Rau, ohne zu reißen

Lyrik & Prosa „Kardendistel“: was Inge Buck mit Billardtischen verbindet

Von HENNING BLEYL

Ob Inge Buck gern Billard spielt, weiß ich nicht. Aber ich kenne eine Gemeinsamkeit der beiden: die Leidenschaft für Kardendisteln. Mit großer Empathie hat Inge Buck ihr jüngstes Buch nach dem Stachelgewächs benannt. Und Billardtische? Haben keine Leidenschaften, aber Herstellungsnotwendigkeiten: Die dornenförmigen, elastischen Spitzen des getrockneten Fruchtstands der Kardendistel sind sehr geeignet, um die Oberfläche von Wollgeweben aufzurauen – ohne sie zu zerreißen. Es wird eine flauschige Oberflächenstruktur erzeugt, die den Stoff veredelt. Viel Aufwand, aber unerlässlich für den permanent von Queues attackierten Filz der Billardtische.

Die Kardendistel, deswegen auch Weber-Karde genannt, ist eine zweijährige Pflanze. In einem ähnlichen Rhythmus erscheinen Inge Bucks Lyrik-Bände, wobei die bis dato jüngsten, „Märzlicht“ und „Strand-Gut“, sogar Einjahresgewächse sind. Bei der Weber-Karde stehen die Hüllblätter waagrecht ab, ihre Spreublätter sind starr, unbiegsam und an der Spitze nach rückwärts gekrümmt. Wie sind Inge Bucks Gedichte?

Konzentriert. Nie weitschweifig. Dicht wie ein Dorn und eindringlich wie eben jener, dabei aber mit elastischem Schwung gesegnet – schließlich muss jede Analogsetzung zwischen Na- und Kultur mal in ihre Schranken gewiesen werden. Inge Bucks Gedichte sind also nur begrenzt mit Kardendisteln vergleichbar, allein die Rückwärtsgewandtheit der Blätter ließe sich noch auf das biografische Schürfen beziehen, das Buck in Texten wie „Im Kloster“ unternimmt.

Seit Kurzem wohnt die frühere Klosterinternatsinsassin Inge Buck wieder auf monasterischem Boden, allerdings auf längst säkularisiertem. Erlebt man Inge Buck auf ihrer Dachterrasse beim Paulskloster, also mitten im Milchquartier, eingerahmt und eingelaubt von einem Ahorn, ist ihre Naturbezogenheit sehr spürbar. Die Stofflichkeit der Pflanzen ist Futter für ihr Schreiben.

Bucks Lyrik stützt sich wesentlich auf starke Substantive. Wie aber werden verbarme Verse zu dynamischen Gedichten? Bucks stenografischer Stichwort-Stil – das ist jetzt eine etwas zugespitzte Zuschreibung – versetzt den Lesenden in Schwingung, in dem er aus dem Wegfall von Überflüssigem Drive entwickelt und in seiner geradezu konstituierenden Kurzzeiligkeit pulsierende Rhythmen generiert. Taktak, taktaktak, tak.

Inge Buck ist eine haptisch Schreibende. Auf dem Boden ihres Arbeitszimmers in der Mansarde steht eine wuchtige Schreibmaschine, sie wolle „den Widerstand in den Fingern spüren“, sagt die 74-Jährige, offenbar auch kratzendes Vibrieren am Handteller: Gänse- und Krähenfedern gehören ebenfalls zu Bucks Dichtbesteck. Sie interessiert sich für die körperliche Kraft, die solches Schreiben erfordert. Und studiert Kleists Manuskripte: „Stockender Tintenfluss / in dürftiger Unterkunft / ganze Seiten gestrichen / in kleiner Schrift / Dein Heinrich.“

Der Titel-gebende Text von „Kardendistel“ ist Prosa – keine Selbstverständlichkeit für einen Band, der überwiegend lyrisch angelegt ist. „Kardendistel“ beschreibt einen Spaziergang auf der Hohenloher Hochebene, Bucks Heimat, und beginnt so: „Fast täglich gehe ich diesen Weg. Ich gehe ihn mit meinem Vater. In diesem Sommer ist er hundert Jahre alt geworden. Er sagt, dass er noch auf eigenen Beinen gehen kann. Er sagt, ich brauche noch keinen Stock, das ist was für alte Leute.“ Sowohl die Distel als auch ihr Vater haben für Inge Buck etwas mit Widerständigkeit zu tun. Mit der Fähigkeit, auf kargen Böden fest zu wurzeln.

Diese Distel, auch Rau-, Woll- oder Tuchkarde genannt, gehört zur Familie der Geißblattgewächse. Buck wiederum gehört zum EmpfängerInnnen-Kreis des Robert-Geisendörfer-Preises, ferner war sie Stipendiatin der Stadt Amsterdam. In ihrem Zweitmedium Radio – Buck arbeitete lange für den Deutschlandfunk in Köln – wurde sie von Harro Zimmermann kürzlich ob ihrer „bedachtsam erkundeten Worträume und zarten poetischen Sprachgespinste“ als Besitzerin „einer treuen und zahlreichen Verehrergemeinde“ vorgestellt. Nun mag man als LesendeR denken: Wieder so ein unkonkret-kulturjournalistisches Geschwurbel, für das ja auch der vorliegende Text Beispiele bietet. Bucks Texte hingegen sind tatsächlich gut.