BERLINER PLATTEN

Mailordermusik: Zwei Alben, deren Vertrieb am Plattenregal vorbei funktioniert

Konrad Endler ist kein Verpackungskünstler. Sowohl seine Musik, als auch seine literarischen Erzeugnisse kommen ohne Geschenkpapier daher. Klarheit und Offenheit sind die Wesenszüge seines Werkes. Die Ehrlichkeit Endlers geht soweit, seine neueste Platte „Midipop-Revival“ mit dem Zusatz very oldschool zu versehen, was sowohl Warnung als auch Verheißung sein kann. Auch der zweite Hinweis Hochwertige Studioaufnahmen ist absolut wahr. In der Hülle mit dem selbst kopierten Cover ist das drin, was draufsteht. Es handelt sich um den vorläufig letzten Schritt einer musikalischen Entwicklung, die mit der (zumindest in der eingeschworenen Gemeinschaft der Oi-Punk-Hörer) legendären Combo „Goyko Schmidt“ begann und in ein Liedermacherprojekt führte, das 2001 (am 11. September ausgerechnet) in den Aufnahmen für das ebenfalls sehr zu empfehlende Album „Prima Lieder aus Hals und Holz“ ihre Fortsetzung fand. Die (fast) komplett am Computer entstandenen Lieder offenbaren Hitpotential. Bereits der erste Track, „Häßlichster Junge der Stadt“ klingt wie ein Nachhall bester NDW-Tage, „Mittelalter II“ oder auch „Du und ich“ sind: hochwertige Studioaufnahmen, die an den ornamentalen Humor Max Goldts erinnern, ohne jedoch in dessen bisweilen etwas jammerlappige Weinerlichkeit zu verfallen. Das antriebsstärkste Stück „Asphalt“ zeigt Endlers sensibles Gefühl für Sprache und Musik in voller Größe. Sofort wird klar, warum Grissemann und Stermann es sich nicht haben nehmen lassen, ihn als Nachrichtensprecher Karl Körper in die Show Royale zu integrieren. Probehören und bestellen lässt sich „Midipop-Revival“ auf Konrad Endlers Webseite und Blog: www.hortkind.de.

Ebenfalls seine Sporen in Punkbands verdient hat sich Jonny Freedom. Unermüdlich tourt er durch die Kneipen dieses Landes mit seiner akustischen Gitarre, die er wie eine Gibson trägt und auch so spielt. Das rockt. Liedermacher ist eine Gattungsbezeichnung, die dem Einmannorkan von der Bar des Schokoladens nicht ganz gerecht wird; das wäre einfach zu sanft. „500.000 €, Baby“ ist ein Potpourri der mitreißend fröhlichen schlechten Laune. Wenn man Punk als musikalischen Ausdruck einer ganz prinzipiellen Unzufriedenheit mit den Verhältnissen versteht, ist Freedom der Protopunker schlechthin. Sehr angenehm dabei: die im besten Sinn brachiale Virtuosität auf dem Instrument paart sich mit einem Witz, der nicht gar so plump wie bei den Teilzeitrebellen mit bunter Haartracht daherkommt. „Kettensäge“, „Galerie“ und auch der Titeltrack transportieren eine gelassene, beinahe altersreife Überlegenheit, die nicht einfach nur ein „Nein“ evoziert, sondern den Hörer dabei schallend lachen lässt. Kein peinlicher No-Future-Habitus, sondern eine ganz eigene Form positiver Energie und Stärkung geht von dem Album aus. Zweifellos macht sowas live sehr viel mehr Spaß denn als Konservenmusik, jedoch wird die fehlende Publikumsinteraktion mit ebenso spar- wie wirksam eingesetzten Soundeffekten substituiert. Probehören und Bestellen: www.jonny-freedom.de.