Zu Unrecht in Vergessenheit geraten: Helmut Salzinger begründete die Popkritik in Deutschland Ende der 60er-Jahre mit fundierten Texten und kritischer Sympathie. Eine Reminiszenz.von FRANK SCHÄFER
Die USA hatten Nik Cohn und Lester Bangs, Richard Meltzer, Ellen Willis oder Greil Marcus. In Deutschland regte sich nur die Stimme von Helmut Salzinger.
Der 1935 geborene Salzinger hat Rockmusik im deutschsprachigen Feuilleton überhaupt erst hoffähig gemacht - und die Popkritik gleich auch politisiert. Denn er hat Pop als eine Form der Gesellschaftskritik ernstgenommen und war in der Dekade zwischen 1967 und 1977 die wirkungsmächtigste Stimme der Popkritik.
Klassisch-humanistisch gebildet, mit einer literaturwissenschaftlichen Dissertation über "Eugen Gottlob Winklers künstlerische Entwicklung" im Fach Germanistik auch akademisch ausgewiesen, beginnt Helmut Salzinger Mitte der 60er-Jahre als freier Literaturkritiker für die Zeit. Bald schon wird er angefixt von der US-Counterculture, ihren Bands und literarischen Erzeugnissen und nicht zuletzt auch vom Politaktivismus der Youth International Party (Yippies) und deren Gründer Jerry Rubin. Auch aus seiner Sympathie für die Studentenbewegung der Bundesrepublik macht Salzinger nie einen Hehl.
Mit Konzertberichten, Plattenkritiken und Texten etwa über die Rolling Stones oder Jefferson Airplane erschreibt er sich einen Ruf als Instanz für Alternativkultur und wird so zu ihrem einflussreichsten Dolmetscher im bürgerlichen Mainstream, den er da schon längst verlassen hatte.
Dass sein Versuch, der Gegenkultur und ihrem politisch-revolutionären Impetus in einem kulturkonservativen Medium wie der Zeit eine Stimme zu verleihen, nicht lange ohne Sanktionen bleiben würde, hätte er sich eigentlich denken können. Und vielleicht hat sich Helmut Salzinger dabei auch etwas gedacht und wollte es einfach nur bis zum Äußersten ausreizen.
In seinem zweiten, 1973 erschienenen Buch "Swinging Benjamin" reflektiert er seine Position auf dem grünen Zweig sitzend, der demnächst abgesägt wird: "Das Kapital, in dessen Händen sich die Zeitung befindet, verkauft mit ihr nicht einfach eine Ware, sondern eine Ware, die seine Herrschaft rechtfertigt. Er verfiele daher einer Illusion, sollte ein Autor mit der Möglichkeit rechnen, seine Auffassungen über die Notwendigkeit zu einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft öfter als ein einziges Mal über die Zeitung zu verbreiten." Als Salzinger im Sommer 1970 in einem Artikel unverhohlen Werbung für Bootlegs macht, unter anderem für Dylans "Basement Tapes", und zumindest indirekt die Praxis der Raubpressungen als emanzipatorischen Akt gegen das Produktionsmonopol der Kulturindustrie billigt, kommt es zum offenen Bruch mit der Redaktion.
Vorher konnte er noch einige ideologische Molotowcocktails ins Blatt schmuggeln. Über ein Jefferson-Airplane-Album schreibt er in einer Rezension vom 20. Februar 1970, ",Volunteers' ist schon deswegen ein gutes Album, weil es die Widersprüche der bestehenden Gesellschaft bloßlegt. Die Revolution wird es nicht auslösen, aber es hilft mit, das Bestehende weiter zu unterhöhlen." Jefferson Airplane setzten sich damals gegen ihre Plattenfirma durch, die "Volunteers" zensieren wollte, und zwar nicht der Agitprop-, sondern vielmehr der obszönen Stellen wegen.
"Revolution, ja, weil verkäuflich; Obszönität, nein, weil möglicherweise unverkäuflich. Solange sich mit der Revolution Geld machen lässt, wird damit Geld gemacht. Ob die Jefferson Airplane dadurch unglaubwürdig werden?" Eben das ist die Frage, die fundamentale Aporie, der sich Salzinger in seinem fulminanten Collage-Essay "Rock Power" (1972) stellt. Er montiert hier vornehmlich fremde, aber auch eigene Artikel, Zeitungsmeldungen, Magazintexte und Lyrics zu einem vielstimmigen Dialog, der die Frage diskutiert, wie viel revolutionäres Potenzial der Popmusik überhaupt noch innewohnt, wenn "das revolutionäre Engagement" bereits "Teil der Bühnenshow" ist.
Salzinger bemüht sich, zeitgenössische Debatten zusammenzufassen und in den wichtigsten Positionen zu dokumentieren: die idiosynkratische Reaktion des konservativen Bildungsbürgertums auf die "Negermusik" ebenso wie die gelungene Inkorporation und also Befriedung der revolutionären Attitüde durch den Markt. Ausführlich geht er auf die daraus resultierende Grundsatzkritik der orthodoxen Linken und das pragmatische und hedonistische Revoluzzertum der Yippies ein. Yippie-Mitbegründer Jerry Rubin wollte, so schreibt Salzinger, "die Politik der Neuen Linken mit einer psychedelischen Lebensweise verschmolzen" haben.
Vor allem den Yippies traut Salzinger einschneidende gesellschaftliche Veränderungen zu. Auch wenn er einräumen muss, dass die Revolution zumindest erst mal vertagt ist und die Kulturindustrie sich eine goldene Nase an ihr verdient: "Wenn der Kulturbetrieb mit seinen rosa Feuilletons die Gegenkultur mit den von ihm verwalteten kulturellen Phänomenen einzugemeinden versucht, dann setzt er sich buchstäblich Läuse in den Pelz. Die Langhaarigen sind, auch wenn sie das selbst noch nicht wissen sollten, Revolutionäre, und ihre Musik, der momentan von den Feuilletonisten sämtlicher politischer Fraktionen als Konsumschund gescholtene Rock n Roll, bezeichnet, wie Jerry Rubin sagt, ,den Beginn der Revolution', was immer die Vergnügungsindustrie aus dieser Musik gemacht haben mag."
Salzingers Credo ist die Unterwanderung des kapitalistischen Systems mit den Mitteln des Systems. In "Swinging Benjamin" analysiert er auf der Grundlage der materialistischen Ästhetik Benjamins genauer, unter welchen Bedingungen eine Unterwanderung möglich ist. "Rock Power" war dagegen halsstarriges Insistieren auf die Revolution und nicht zuletzt eine suggestive Werbung für die yippieeske "Woodstock Nation", für eine undogmatische, heitere, ironische und vor allem aktuelle revolutionäre Lebensweise.
"Woodstock Nation ist ein Vorgriff auf die befreite Gesellschaft. Denn die Revolution braucht keineswegs auf den Tag verschoben zu werden, an dem die Arbeiterklasse zum Bewusstsein ihrer selbst gekommen ist und ihre historische Aufgabe, die Revolution zum Sieg zu führen, begriffen hat. Woodstock Nation trägt dazu bei, den Vorgang dieser Bewusstwerdung überhaupt erst in Gang zu setzen, und zwar nicht zuletzt dadurch, dass ihre Bürger […] sich selbst und die anderen antörnen, in ihrem eigenen Kopf aufzuräumen und sich die subjektive Freiheit zu verschaffen, die ihrer objektiven gesellschaftlichen Unfreiheit die Möglichkeit vorhält, das Gegenteil zu verwirklichen, und die Hoffnung darauf wachhält und anreizt."
Mit dem Abstand von vier Jahrzehnten mutet es einigermaßen befremdlich, aber auch irgendwie rührend an, wie ernst und inbrünstig Salzinger diskutiert, ob bei diesem oder jenem Konzert von den Stones, Jefferson Airplane und Dylan nun ein echter revolutionärer Impetus im Spiel ist - oder eben doch nur bloße Attitüde, geboren aus marktwirtschaftlichem Kalkül. Oder sogar beides.
Man kann auch neidisch werden, wenn man bei Salzinger nachliest, welche gesellschaftliche Relevanz Popmusik und eben nicht zuletzt auch die Musikkritik einmal besessen hat. Ganz zu schweigen von ihrem intellektuellen und ästhetischen Ansprüchen. Salzingers Texte sind Welten entfernt vom heute üblichen schnellfertigen Geschmacksfeuilletonismus und dem sich immer stärker durchsetzenden leicht camouflierten Produktmarketing, das die zeitgenössische Popkritik zu dominieren droht - und mit Kritik eigentlich nichts mehr zu tun hat.
Überdies begleitet auch ein bisschen Wehmut die Lektüre von "Rock Power", "Swinging Benjamin" oder "Rock um die Uhr". Auch viele Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung kann man die Morgenluft noch wittern; diesen berückend aromatischen Duft einer machbaren gesellschaftlichen Umwälzung, der damals in der Luft lag. Das muss ein heimeliges Gefühl gewesen sein - als Teil so einer Jugendbewegung! Aber Salzinger versuchte eben nicht nur, die "Woodstock Nation" herbeizuschreiben. Er lebte sie ganz konkret, zog nach Odisheim ins norddeutschen Plattland, wo er 1993 auch starb. Von dort publizierte er in den Siebzigern noch seine berüchtigte "Jonas Überohr"-Kolumne für das Musikmagazin Sounds, um schließlich ganz auszusteigen und seinen Garten und die Gedanken ins Kraut schießen zu lassen.
Das war Teil einer systematischen Auswilderung, die in Salzingers Head-Farm-Konzept kulminierte: Durch eine solide Erbschaft konnte er in Odisheim eine Hybride aus Landkommune und Warhols Factory aufbauen, die durch zwei Kopierer völlig unabhängig von der Kulturindustrie agieren wollte. Hier entstanden nun vor allem Salzingers selbstverlegte Gedicht- und Essaybände sowie über drei Jahre hinweg monatlich Falk, eine Zeitschrift für "alles Mögliche". Sie wurde von der nationalen und internationalen Subkulturszene beliefert und war zumindest idealiter im Kollektiv hergestellt. Falk hat die grüne Counterculture der frühen Achtziger enorm befruchtet. Sie strahlte sogar gelegentlich in die bürgerlichen Feuilletons und hat einige Nachahmer gefunden. Letztendlich blieb es aber ein Underground-Ding von geringer Reichweite.
Das muss einem legendenträchtigen Nimbus nicht unbedingt im Wege stehen, wie "querFalk", das "Buch über eine Zeitschrift" zeigt. Die Herausgeber Caroline Hartge und Ralf Zühlke listen darin akribisch die Inhaltsverzeichnisse auf und skizzieren in kurzen Texten den Charakter aller 36 erschienen Falk-Ausgaben. So erschließt sich die Zeitschrift als Gesamtkunstwerk. Daneben gibt es auch Erinnerungstexte über Salzinger zu lesen. Die mal verschwatzten (Eugen Pletsch, Theo Köppen), anrührenden (Michael Kellner) und konzisen (Klaus Modick) Reminiszenzen machen durchaus Lust auf eine Exkursion in jene Zeit, als es tatsächlich noch so etwas wie eine "Gegenkultur" gab, die den Namen verdient.
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Leserkommentare
02.08.2008 21:56 | Hans Pfitzinger
Feiner Artikel, lieber Frank Schäfer, aber die Popkritik begründet hat Salzinger nicht. Da war Uwe Nettelbeck, ebenfalls in ...