DDR-Doku

Der Freund als Feind

In der ARD-Doku "Verraten. Sechs Freunde und ein Spitzel" arbeitet Filmemacherin Inga Wolfram DDR-Geschichte auf - auch ihre eigene.

"Die DDR umstülpen": Frühere Freunde im Dokumentarfilm "Verraten"  Bild: ARD

Einmal Spitzel, immer Spitzel? Auf die Frage "Warum hast du deine Freunde verraten?" fällt dem ehemaligen Stasi-Spitzel Arnold Schölzel nur ein "Hm. Na ja. Ihr habt 17 Millionen verraten" ein. Offenbar glaubt der heutige Chefredakteur der Jungen Welt immer noch, zu DDR-Zeiten im Auftrag der Staatssicherheit das Richtige getan zu haben. Vor einer weißen Wand sitzend wird der 60-Jährige von Filmemacherin Inga Wolfram mit vorwurfsvollen Fragen bombardiert. Seine Antworten sind einsilbig.

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Mit dem Dokumentarfilm "Verraten - Sechs Freunde und ein Spitzel" arbeitet die Autorin nicht nur einen Teil der DDR-Geschichte auf, sondern auch ein Stück ihrer eigenen Vergangenheit. Dementsprechend emotional ist die 45-minütige Dokumentation. Zwar wirkte Inga Wolfram nie an den Aktionen der oppositionellen Gruppierung mit, der ihr damaliger Mann Klaus Wolfram angehörte, sympathisierte aber mit der Gruppe. "Ich interessierte mich nicht für Theorie", so die Autorin.

In der Ichform berichtet Inga Wolfram von der Freundschaft, die sie und die sechs anderen Philosophiestudenten der Berliner Humboldt-Uni miteinander verband, und den regimekritischen Gedanken, die sich die Gruppe zu DDR-Zeiten machte und auch auslebte. "Unsere Idee war, die DDR umzustülpen", sagt Dieter Krause, ein Mitglied der Gruppe und heute stellvertretender Chefredakteur des Stern, über die Absichten der Freunde, deren Clique von der Stasi als operativer Vorgang "KREIS" geführt wurde. Durch die mehr als hundert Berichte, die Schölzel der Stasi lieferte, flog die Gruppe schließlich auf.

Wie die Freunde merkten, dass sie beschattet wurden und dass der Stasi-Spitzel mitten unter ihnen war, wird leider nur kurz angerissen. Ihre Enttäuschung über den Verrat wird dagegen in den vielen Einzelstatements der sechs ehemaligen Revoluzzer klar, die im Kontrast zu Schölzel vor einem schwarzen Hintergrund befragt werden.

Überraschend für den Zuschauer - und auch die Autorin selbst - ist die Tatsache, dass Schölzel Wolfram für diese Dokumentation als Interviewpartner überhaupt zur Verfügung stand. Zumal er in seiner Wortkargheit eine blasse Vorstellung abgibt. Dass ihm das Gespräch und die Fragen unangenehm sind, ist deutlich zu spüren. "Wir haben nicht daran geglaubt, dass der Schölzel mir ein Interview gibt", sagt Wolfram nach der Pressevorführung des Films. Inga und Klaus Wolfram führen diese Bereitschaft darauf zurück, dass Schölzel zu perplex gewesen sei, um mit Nein zu antworten, als die beiden plötzlich vor ihm gestanden hätten. Sie überraschten Schölzel in seinem Chefredakteursbüro mit der Frage, ob er an der Dokumentation mitwirken wolle. "Innerhalb weniger Sekunden antwortete er mit Ja", erinnert sich die Filmemacherin. "Ich setzte schnell 'Wie wärs mit morgen?' nach und bekam ein 'Morgen? Ja gut' zur Antwort."

Für den SED-Forscher Dr. Jochen Staadt ist die Dokumentation ein repräsentativer Ausschnitt der DDR-Geschichte und zeigt, dass "die Vorstellungen der jungen Leute im Osten und Westen nicht so weit voneinander entfernt waren". Der Film erinnert aus einem sehr subjektiven Blickwinkel an ein wichtiges Stück deutscher Geschichte und zeigt, welcher Art die Widerstandsbewegungen gegen die SED sein konnten. Obwohl Wolfram beteuert, mit "Verraten - Sechs Freunde und ein Spitzel" nicht das Ziel eines Rachefeldzugs gegen Schölzel zu verfolgen, kann sich der Zuschauer dieses Eindrucks nicht ganz erwehren.

 

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