Der gefundene Sohn

Willy Brandt bekommt in seiner Geburtsstadt Lübeck ein Haus mit einer Ausstellung darin, die sich seiner Biographie widmet und darüber deutsche Geschichte erzählen möchte. Am Dienstag ist Eröffnung

Es ist eine Herbstnacht im Jahr 1969, und im Chefzimmer des Bundeskanzleramts brennt noch Licht. Längst ist das nüchterne Gebäude im Bonner Regierungsviertel ansonsten dunkel und verlassen, und der, der da noch sitzt, feilt im Zigarettendunst an dem Entwurf einer Rede. So muss es häufig gewesen sein, als Willy Brandt Bundeskanzler war: Brandt war dezidierter Nachtarbeiter. Und einer, der keine Rede hielt, ohne den Entwurf seiner Referenten selbst noch einmal durchgegangen zu sein.

Nun ist es eine Dezembernacht im Jahr 2007, und hell erleuchtet sind die Räume des prunkvollen Patrizierhauses in der Lübecker Königstraße 21. Handwerker, Designer und wissenschaftlicher Mitarbeiter laufen durch das Haus, bohren, installieren, bauen auf. Ihr Job ist, bis zum 18. Dezember fertig zu werden mit dem Aufbau der Ausstellung „Willy Brandt – Ein politisches Leben im 20. Jahrhundert“. Zur Eröffnung am morgigen Dienstag werden über 800 Gäste erwartet.

Es wird knapp werden: Noch fehlt ein großer Teil der Exponate, an Aufschub ist nicht zu denken. Weil die ganze Prominenz von Kurt Beck über Günter Grass bis hin zu Peter Harry Carstensen den Abend im Terminkalender reserviert hat. Und weil der 18. Dezember der Geburtstag Willy Brandts ist und damit der „Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung als unumgängliches Datum erschien, das Lübecker Willy-Brandt-Haus und die dazugehörige Ausstellung zu eröffnen.

Das Willy-Brandt-Haus ist neben dem Günter-Grass-Haus und dem Buddenbrook-Haus (Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum) die dritte Institution in Lübeck, die einem Nobelpreisträger gewidmet ist. Das Buddenbrook-Haus beherbergt die Dauerausstellungen „Die Manns – eine Schriftstellerfamilie“ und „Die Buddenbrooks – ein Jahrhundertroman“, die durch Kulturveranstaltungen ergänzt werden. Das Günter-Grass-Haus untersucht das Phänomen von Mehrfachbegabungen am Beispiel des Schriftstellers, Grafikers und Bildhauers Günter Grass. Buddenbrook- und Grass-Haus werden von der Kulturstiftung der Hansestadt Lübeck getragen, das Willy-Brandt-Haus ist eine Außenstelle der Berliner Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung.  

Von dem, was zur Pressebesichtigung Ende vergangener Woche aufgebaut war, lässt sich sagen: Die Ausstellung wird mit 300 Quadratmetern Ausstellungsfläche nicht allzu groß, hangelt sich chronologisch am Leben Willy Brandts entlang und legt dabei größten Wert auf moderne Museumspädagogik. Brandts Exiljahre von 1933 bis 1947 in Norwegen und Schweden beispielsweise: Der Text an der Säule wird erst lesbar, hält man eine rote Plexiglasscheibe davor – eingedenk der Tatsache, dass Brandt seine Schriften nur getarnt nach Hitler-Deutschland schmuggeln konnte. Oder der Besuch John F. Kennedys 1961 in Berlin, als Brandt Bürgermeister von Berlin war: Hier stellt die Ausstellung den Bericht im westdeutschen Fernsehen neben den Bericht, den die DDR-Journalisten machten – als Hinweis darauf, wie unterschiedlich die Perspektiven auf ein- und dasselbe Ereignis aussehen können, zumal vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.

Daneben gibt es Bücher, Redemanuskripte, Wahlkampfplakate und Fotos, ein Stück nachgebauten Plenarsaal, ein Stück Berliner Mauer im Hof, ein Quiz mit zeitgeschichtlichen Fragen – und wundersame Chipkarten. Diese so genannten „transponder cards“ machen je nach zuvor ausgewähltem Interessengebiet bestimmte Informationen zugänglich. Für Kinder gibt es ein Programm, in dem der Kater „Billy“ die Geschichte von Willy erzählt, für Schüler und Erwachsene soll über die Biographie von Brandt deutsche Zeitgeschichte transportiert werden. Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet – und der Eintritt ist frei. Neben der Ausstellung sind Vorträge und Workshops im angegliederten Seminarraum geplant.

„Zeitgeschichte erleben“ sei das Motto, sagt Jürgen Lillteicher, Leiter des Willy-Brandt-Hauses. Dass Brandt damit ausgiebig gehuldigt wird, kann gar nicht ausbleiben: Die Verehrung ist schließlich Grundlage aller Anstrengung, eine sauber recherchierte Ausstellung auf die Beine zu stellen. Oder, wie es Karsten Brenner, der Vorstandsvorsitzende der Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung formuliert: „Bei all seiner Größe wollen wir über ihn informieren, ihn aber nicht zum Helden stilisieren.“

Der Stadt Lübeck soll das Projekt recht sein: Sie hat lediglich das Haus zur Verfügung gestellt, die Kosten in Höhe von insgesamt 3,55 Millionen Euro für Renovierung, Ausstellung und Bereitstellung eines Seminarraumes übernahmen der Bund, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Sparkassenstiftung zu Lübeck. Ironie der Geschichte: Mit hanseatischem Großbürgertum respektive schicken Patrizierhäusern hat Brandt nie etwas zu tun gehabt. „Meine lübschen Wurzeln steckten eindeutig im Milieu der Arbeiterbewegung und nicht in der Tradition der alten Familien“, ließ Brandt 1989 wissen.

Überhaupt war die Bindung Brandts zu Lübeck eher mittelprächtig ausgeprägt: Brandt verließ die Stadt im Alter von 20 Jahren, schenkte ihr aber später traditionell seinen jeweils letzten Wahlkampf-Auftritt vor einer Wahl. 1972 wurde ihm nach heftigen Debatten zwischen der SPD und der CDU vor Ort die Ehrenbürgerschaft der Stadt angetragen. Gestorben ist Brandt dann im Jahr 1992 in Unkel am Rhein, wo er seit 1979 gelebt hatte.

Ende der 1980er Jahre soll Björn Engholm Willy Brandt beim Wein vorgeschlagen haben, noch mal für das Amt des Bürgermeisters in Lübeck zu kandidieren. Brandt soll darauf gesagt haben, er wolle diesen Vorschlag nicht gleich mit „Nein“ beantworten. Vielleicht ist es diese Art hanseatischer Zurückhaltung, die der poletarisch verwurzelte Brandt in Lübeck gelernt hat.