Die Welt im Schraubendrehen

Gags am laufenden Band: Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“ feiert die Komik, die aus der Konfrontation von Mensch und Maschine entsteht. Das Gelächter ist dabei ein unschlagbares Gegengift gegen die fordistische Produktionsweise. Jetzt kommt der Klassiker in restaurierter Fassung ins Kino

Die kleinste Abweichung innerhalb der automatisierten Bewegung kann bereits den ganzen Produktionsprozess lahm legen. Wenn Charlie, der Tramp, am Fließband der Electro Steel Corporation Schrauben festzieht, dann ist der Stillstand des Ganzen nur noch eine Frage der Zeit. Ein Juckreiz genügt, um hier in Rückstand zu geraten; ein Insekt bedeutet bereits eine derart bedrohliche Ablenkung, dass die zeitlich genau abgestimmten Abfolge von Handgriffen ins Chaos zu kippen droht. Charlie, das ist schnell klar, nimmt die Rolle des schwarzen Schafs unter lauter weißen ein. Ein Schaf, das aus der Herde ausschert; ein Schaf, das nicht anders kann, als den Gleichlauf der Dinge zu unterbrechen – dieses metaphorische Bild stellt Chaplin seiner burlesken Zustandsbeschreibung des Menschen unter den Bedingungen der Moderne voran.

Unterbrechung aber ist am Arbeitsplatz verboten. Die berühmt gewordene Fabriksequenz am Anfang von „Moderne Zeiten“ (1936) konfrontiert ein Subjekt mit der Institution der Industrialisierung und rückt dabei zuallererst den organischen Arbeitsablauf in den Mittelpunkt. Hierarchien sind zwar vorhanden, aber auf ein Minimum reduziert. Der Direktor überwacht den Herstellungsprozess über ein Dispositiv: Bewegte Bilder übermitteln ihm Ansichten der einzelnen Schauplätze der Fabrik, mit ebensolchen schaltet er sich manchmal Mabuse-ähnlich ins Geschehen ein und fordert mehr Effizienz. Er genießt dabei das Privileg der Rede in dem dialoglosen Tonfilm. Ein Zeichen seiner Macht.

Chaplin scheint es jedoch gar nicht so sehr um die Herrschaft eines Kapitalisten über seine Arbeiter zu gehen, sondern um die Wirkung der Maschinen. Mit dem Fließband reflektiert er das Symbol der industrialisierten Arbeit schlechthin. Der Automobilhersteller Henry Ford hat es 1909 mit immensem Erfolg eingeführt, um den Produktionsprozess seiner Betriebe zu steigern. Er baute dabei auf den Ideen des Taylorismus auf, der wissenschaftlich erforschte, welche Arbeits- und Bewegungsabläufe die Leistung der Arbeiter steigerten. Der menschliche Arbeitsprozess wurde in kleinste Segmente aufgegliedert und dem der Maschinen angenähert. Das entsprechende Bild dafür findet sich in „Moderne Zeiten“, wenn Charlie ins Innere der Maschine gerät und durch die Zahnräder transportiert wird, als wäre er ein Teil davon.

Bei Chaplin steht das fordistische Arbeitsmodell naturgemäß unter Kritik. Er zeigt die Überwachung der Arbeiter ebenso wie die Konkurrenz unter ihnen, die Verschleißerscheinungen wie die Monotonie. Als Komiker nähert er sich aber vor allem den körperlichen Aspekten der Fließbandtätigkeit und nutzt die Bewegungsroutinen, um Gags „am laufenden Band“ zu produzieren. Der auffälligste davon resultiert aus Charlies gestörter Motorik. Die Bewegung am Fließband ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, in der Mittagspause kann er sich von der so oft wiederholten Tätigkeit nicht befreien, stolpert ungeschickt herum und verschüttet die Suppe seines Kumpels. Chaplin erweitert diese körperliche Symptomatik ins Pathologische: An jedem Knopf – ob jene am Rock der Sekretärin oder an der Bluse (und Brust) einer Passantin –, aber auch an Hydranten und mehreren Nasen setzt der besessene Griff des Arbeiters an. Die Welt scheint nur noch für diese eine Tätigkeit des Schraubendrehens gemacht.

Walter Benjamin hat in seiner Auseinandersetzung mit der Moderne auf die Zunahme technisch-industriell verbreiteter Schocks hingewiesen und daraus den Zerfall von menschlicher Erfahrung abgeleitet. Gerade der Arbeiter am Fließband erschien ihm als ein gutes Beispiel für die Unfähigkeit des Menschen, Zusammenhänge festzustellen: Die visuelle Wahrnehmung koppelt sich vom körperlichen Objekt ab, aktives Handeln wird erschwert, wenn nicht verunmöglicht. Dieser skeptischen Einschätzung stellt Benjamin jedoch, wo es um den Film geht, eine ungleich optimistischere gegenüber: In einer frühen Fassung des Kunstwerkaufsatzes, notiert die Filmwissenschaftlerin Miriam Bratze-Hansen, wird dem Massenmedium Film „die Möglichkeit einer psychischen Impfung“ zugestanden, die das Reifen „sadistischer Fantasien oder masochistischer Wahnvorstellungen“ verhindern kann.

Eine besondere Rolle erhält hierbei der Humor, der Affekt des kollektiven Gelächters: „Chaplin hat sich in seinen Filmen“, notiert Benjamin bereits 1929, noch vor „Moderne Zeiten“, „an den zugleich internationalsten und revolutionärsten Affekt der Massen gewandt, das Gelächter.“ Wenn Charlie etwa die undankbare Rolle zufällt, als Versuchskaninchen für einen Essroboter zu dienen, der wiederum die Arbeitszeit optimieren helfen soll –, dann findet er sich in einer passiven Stellung wieder, die der eines Gefolterten entspricht. Er kann sich gegen die mechanischen Arme nicht wehren und wird von der wild gewordenen Maschine mit einem Maiskolben regelrecht malträtiert. Chaplin konfrontiert die Maschine mit dem Vorgang der menschlichen Nahrungsaufnahme – eine Szene, die sich später spiegelbildlich wiederholt, wenn Charlies Meister im Getriebe einer weiteren Maschine eingeklemmt ist –, lässt sie aber an dieser Aufgabe scheitern, was ihr den Nimbus der Allmacht über den Menschen raubt. Der Zuschauer wiederum reagiert auf die Szene mit unmittelbarem Gelächter; ein Lachen, das sich im Benjamin’schen Sinn stets der spielerischen Natur des Geschehens bewusst ist und als Medizin gegen die Schocks des modernen Lebens wirksam werden kann, indem es kathartisch Spannungen abbaut. Charlie, der Tramp, vermag also nicht nur den Produktionsprozess lahm zu legen, er führt mit dem burlesken Körper vor, welche Störungen industrielle Arbeit auslöst, um sie auf einer sinnlichen Ebene zugleich zu therapieren.