Manchmal lachen die Augenbrauen

SCHWEDISCHER SPIELFILM „Something Must Break“ von Ester Martin Bergsmark nimmt die Queerness der Hauptfigur ernst, anstatt eine brave Coming-out-Geschichte zu erzählen

„Piss mir ruhig in den Mund, wenn du mich dann magst“, denkt sich Sebastian, wenn er fremde Männer sieht. Am Pissoir nähert er sich einem, doch dessen Faust landet in seiner Magengrube. Da taucht ein Junge auf mit Lederjacke, der Sebastian (Saga Becker) schützt: Andreas (Iggy Malmborg). Ins Taschentuch tröpfelt Blut. Sebastian bewahrt das Tuch auf und wird es im Lauf des Films noch öfter auf sein eigenes Gesicht legen, zu sphärisch tremolierender Synthie-Musik, die so zittert wie die Handkamera recht oft in „Something Must Break“, dem Langfilmdebüt der 32 Jahre alten schwedischen Regisseurin Ester Martin Bergsmark.

Gezupfte Augenbrauen hat Sebastian, die Haare sind rot gefärbt. Die Mundwinkel deuten zart ein Lächeln an. Aber nur wenn er locker ist, lachen die Augenbrauen mit. Der Film beginnt mit dem Stop-Motion-Trick einer wachsenden Rose; Jump Cuts ziehen sich quer durch „Something Must Break“. Gebrochene Identität deuten sie an und dass jenseits von dem, was man sieht, noch etwas passiert.

Die beiden Jungs treffen sich unter denkbar unromantischen Umständen wieder, man sieht, wie Andreas im Gegenlicht kotzt. Dann stehlen sie Bier und tanzen Tango auf dem Hochhausdach. Sebastian tanzt dabei die Männerschritte. Beim nächsten Treffen landen sie im Gras, streifen sich in überbelichteten Bildern die Kleidung vom Leib, und Sebastian bringt Andreas strahlend zum Orgasmus. Er macht Frühstück, doch im Hintergrund will Andreas schnell los. „Ich bin nicht schwul.“ – „Ich auch nicht“, erwidert Sebastian. „Was bist du dann?“, fragt Andreas und weiß wohl auch nicht, was er selbst dann ist.

Dazu gesellen sich immer wieder hochstilisierte, detailreiche Tagtraumsequenzen, fotografiert mit Highspeedkamera. Ein anderer Typ findet es faszinierend, dass Sebastian zwischen den Geschlechtern schillert. Doch dann drückt er ihn an die Wand: „Entschuldige dich bei mir!“ Aber wofür? Es ist der Wendepunkt im Film. „Ich brauche einen anderen Namen“, sagt Sebastian zu Andreas. Der strahlt, als er den Namen „Ellie“ hört.

Rätsel und Provokation

Bergsmark, selbst Transgender, nimmt ein wirklich queeres Sujet in den Fokus; ihr Film hebt sich deutlich ab von den hundertmal erzählten Coming-out-Storys um eindeutig schwule Jungs und Männer, die sich als solche definieren. Allzu oft folgen diese Filme leider einer narrativen Konvention. Sebastians bzw. Ellies Sexualität hingegen ist viel komplexer. Und für die Menschen ihrer Welt abwechselnd diffuses Rätsel oder knallharte Provokation.

Nach dem Oscar-prämierten „Transamerica“ vor zehn Jahren kam in diese Richtung viel zu wenig nach, und vieles davon fand den Weg in deutsche Kinos nicht. Die transsexuelle Hauptdarstellerin Saga Becker strahlt eine Sehnsucht aus, die zu Freude werden kann. Letztes Jahr lief der Film auf 50 Festivals, gewann den Tiger Award für den besten Spielfilm beim Internationalen Festival in Rotterdam. Der aufrüttelnde Film und das gesellschaftlich relevante Thema Transgender-Diskriminierung haben es verdient, dass man sich ihnen stellt. „Something must break now / This life isn’t mine“, heißt es in dem Song von Joy Division, der dem Film seinen Titel gab.