Der Hitchcock der Bühne

Olaf Rausch ist Inspizient am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Während der Vorstellungen regelt er wie ein Dirigent vom Inspizientenpult aus die Abläufe hinter der Bühne – und ist froh, wenn er dabei nicht mit Computern arbeiten muss. Einmal im Jahr steht er allerdings selbst auf der Bühne

Es kann sein, dass Olaf Rausch hinter seinem Pult sitzt, gerade den Einsatz für den Wechsel des Bühnenbildes geben will und plötzlich der Ankleider vor ihm steht und sagt: „Olaf, es fehlt einer.“ Einer der Schauspieler, der in der nächsten Szene dran wäre – ist nicht mehr erschienen nach der Pause, einfach weg.

Olaf Rausch wird dann die Hand von den Reglern nehmen und spüren, wie ihm das Adrenalin ins Blut fährt. Dann wird er daran denken, dass eine seiner Aufgaben ist, nach außen hin immer Ruhe auszustrahlen. Und mit bewusst ruhiger Stimme wird er über sein Headset durchgeben, dass die nächste Szene, das nächste Bühnenbild einfach übersprungen wird. „Passiert ist das beim ‚Bauernsterben‘ von Franz Xaver Kroetz“, sagt Rausch. „Es hat geklappt – und für die Zuschauer hat es trotzdem funktioniert.“

Olaf Rausch, 47, ist einer, dessen Arbeit im Zuschauerraum erst bemerkt würde, wenn etwas schiefginge. Alle sehen, was er verantwortet, und so gut wie keiner weiß, was er macht. Denn Olaf Rausch ist Chefinspizient am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, und das heißt: Rausch sitzt während der Aufführungen hinter der Bühne und regelt die Abläufe. Der Plural ist in diesem Fall angebracht.

Das aktuelle Familienstück „Krabat“ zum Beispiel: Darin gibt es 120 Lichtwechsel, für die Rausch das Signal gibt. Dazu kommen die Einsätze für die Bühnentechniker, für die riesige Hand und den Mond, die von oben kommen und Krabats Mühle, die aus dem Bühnenboden auftaucht. Und die Einsätze für die Musiker und Schauspieler, die rechtzeitig an Ort und Stelle sein müssen.

Olaf Rausch ist einer, dessen Arbeit im Zuschauerraum erst bemerkt würde, wenn etwas schief ginge

Insgesamt gibt Rausch bei „Krabat“ 245 Einsätze in 105 Minuten. Rausch sagt: „Sie müssen aufpassen, dass Sie sich nicht vertun.“

Sein Arbeitsplatz ist das Inspizienten-Pult, ein länglicher, schiebbaren Kasten mit drei kleinen Monitoren, Touchscreen, etlichen Drehknöpfen und Tasten und einem altertümlich aussehenden Telefon. Rausch trägt ein Head-Set und vor ihm liegt quasi als Partitur das Inspizienten-Buch, in dem die ganzen Einsätze mit Bleistift neben den Dialogzeilen verzeichnet sind. Manches, was nebenan auf der Bühne passiert, steuert Rausch von hier aus direkt. Vieles aber machen andere auf sein Signal hin: Bei „Krabat“ richten sich mit Technikern, Maskenbildern, den Leuten am Einlass und den Akteuren insgesamt 70 Menschen nach Rauschs Einsätzen. „Krabat ist das umfangreichste Stück, das wir zurzeit haben“, sagt Olaf Rausch.

Dabei ist der Überblick am Abend gar nicht die erste Anforderung, die Rausch einfällt, wenn er über seinen Beruf spricht. Als Erstes fällt ihm die Ruhe ein. Und dann „die Begabung, mit vielen verschiedenartigen Menschen umzugehen. Man trifft auf hochsensible Künstler auf der einen und auf robuste Bühnenhandwerker auf der anderen Seite. Ich weiß bei jedem Schauspieler, wie man ihn nehmen muss.“

Eine Ausbildung im klassischen Sinn gibt es dafür nicht. „Inspizient ist kein Ausbildungs-, sondern ein Reinrutschberuf“, sagt Rausch, und bei ihm ging das so: Rausch, gebürtiger Kieler, wollte nach der Schule Zahntechniker werden, jobbte am Theater in Kiel als Ankleider und Statist und sprang ein, als eines Tages der Inspizient krank wurde. 1979 bekam er seinen ersten Vertrag als Inspizient in Kiel. 1984, mit 24 Jahren, wechselte er nach Hamburg an das Schauspielhaus und arbeitete gleich mit Leuten wie Peter Zadek, Wilfried Minks, Ulrich Wildgruber oder Eva Mattes. „Ich habe viele Leute kennen gelernt“, sagt Rausch, nicht ohne einen gewissen Stolz.

Außerdem sagt Rausch, dass sich das Theater verändert habe. Auf der künstlerischen Seite vermisst er die Originale – gleichzeitig werden auf der technischen Seite immer mehr Computer und High-Tech eingesetzt. „Man wird immer abhängiger von Computern“, sagt Rausch. „Dabei gehört es zum Theater dazu, dass es Leute mit Leidenschaft gibt. Wir machen hier etwas gemeinsam. Es geht um das Team.“

Das Team zum Beispiel, das Olaf Rausch seinen Spitznamen gegeben hat. Der „Hitchcock der Bühne“ nennen sie ihn, weil Rausch traditionell jedes Jahr im Familienstück eine kleine Rolle übernimmt. Wie Hitchcock in seinen Filmen taucht Rausch kurz auf der Bühne auf, anders als Hitchcock aber bleibt er den Zuschauern im Gedächtnis: Rausch ist sehr schlank und 2,02 Meter groß. In „Jim Knopf“ beispielsweise machte ihn das zu einer herausragenden Palastwache, in „Tintenherz“ zu einem großen Banditen und in „Krabat“ spielt er – ausgestattet mit einem monströsen Bauch – einen Viehhändler wie aus einem Slap-Stick-Märchen.

Pünktlich auf der Bühne war er dabei bisher immer. Was aber aus dem Schauspieler geworden ist, der damals beim „Bauernsterben“ nicht mehr erscheinen wollte? „Der hat sich mit einer Flasche Sekt entschuldigt“, sagt Rausch. „Das passierte früher häufiger, dass die Leute nicht gekommen sind.“ Auch so etwas, sagt Rausch, „das sich geändert hat“.