• 23.06.2008

Duzmaschine Hartmann

Nach dem Spiel ist vor dem Waldi

Waldemar Hartmann ist mit seinem anbiedernden Interviewstil eine aussterbende Spezies. Trotzdem schauen seinen Fußball-Talk regelmäßig rund vier Millionen Zuschauer.von DAVID DENK

Waldi privat: Geboren am 10. März 1948 in Nürnberg. In dritter Ehe verheiratet, zwei Kinder. Er war Bassist bei The Blizzard, der Begleitband von Roy Black. 1971 eröffnete er in Augsburg eine eigene Kneipe: "Waldis Club".

Waldi beruflich: Ab 1979 freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk, seit Mitte der 80er-Jahre Sportreporter. Für die ARD berichtet er seit 1990 regelmäßig von sportlichen Großereignissen; seit 2006 gemeinsame Sendungen mit Harald Schmidt - auch während der Olympischen Spiele in Peking 2008.

Waldi spezial: Im Januar 2007 erklärte er den Boxer Jürgen Blin vor laufender Kamera für "tot" - dabei lebt er noch.

"Aber nicht, dass Sie schreiben, ich würde noch immer dasitzen." So ist das, wenn man sich mit Waldemar Hartmann zur Mittagszeit in einer Hotelbar verabredet. Er macht einen Scherz daraus, und zwar einen, in dem sich das Image des Sportjournalisten Hartmann spiegelt, den alle nur Waldi nennen oder seit dem Rededuell mit Rudi Völler auch mal "Weißbier-Waldi". Wirklich alle nennen ihn so und nicht nur enge Freunde, denen Spitznamen als Ausweis von Vertrautheit ja normalerweise vorbehalten sind. Auch das sagt viel über Waldi Hartmann aus. Er ist Allgemeingut, einer, den alle kennen und zu dem alle eine Meinung haben. "Wehre dich nie gegen ein Bild, das andere sich von dir machen, sondern bediene es", hat sein Freund Harald Schmidt ihm mal geraten. Es scheint, als halte er sich daran.

Wie schon bei den Olympischen Winterspielen von Turin und der Fußball-WM 2006 ist Hartmann in der ARD für das gesellige Rahmenprogramm zuständig. In "Waldis EM-Club" bereitet er mit prominenten Gästen den Spieltag auf. "Wir haben kein Konzept, weil sich eh niemand dran hält", sagt Hartmann stolz. "Der Moderator gewordene Stammtisch der ARD-Sportberichterstattung", wie ihn die taz schon 2002 genannt hat, ist mittlerweile also tatsächlich offizieller Stammtischbeauftragter seines Senders - und damit ziemlich erfolgreich. Rund vier Millionen Zuschauer lassen sich von Hartmann und seinen Gästen in den Schlaf plaudern, ein mal mehr, mal weniger launiges Betthupferl.

Das Hotel am Wiener Stephansplatz, in dem "Waldis EM-Club" tagt, ist ein ebenso hässliches wie exklusives Haus. Hinter der Fassade aus Glas und Stahl reguliert ein Türsteher den Zugang zu den Fahrstühlen. Im 6. Stock befindet sich die Rezeption, ein kleiner Tresen nur, viel Schwarz, man bemüht sich um eine intime Atmosphäre. In der Onyx-Bar mit Blick auf den Stephansdom wartet Hartmann. Er trägt ein kurzärmliges Vertreterhemd und schon lange keinen Schnäuzer mehr. Dadurch wirkt er wie ein unvollendetes Gemälde, in dem ein entscheidendes Detail fehlt. Aber offenbar hat es Hartmann irgendwann gereicht, wie ein Dackel zu heißen, und er wollte nicht weiter auch so aussehen.

Hartmann genießt die Umgebung im Hotel sichtlich. "Das ist das erste Mal in meinem Berufsleben, dass das Bett fast im Studio steht, aber auch neben der Bar - kurze Wege", sagt er und lacht ausgiebig. Diesen Satz mag Hartmann so gern, dass er ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholt. Im Vorgespräch hatte er angekündigt, dass man am Abend nach der Sendung noch an der Bar zusammenkommen werde. "Ausschnapsen" nennt er das. Ob man, um das zu überstehen, vorher noch ins Trainingslager müsse? Nein, Hartmann spricht beschwichtigend von "Legendenbildung": "Ich bediene nicht alle Klischees, die über mich im Umlauf sind." Wie zum Beweis trinkt er ein großes Mineralwasser. Auf den Papierservietten, die unter den Gläsern liegen, stehen all die Metropolen, in denen die Hotelbetreiber Geschäfte machen: New York, London, Barcelona, Mailand. Hartmann ist München. Eine regionale Spezialität mit überregionaler Ausstrahlung, genau wie das Weißbier, für das er wirbt. "Wenn ich schon mit dem Image des Bilderbuchbajuwaren leben muss - warum dann nicht mit einem Werbevertrag in der Tasche, meiner privaten Riesterrente?", sagt er.

Hartmann hat dem Gast den Platz mit Blick auf den Stephansdom überlassen. Er nennt ihn "Steffl" - genauso wie für ihn Mehmet Scholl der "Scholli" ist und Veronica Ferres die "Vroni". Waldi duzt also auch Kirchen. Es wundert einen nicht. "Diese Duzmaschine verkörpert den zur Vollendung gebrachten umarmenden Journalismus", sagte der Journalist Josef-Otto Freudenreich 2004 in einem Interview über Hartmann. Mittlerweile hat der seinen Frieden mit dem viel zitierten Begriff gemacht. "Ich werde darüber identifiziert. Ich bin die Duzmaschine, der Chefduzer", sagte er anlässlich seines 60. Geburtstags im März. Und in der Hotelbar fügt er hinzu: "Ich mach den Job jetzt 32 Jahre. Das kann ja nicht alles falsch gewesen sein, was ich gemacht habe. Denn ich bin immer noch da."

Ohne Harald Schmidt, der auf Hartmann als Partner für die Olympiasendung 2006 bestanden haben soll, wäre dessen neues Selbstbewusstsein kaum denkbar. Das weiß er selber am besten. "Seit Harry sich öffentlich zu mir bekannt hat, gucken die ARD-Hierarchen mich auf einmal wieder interessiert an", sagte Hartmann 2006. Zwei Jahre zuvor war er vorübergehend suspendiert worden, weil er sich über die Abschaffung des von ihm moderierten "Topspiels der Woche" in der Sportschau beschwert hatte. Die Zusammenarbeit mit Schmidt, den Hartmann zärtlich "Der Lange" nennt ("Harald sagt aber nicht ,Kleiner Dicker' zu mir"), ist "eine Veredelung, ein Ritterschlag."

"Na, sag einmal: Servus, Peppi! Schön, dich zu sehen" - "Du weißt auch, wo es schön ist in Wien" Großes Hallo in der Hotelbar! Der österreichische Bundestrainer kommt auf Hartmann zu. Händeschütteln, Schulterklopfen. Während der Gast sich noch ungläubig die Augen reibt über diese Zufallsbegegnung, hat Hartmann längst geklärt, ob Joseph "Peppi" Hickersberger tatsächlich österreichischer Bundestrainer bleibt, wie es die Zeitungen am Morgen bereits gemeldet haben, wie das genau war mit der Verbannung auf die Tribüne beim Spiel gegen Deutschland und natürlich ob er das alles nicht in "Waldis EM-Club" nochmal erzählen möchte. Er müsse sich erst mal mit seinem Pressesprecher absprechen, antwortet Hickersberger, aber: "Mit dir macht's mir Spaß, sonst macht's mir nicht immer Spaß. Schreibst du dir meine Handynummer auf?" Am nächsten Abend ist Hickersberger tatsächlich zu Gast in der Sendung.

"Waldi ist immer ein Freund der Spieler gewesen", sagt Michael Rummenigge, der ehemalige Bundesligaprofi, der deswegen auch spontan für den erkrankten Rudi Assauer von Dortmund nach Wien gereist ist. Waldi habe Respekt vor seinem Gegenüber und werde nicht zu polemisch. Ein Kuschler sei er deswegen aber noch lange nicht: "Er hat trotzdem immer kritisch nachgehakt." In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Rückblick auf das legendäre Interview mit dem damaligen Teamchef Rudi Völler nach dem 0:0 gegen Island in der EM-Qualifikation 2003. Hartmann hat darin eine gute Figur gemacht, Völler eine verdammt schlechte. Das Interview nannte Hartmann später "die Gelegenheit, es den Kritikern zu zeigen, die immer nur den Spezl-Typen in mir sahen." Hartmann hat Völler gesiezt, Völler hat hemmungslos zurückgeduzt. Zwei Wochen später gab Hartmann im Tagesspiegel zu Protokoll, was er nicht mag: "Geduzt zu werden, obwohl ich das Du nicht angeboten habe."

Auch jetzt, fünf Jahre später, kann er noch auswändig aus der ausnahmsweise mal wohlmeinenden Kritik der FAZ zitieren: "'Er ist absolut lebens- und live-tauglich' - ein Satz, den ich möglicherweise auf meinen Grabstein meißeln lasse." In der Sendung am Abend wird er gleich zwei Seitenhiebe gegen Feuilletonredakteure, seine natürlichen Feinde, unterbringen. "Kritik ist so wichtig, wie du sie nimmst" - noch ein Rat von Harald Schmidt. Daran arbeitet Hartmann noch.

Manchmal klappt's. Den Weißbier-Spruch von Völler zum Beispiel hat Hartmann locker weggesteckt. Völlers Aussetzer illustriert sehr eindrücklich das Journalistenbild vieler Sportler. "Immer müsst ihr alles in den Dreck ziehen", hat er gesagt, und: "Müssen wir uns denn alles gefallen lassen?" Es klingt enttäuscht, nach Verrat an einem gemeinsamen Projekt. Doch die geteilte Leidenschaft für den Sport ändert nichts daran, dass Journalisten und Sportler ganz unterschiedliche Aufgaben haben - dass erste auch dafür bezahlt werden, bei letzteren den Finger in die offene Wunde zu legen. Das hat Völler nicht verstanden. Für ihn sind Journalisten Verlautbarungskumpels.

Hartmann hat häufig erklären müssen, warum er die Nähe immer der Distanz vorgezogen hat: "Meine Erfahrung ist, dass die Leute mehr sagen, wenn man ihnen dieses Gefühl von Vertrautheit gibt." Hartmann ist immer der Wirt geblieben, als der er seine journalistische Karriere Anfang der 70er in Augsburg begonnen hat, die Interviewpartner sind seine Stammgäste. Seinen Stammgästen aus "Waldis Club"-Zeiten hat er viel zu verdanken: einem ein Volontariat bei der Wochenzeitung Schwäbische Neue Presse und einem anderen den Einstieg beim Bayerischen Rundfunk. Dass Nähe verpflichtet, weiß Hartmann also selbst am besten. Im Völler-Interview hat er sich auch deswegen so gut behaupten können, weil das Verhältnis der beiden ohnehin eher distanziert war - wie das zu vielen jüngeren Fußballern, Trainern und Funktionären. Darauf legt Hartmann Wert. "Das Duz-Thema ist für mich nicht mehr relevant", sagt er, "die Kritiker haben übersehen, dass ich seit Jahren schon jüngere Menschen sieze, weil ich sie einfach nicht mehr kenne."

Der Besuch bei Waldemar Hartmann in Wien ist also auch Abschiedsbesuch bei einer aussterbenden Spezies. Duzmaschinen werden heute nicht mehr hergestellt. Stattdessen drängt eine neue Generation von Sportjournalisten auf den Markt, die lieber kein Bier trinken würden als dies auch nur einmal mit einem Sportler oder Funktionär zu tun.

Das gemeinsame Ausschnapsen mit Waldemar Hartmann muss übrigens leider ausfallen. Er ist zu beschäftigt damit, Männern seines Alters den Arm um die Hüften zu legen. Dabei trinkt er Märzen, das österreichische Standardbier, und Wodka. Kein Weißbier, nirgends. "Ich bin keiner, der nur Weißbier trinkt", hat er am Mittag klargestellt. "Zur Brotzeit oder nachm Sport gibt es nichts Besseres, aber abends zum Essen trink ich nen Wein und an der Bar trink ich nen Wodka. Punkt."

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