Junge Frauen verschwinden, überall liegt Schnee, und die Figuren hüllen sich in warme Mäntel. "Akte X - Jenseits der Wahrheit", überzeugt, solange er die Dinge in der Schwebe hält.von BARBARA SCHWEIZERHOF
Am besten lässt sich das Genre "Mystery" über einen Umweg definieren: Auf keinem anderen Gebiet ruft man so viel Ärger oder gar Verbitterung bei den Fans hervor, wenn man allzu freizügig einen zentralen Plot Twist verrät, einen verdrehten Hinweis auf des Rätsels Lösung gibt oder gar, Gott bewahre, eine subtile Andeutung über die Überraschung am Ende macht! Das erschwert die Arbeit des Filmkritikers natürlich erheblich - solange man ohne "Spoiler Alerts" oder gar Weißschrift auskommen will. Wie wär's also damit: In "Akte X - Jenseits der Wahrheit" gibt es gar keinen zentralen Wendepunkt, es gibt auch kein besonders mysteriöses Rätsel zu lösen und keine überraschende Wende zum Schluss. Ist das schon zu viel verraten?
Die Überraschung ist vielleicht die: Es ist trotzdem ein ziemlich spannender Film. Denn schließlich ist "Mystery" das Gegenteil von Gewissheit, und das bedeutet auch, dass es gar nicht so sehr auf das Ende ankommt, sondern auf das Davor, auf die Fähigkeit, die Dinge kunstvoll in der Schwebe zwischen Glauben und Wissen zu halten, zwischen der Möglichkeit, dass Außerirdische an der Entführungsserie junger Frauen beteiligt sein könnten und der Klarheit, dass es zwischen dem Priester, der in seinen Visionen das Leid der Opfer erfühlen kann, und dem gelbzahnigen Hauptverdächtigen eine Verbindung gibt. Vielleicht ist "Mystery" im Grunde am Schönsten, solange noch gar nichts Determinierendes passiert ist. Am Schlechtesten ist das Genre auf jeden Fall dann, wenn Ufos Gestalt annehmen, wenn interplanetarische Raumschiffe sich aus dem ewigen Eis befreien und mit Sphärenklang die Erde verlassen. Das ist in der ersten Kinoversion der "Akte X"-Serie passiert und hat selbst eingefleischte Fans von der Serie abgebracht.
In "Akte X - Jenseits der Wahrheit" schlugen die Macher den umgekehrten Weg ein: Das Übersinnliche bleibt unbewiesen. Oder doch nicht? Wie immer ist Fox Mulder (David Duchovny) sich seiner Sache sehr sicher, während Dana Scully (Gillian Anderson) gerne glauben wollte, wenn sie nur könnte.
Die Handlung setzt ein paar Jahre nach Serienende ein. Mulder und Scully haben sich einige Zeit nicht gesehen. Scully arbeitet als Ärztin in einer konfessionell geführten Klinik, wo sie sich mit ihrem schönen und ernsten Gesicht um einen unheilbar hirnkranken Jungen kümmert. Gerade als es für sie besonders ernst wird, bekommt sie Besuch vom FBI, der nach Mulder fragt. Eine Kollegin ist verschwunden, der bereits erwähnte Priester hat Visionen, und nun soll Mulder dessen Glaubwürdigkeit prüfen. Also fährt Scully zu einer Hütte in der winterlichen Einöde, in der ein vollbärtiger Mulder, wie es sich für das Klischee des amerikanischen Verschwörungstheoretikers gehört, Artikel über seltsame Begebenheiten aus Zeitungen ausschneidet und sie an die Wand pinnt. Alle wissen, er wird in den Fall einsteigen, aber der Film lässt es sich nicht nehmen, den Moment hinauszuzögern. Wer dabei ungeduldig wird, sollte wahrscheinlich gleich das Kino verlassen, das Zögern nämlich wird sich als das Hauptthema des Films erweisen. Zögernd erzählt der Priester, ein verurteilter Pädophiler, von seinen Visionen, zögernd greift Scully zum Skalpell, zögernd berichtet Mulder von seinen Erkenntnissen. Es kommt darauf an, die Dinge in der Schwebe zu halten.
Der Film, so viel kann man guten Gewissens verraten, ist zweifellos nicht jedermanns Sache. Sowieso bietet kaum ein anderes Genre dem Hohn und Spott der Besserwisser eine bessere Angriffsfläche: Angefangen von all den Handys, die exakt im richtigen Moment verloren werden, über die hanebüchene Konstruktion von Zufällen bis zu den Parallelmontagen, die auf jenen Überraschungseffekt hinzielen, den "Das Schweigen der Lämmer" vor mittlerweile 18 Jahren zum letzten Mal als wirklichen Schockmoment einsetzen konnte. Hinzu kommen all die Lächerlichkeiten, die am Fernsehschirm kaum ins Gewicht fallen, auf der großen Leinwand aber sehr albern wirken. Etwa wenn Scully für ihren Patienten eine Stammzellentherapie erwägt und zu Hause am Computer bei Google tatsächlich "Stammzellentherapie" eingibt. Nur Gillian Andersons ernster Schönheit ist es zu verdanken, dass hier nicht laut gegrölt wird.
Wer durch solche Dinge unirritierbar bleibt, kann Gefallen finden an "Akte X - Jenseits der Wahrheit". Sehr schön und absolut konsistent ist zum Beispiel die Wetterdarstellung: Es ist Winter, in jeder Szene schneit es oder kommt Schneeregen vom Himmel, meistens ist es dunkel, alle tragen Wintersachen und sehen tatsächlich so aus, als ob sie frieren, sehr glaubhaft.
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