen die französische Staatsbürgerschaft, aber weil sie aus arabischen und Berber-Familien stammen, waren ihre Gefühle doch sehr gespalten, vor allem, als die alliierten Streitkräfte sich anschickten, den Irak militärisch zu vernichten.

Bereits in den 80er Jahren hatte es eine Reihe von Situationen gegeben, in denen sich die Frage nach dem Grad der Integration dieser Bevölkerungsgruppen stellte. 1987 und 1988 zum Beispiel war ein toter Punkt erreicht: Weder die ethnischen Organisationen noch die politischen Parteien – vor allem die Linke – konnten der jungen Generation der Einwanderer eine glaubhafte Zukunftsperspektive anbieten. Daraufhin hatten die islamischen Vereinigungen plötzlich großen Zulauf. Das legte sich rasch, obwohl die islamischen Extremisten in ihren Bemühungen nicht nachließen. Leider hat dann die unglückliche „Schleier-Affäre“ im Winter 1989 erneut zu einer Welle von Aufgeregtheit geführt: Wieder gab es die Ignoranz und die Mißverständnisse, die das Verhältnis zwischen den maghrebinischen Familien (vor allem der Generation der Eltern) und den Franzosen belasteten.

Doch abgesehen von solchen Aufregungen kann man wohl behaupten, daß die Integration der jungen Generation der maghrebinischen Einwanderer langsam und stetig gelingt. Gelegentlich scheint das alles etwas chaotisch, aber letztlich sind es nicht die Einwanderer aus dem Maghreb, die sich gegen ihre Eingliederung in das soziale Gefüge Frankreichs sperren, sondern es sind die Franzosen – manche Franzosen. Seltsamerweise liegen bei ihnen, deren Aufgabe es doch wäre, die Fremden zu integrieren, die größten Probleme. Natürlich gibt es Vorurteile und Ängste. Die Vorurteile sind eher oberflächlicher Art, da spielen die jahrhundertealten Araber-Legenden eine Rolle, die im Algerienkrieg neu belebt wurden. Und die Ängste haben ihren Grund nicht in der Verschiedenheit, sondern in der Ähnlichkeit. Je deutlicher sich zeigt, daß die jungen „Maghrebins“ sich genauso verhalten wie die jungen Franzosen aus dem gleichen sozialen Milieu, desto wütender reagieren die ausländerfeindlichen Franzosen. Sie müssen feststellen, daß Frankreich sich verändert und daß daran auch die Bevölkerungsschichten außereuropäischer Herkunft ihren Anteil haben. Natürlich sind zuvor auch die Polen, Portugiesen und Spanier nicht rasch und problemlos integriert worden, aber mit ihren Herkunftsländern hat Frankreich keine Kriege geführt, und es gab auch keine Kolonialherrschaft. Das Trauma des Algerienkriegs wirkt immer noch nach, vielleicht wäre die gelungene und freudig vollzogene Integration der Kinder der betroffenen Generation aber das einzige Mittel, diese Wunden zu heilen.

Ein weiterer Anlaß von Befürchtungen ist die Religion, der Islam. Man muß sich die Tatsachen ins Gedächtnis rufen: Die jungen „Maghrebins“ haben nicht grundsätzlich dem Islam abgeschworen. Die meisten befolgen zum Beispiel die Gebote wähBLOCKENDErend des Fastenmonats Ramadan – in einer Art von Solidarität: weil es in ihrer Gemeinschaft so Sitte ist, weil sie die Gläubigen nicht vor den Kopf stoßen wollen. Doch die Vertreter eines Islam von totalitärer Strenge haben in Frankreich nur politische Sektierer um sich scharen können.

Die anderen, die versuchen, ihren Platz in Frankreich zu finden, haben längst begriffen, daß sie nur einen gemäßigten Islam vertreten können, wenn sie ihre Integration nicht gefährden wollen. Bei dieser Entwicklung haben vor allem die Töchter der maghrebinischen Familien eine wichtige Rolle gespielt. Sie waren die ersten, die sich integrierten: Daß sie berufstätig waren oder eine Ausbildung erfolgreich abschließen konnten, stärkte ihre Position – ihre Brüder zeigten sich oft weniger ehrgeizig. Die jungen Frauen waren wild entschlossen, ihre Zukunftschancen in der Gesellschaft zu suchen, die ihnen Schutz und gesetzlich abgesicherte Rechte bot. Die maghrebinischen Familien erlebten einen Prozeß raschen Wandels.

Der politisch orientierte Islam hat es nicht verstanden, bestimmten kulturellen und psychischen Erwartungshaltungen gerecht zu werden. Er muß sich darum auf seinen geistlichen Einfluß im Bereich der individuellen Haltungen und Erfahrungen beschränken. Alles andere ist ideologisches Beiwerk, das nun durch den Golfkrieg weggefegt wurde oder doch an Wirkung verloren hat.

Daß sich eine erfolgreiche Integration abzeichnet, bedeutet für die Länder des Maghreb eine Niederlage. Es scheint, als hätten sie nicht rechtzeitig begriffen, welche soziale Entwicklung die emigrierten Familien durchliefen. Zu anderen Zeiten in der Geschichte der Einwanderung, vor allem zu Beginn, als es noch keine Familienzusammenführung gab, hatten die Länder des Maghreb ihre Emigranten noch weitgehend unter Kontrolle. Damals waren es nur die Männer, die allein fortgingen und jeden Sommer mit Devisen und Geschenken zurückkamen. Doch sobald ihre Familien in Frankreich lebten, gab es keinen Grund mehr, Devisen in ihr Herkunftsland zu schicken. Das galt vor allem für die Algerier.

Die einst einflußreiche Emigrantenorganisation „Amicale des Algériens en France“ verlor allmählich ihren Zweck – inzwischen wird sie von der algerischen Regierung nicht mehr finanziell unterstützt. Bei den Marokkanern liegen die Dinge etwas anders. Unter ihnen ist die Zahl derjenigen, die beschlossen haben, sich endgültig in Frankreich niederzulassen, nicht so groß. Daß sie jährlich neun Milliarden Francs nach Marokko transferieren, zeigt ihre Verbundenheit mit der alten Heimat an, es bedeutet allerdings nicht, daß sie in Frankreich weniger integriert wären. Aber auch in dieser Gemeinschaft ist vieles in Bewegung geraten.

Man kann davon ausgehen, daß sich diese Fragen innerhalb einer Generation klären: Die Kinder der jungen „Maghrebins“ von heute werden einfach Franzosen sein und sich nicht mehr die bange Frage nach ihrer Identität stellen. Das ist eine Angelegenheit von rund dreißig Jahren. Auch diese Kinder werden ihre Probleme haben, aber Probleme anderer Art. Schon heute ist klar, daß die Jugendlichen aus maghrebinischen Familien nicht häufiger straffällig werden oder sich gewalttätiger zeigen als französische Jugendliche gleichen Bildungsstands und gleicher Schichtzugehörigkeit.

Serge Boulot und Dominique Fradet haben in ihrer Untersuchung über „Schulversagen“ festgestellt, daß die Quote erfolgreicher Schulabschlüsse unter den jungen „Maghrebins“ höher ist als unter den Franzosen der gleichen sozialen Schicht. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Mädchen. Wenn also die Kinder der integrierten Einwanderer auch in der Zukunft besondere Schwierigkeiten haben sollten, dann wird es bestimmt nicht an ihrer Abstammung liegen, sondern an dem sozialen Milieu, in dem sie leben.

Welche Beziehung haben die Jugendlichen zu dem Land, aus dem ihre Eltern kamen? Man hat bereits festgestellt, daß es eher eine Bindung an die Einwanderergemeinschaft gibt als an das Herkunftsland, das die jungen Leute auch immer seltener aufsuchen. Es wird für sie zum Hinterland, zu einer Erinnerung aus zweiter Hand, zur Erinnerung an eine Erinnerung. Doch sie verstehen sich auch als Araber – gefühlsmäßig, ohne Nachdenken. Seine Wurzeln, seine Herkunft darf man nicht verleugnen. Sich zu integrieren heißt ja nicht, daß man alles aufgibt, was einen zum Menschen gemacht hat. Im Gegenteil: Wer glaubt, er müsse „reinen Tisch“ machen und sich von seiner Herkunft lossagen, dem wird auch die Integration nicht gelingen.

Manche Franzosen fordern von den jungen „Maghrebins“ eine Art „öffentlichen Kniefall“ – zum Beispiel die Abkehr von den islamisch geprägten Wertvorstellungen der Eltern. Das ist eine ärgerliche Forderung, die sich gegen diejenigen kehrt, die sie erheben. Schon bei Spinoza heißt es, daß „jedes Wesen danach strebt, seine Seinsweise zu erhalten“. Man darf von diesen jungen Menschen nicht erwarten, daß sie ihre Integration so teuer bezahlen, man darf ihnen nicht den Bruch mit der Tradition oder gar einen Verrat abverlangen. Wir sollten nicht vergessen, wie es den „Harkis“ ergangen ist, jenen Algeriern, die sich im Befreiungskrieg auf die Seite der Franzosen schlugen und in Waffen gegen ihr Land antraten. Aus Unwissenheit, Angst oder Dummheit glaubten sie, sich verleugnen zu müssen – nach dem Krieg traf sie die Verachtung beider Lager. Und heute sind es gerade jene Franzosen, die den Kolonialzeiten nachtrauern (nicht zuletzt die Mitglieder der „Front National“), die den jungen „Maghrebins“ die Ehre, als Franzosen zu gelten, nur zugestehen wollen, wenn alle Spuren der arabischen Herkunft getilgt sind. Von den Portugiesen, den Polen, den Spaniern und den Italienern hat man so etwas nicht verlangt ... Das lag natürlich daran, daß diese Einwanderer demselben (dem jüdisch- christlichen) Kulturkreis angehörten. Sie waren Europäer, und darum bildeten alle anderen Unterschiede kein Hindernis für die Integration.

Auf den Einwanderern aus Nordafrika dagegen lastet, neben allen kulturellen und religiösen Differenzen, die gemeinsame bittere Erinnerung an den Krieg. Offiziell gilt der Islam als Grund aller Schwierigkeiten – allerdings jener Islam, den die Medien sich erfinden, im Rückgriff auf die totalitären Revolutionen und ihre politischen Verblendungen in der Welt des Islam. Seit Ende 1990 weiß die französische Regierung wenigstens, an wen sie sich wenden, mit wem sie debattieren kann: Damals wurde ein Beratungsgremium eingerichtet, in dem die Probleme des Islam in Frankreich diskutiert werden sollen. Scheich Tedjini Haddam, der Vorsteher der Moschee von Paris, gilt seither als Vertreter der moslemischen Bevölkerung Frankreichs. Er ist zwar in keiner Weise autorisiert worden, aber er stammt aus Algerien, und also geht man davon aus, daß er die wichtigste Gemeinschaft von Einwanderern in Frankreich vertritt.

Staatspräsident Fran¿ois Mitterrand hat erklärt, er hoffe, daß dieses Gremium, dem Scheich Tedjini Haddam angehört, dazu beitragen werde, die Integration der muslimischen Bevölkerung in die französische Gesellschaft zu erleichtern, damit die Einwanderer in Frieden in dieser Republik leben können, die doch den Prinzipien der Toleranz und der gegenseitigen Achtung verpflichtet ist, und die freie Entfaltung aller ihrer Bürger garantiert. Die Botschaft ist unmißverständlich: Gelungene Integration bedeutet friedliches Zusammenleben, gegenseitige Achtung und Toleranz. Davon darf man sich nichts abhandeln lassen. Und diejenigen, die ernsthaft gewillt sind, ein Teil des sozialen Gewebes zu werden, die in der französischen Gesellschaft aufgehen wollen, ohne dabei ihre Seele zu verlieren, ohne die tausendjährige Geschichte ihrer Eigenart zu verleugnen – sie wissen, wie wichtig der gegenseitige Respekt ist. Doch die Widerstände gehen oft nicht von ihnen aus, sondern von anderen, die Angst vor der Zukunft haben und die vergessen, daß Frankreich weitgehend auf diese Weise zustande gekommen ist: durch Bevölkerungszustrom aus allen Himmelsrichtungen und Vermischung der verschiedenen Einwanderergruppen.

Die erfolgreiche Integration der Einwanderer aus Nordafrika käme auch den Ländern des Maghreb zugute, die es nicht verstanden haben, diesen Verlust an Humankapital zu verhindern. Die Integration vollzieht sich nicht wie ein Wunder, sie ist ein Prozeß und eine alltägliche Arbeit; und manchmal geht das nicht ohne Konflikte und Gewalt ab. Ob in Venissieux oder in Vaulx-en-Velin, diese Ausbrüche von blinder Wut waren nicht einfach ein Zeichen schlechter Laune von jungen Leuten, die nichts Besseres zu tun haben. Sicher, sie sind arbeitslos, aber sie haben auch etwas anderes deutlich gemacht, das viel wesentlicher ist: ihren tiefen Wunsch, Eintritt in die Gesellschaft zu finden, an der Ausgestaltung und Weiterentwicklung dieses Landes teilzunehmen, das sie als ihr Land ansehen. Darum machen sie den Versuch, „durch die Gewalt die Auseinandersetzung einzuleiten“, wie es der Soziologe Adil Jazouli formuliert hat. Sie schließen sich zusammen, um von den Institutionen als Gesprächspartner ernstgenommen zu werden. Diese Generation, die, in Jazoulis Worten, die „Integration durch den Konflikt“ vollzieht, erfindet sich ihre eigenen Formen der Annäherung und Einfügung. Das ist ein Bruch mit der Haltung der Elterngeneration, die gar nicht erst versucht hat, sich im sozialen Geflecht Frankreichs festzumachen. Dieser Bruch bedeutet nicht, daß alles verweigert und abgetan wird, wofür die Generation der „Alten“ steht. Im Unterschied zu ihnen sind die jungen Menschen aber gerade aus kulturellen Gründen soweit, daß sie die Integration endgültig vollziehen können. Weil sie sich in kultureller Hinsicht inzwischen weniger als „Maghrebins“, sondern mehr als Franzosen fühlen, sind sie entschlossen, trotz aller Hindernisse und Konflikte, den Weg der Integration „zu Ende“ zu gehen.

Sie werden es kaum wissen, aber sie sind dabei, es den Einwanderern nachzumachen, die aus Syrien und Libanon nach Lateinamerika gingen. Ein klassisches Beispiel für die perfekte Integration: Die Immigranten spielten wichtige Rollen in der Politik und besetzten die höchsten Ämter. Soweit sind wir in Frankreich noch nicht. Aber Anfang der siebziger Jahre hätte sich auch niemand vorstellen können, daß 1990 ein Politiker arabischer Abstammung Staatspräsident eines lateinamerikanischen Landes sein würde. Bis 2050 kann sich noch einiges tun!

Tahar Ben Jelloun kam 1944 im marokkanischen Fez zur Welt. Bekannt machte ihn sein Roman „Sohn ihres Vaters“. Als erster Nordafrikaner erhielt Tahar Ben Jelloun 1987 den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den „Prix Concourt“.