Nachhilfe für den Traumjob

EINGLIEDERUNG Ein „Life/Work Planning“-Seminar, entwickelt in den USA, soll arbeitslose Menschen in Berufe vermitteln, die sie auch wirklich ausüben wollen

„Durchstarten zum Traumjob“ – das klingt dick aufgetragen. „Vielleicht ist der Titel ein bisschen unglücklich“, räumt auch John Webb ein, der das Seminar mit dem verheißungsvollen Motto gemeinsam mit Antonella Schelfi leitet. Das soll langzeitarbeitslose Menschen in zehn Wochen wieder in Arbeit bringen. Immerhin: 62 Prozent der TeilnehmerInnen der seit 2013 vom Bremer Beschäftigungsträger Bras e. V. angebotenen Kurse haben dadurch wieder Arbeit kommen.

Bald beginnt die siebte Kurs-Auflage, rund 30 TeilnehmerInnen zwischen 18 und 60 Jahre sind in der Regel dabei, viele mit akademischem Abschluss, aber längst nicht alle. „Die Leute müssen lesen und schreiben können“, sagt Webb. „Und eine gewisse intellektuelle Offenheit ist auch gut.“

„Life/Work Planning“ (L/WP) heißt die Methode, die in den Siebzigerjahren von Richard Nelson Bolles in den USA entwickelt wurde. 1995 bot die Westfälische Wilhelms-Universität Münster als erste deutsche Hochschule ein L/WP-Seminar an, 1997 folgte die Bremer Uni, weitere Hochschulen folgten. Seit 2012 sind die Seminare als Aktivierungsmaßnahme nach Paragraf 45 des SGB III förderungsfähig.

Um konventionelle Bewerbungs- unterlagen schert sich Life/Work Planning ebenso wenig wie um Stellenanzeigen

Das mit dem Traumjob will Webb aber durchaus stehen lassen. „Die Idee ist, eine Arbeit zu finden, in die man sich verlieben könnte“, sagt er. Und welche das wäre, wissen Arbeitssuchende im Zweifelsfall besser als jeder Personaler. Dabei, so weiß Webb, braucht es bei manchen Menschen einiges an Nachhilfe, bis sie wissen, was ihr Traumjob eigentlich ist. Die erste Phase der Methode Life/Work Planning, nach der Webb arbeitet, besteht deshalb darin, das eigene Können zu analysieren, festzustellen, was man gern und gut macht.

Dabei geht es weit zurück in die eigene Biografie. „Oft kommen dabei Sachen heraus, die man mit sechs oder sieben Jahren schon gern gemacht hat“, sagt Webb. Und diese Dinge stünden in der Regel nicht im Lebenslauf. Um den und andere konventionelle Bewerbungsunterlagen schert sich Life/Work Planning deshalb ebenso wenig wie um Stellenanzeigen oder Bewerbungsgespräche – ausgehend von der Beobachtung, dass lediglich 25 bis 33 Prozent aller Stellen öffentlich ausgeschrieben werden.

Den Rest nennt Webb den „verborgenen Arbeitsmarkt“, was ein wenig nach Verschwörungstheorie klingen mag, damit aber nichts zu tun hat. „Die Stellen sind noch nicht ausformuliert“, sagt Webb. Er spricht ein offenes Geheimnis aus: Dass nicht wenige Stellen zum Beispiel lediglich pro forma ausgeschrieben werden, wenn ein Arbeitgeber sich bereits für eine Arbeitnehmerin oder einen Arbeitnehmer entschieden hat.

Nach der Analyse der eigenen Fähigkeiten steht die Frage nach dem Umfeld, in dem diese anzuwenden wären. Die beste Quelle dafür sind die Menschen, die dort arbeiten, wo diese Fähigkeiten zur Anwendung kommen könnten. Dafür bietet der Kurs die „Ausgehtage“: Beim ersten Mal noch in Begleitung, dann allein, gehen die Teilnehmer in Betriebe und suchen das Gespräch – und zwar nicht mit Personalern oder Vorgesetzten, sondern mit den Menschen, die die Arbeit machen, die man selbst gern tun würde und die vielleicht sogar eines Tages die eigenen KollegInnen sein könnten. Am Ende der Gespräche erkundigen sich die TeilnehmerInnen nach je drei weiteren GesprächspartnerInnen. Acht Ausgehtage sieht die zehnwöchige Maßnahme vor. Da kommt einiges zusammen an Kontakten und an Wissen.

Die dritte Phase im System geht der Frage nach, wie man schließlich an die Stelle kommt, die man als Ideal definiert hat. Anhand der Ergebnisse der ersten beiden Phasen haben die TeilnehmerInnen ein Rüstzeug erhalten, mit dem sie den Arbeitsmarkt auf ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen hin analysieren können sowie eine Vielzahl von Kontakten. Wobei die Phasen nicht einfach aufeinander folgen: Die Ausgehtage sind über die zehn Wochen verteilt. Und immer wieder, so sagt Webb, kommen manche TeilnehmerInnen schon von ihren „Ausgehtagen“ mit einer Jobzusage wieder.