Standing Ovations gegen Pegida

DEUTUNGSHOHEITEN Als unfreiwilliger teilnehmender Beobachter in Dresden unterwegs: Robert Koalls E-Book „Ein Winter mit Pegida“ kämpft um eine klare Sicht und macht einen klüger

Zu Recht war die Empörung groß über Politiker, die meinten, dass man die Anhänger der Pegida-Bewegung auch „verstehen“ müsse. Im politischen Diskurs bedeutet Verstehen oft Relativieren. Es gibt aber nichts zu relativieren daran, dass Ressentiments gegen Migranten sowie Verschwörungstheorien gegen Presse und angebliche Eliten verbunden sind mit einer grundfalschen, menschenverachtenden, undifferenzierten Politik.

Im intellektuellen Diskurs aber muss man solche Phänomene wie Pegida tatsächlich zu verstehen versuchen, im Sinne von: Komplexität erfassen, auch die Aspekte registrieren, die nicht in die eigene Meinung passen, sich nicht irre machen lassen und immer, immer auch die eigenen Wahrnehmungsmuster reflektieren. Und man kann nur hoffen, dass es kluge Menschen gibt, die vor Ort sind und sich einen eigenen Blick bewahren.

So wie im Fall von Pegida Robert Koall. Als Dramaturg am Dresdner Schauspielhaus hat es ihn als Zugezogenen (was manchmal besonders scharfe Beobachtungen nach sich zieht) mitten ins Geschehen verschlagen. Die Montagsdemos und die Hetze, die Medienberichte und die taxierenden Blicke im Alltag, auf welcher Seite man steht – als das alles losgeht, ist er sofort bei den Gegendemonstrationen dabei. Er registriert aber auch, dass sie, wenn sie im Theater vor einer Aufführung ein Anti-Pegida-Statement verlesen und Standing Ovation von 800 Theatergästen kriegen, sie nur den eh schon Bekehrten predigen. Er stellt fest, dass nur die Dresdner Antifa wirklich etwas gegen Naziaufmärsche unternimmt; er sieht aber auch, dass die Linke zugleich jeden differenzierenden Blick als Verrat begreift. Er beschreibt den Dresdner Opfermythos („Feuersturm“), lässt sich aber auch von zunächst schlicht wirkenden Handwerkern erzählen, die sofort und entschlossen gegen Pegida Partei ergreifen.

Pegida wird so bei Robert Koall zu einem Phänomen mit vielen Facetten – die alle Seiten sofort auf lautstark vorgetragene Bekenntnisse reduzieren. „Die Debatte um Pegida ist vergiftet. Es geht schon lange nicht mehr um Argumente, es geht nur noch um das Rechthaben und um Deutungshoheiten.“ So eine Notiz liest man auch bei Robert Koall. Aber zugleich demonstriert er praktisch, wie es anders geht.

Als (unfreiwilliger) teilnehmender Beobachter hat er auf die Ereignisse vom vergangenen Winter mit komplexen Beschreibung und oft hellsichtigen Selbstreflexionen reagiert, die er auf Facebook hochlud. Der Hanser-Verlag hat zugegriffen und daraus eines seiner kleinen praktischen Hanser-Box-E-Books gemacht. Es lohnt sich zu lesen. Es macht einen klüger. Und es wäre doch sehr schön, wenn von Pegida vor allem so eine Beschreibung eines redlichen Kampfes um eine komplexe Deutung bleiben würde.