Dieses merkwürdige Schweben

MEGACITIES Die Schriftstellerin Ulla Lenze hat mit „Die unendliche Stadt“ einen verblüffend spannenden Liebesroman geschrieben, der zugleich ein Essay über Kunst und Ethik ist

Ulla Lenze macht keinen Hehl daraus, dass ihr in der Türkei und Indien spielender Roman „Die endlose Stadt“ zwei Auslandsstipendien viel zu verdanken hat. Der Klappentext erwähnt ihre mehrmonatigen Aufenthalte in Mumbai und Istanbul; auf der letzten Buchseite dankt die Autorin dafür ausdrücklich der Kunststiftung NRW, dem Goethe-Institut und dem Kulturamt Köln. Der erste Reflex ist Skepsis: Muss man den Absichten der fabelhaften deutschen Kulturförderung, die überall auf dem Globus Künstlern und Schriftstellern Welthaltigkeit einzuimpfen bereit ist, so brav Folge leisten?

Wie raffiniert Ulla Lenze diese Erwartung unterläuft und übertrifft, wird im Verlauf dieser fesselnden Lektüre immer klarer. Die 41-Jährige umreißt ihr Spiegelspiel schon auf der ersten Seite: „Jemand kommt durch das Licht der tiefstehenden Sonne auf sie zu“, so beginnt der Roman. „Es ist der, dem sie die vergangenen sechs Monate verdankt.“ Sie, das ist die höchst autonome, immer wieder fast mittellose bildende Künstlerin Holle Schulz. Der Sponsor heißt Christoph Wanka; ihm gehören die global operierende Witte Bau AG sowie eine anspruchsvolle private Kunstsammlung.

Will die Kunst das Geld?

Die beiden begegnen sich am Hafen von Eyüp, im Rahmen einer deutschen Kulturdelegationsvisite in Istanbul, wo Holle Schulz – deren Name mit Ulla Lenze eine gewisse lautliche Verwandtschaft verbindet – ein halbes Jahr gelebt, gearbeitet und den Dönerrestaurantbesitzer Celal geliebt hat. Gemeinsam steigen sie den osmanischen Friedhof am Goldenen Horn empor. Schon hier wird eine merkwürdige Spannung zwischen Holle und Wanka offenbar, die man vordergründig erotisch deuten könnte. Das Geld will die Kunst und die Kunst das Geld? Nein, so einfach ist es nicht.

Mit ihrem vierten Buch hat Ulla Lenze gleichzeitig einen verblüffend spannenden Liebesroman und ein philosophisches Essay über Kunst und Ethik geschrieben. Für die Ethik steht ein zweiter, dicht mit dem ersten verwobener Erzählstrang, der leicht zeitversetzt in Mumbai spielt: Die Journalistin Theresa, anspielend auf die gleichnamige berühmte „Mutter“, steht hier im Mittelpunkt. Sie bezieht zur Untermiete Holles Wohnung, als diese nach einem von Wanka finanzierten Mumbai-Aufenthalt erneut nach Istanbul aufbricht.

Verglichen mit Holle ist sie die blassere Figur, sie verschwindet mitunter in Lenzes Text hinter den präzisen Beschreibungen des indischen Großstadtchaos. Als sie sich in Holles zurückgelassenen Besitz vertieft, lässt sie sich von der Künstlerin auf eine Recherchespur locken: eine Nomadenzeltsiedlung im siebten Stock eines Neubaus, Symbol für die Gegensätzlichkeit zweier Kulturen, die in der postkolonialen Megacity Mumbai neben- und ineinander existieren müssen – aber auch ein Environment, das die Witte Bau AG hemmungslos in ihre PR einbauen will.

Unter welchen Bedingungen entsteht Kunst? Braucht es dazu besonders viel Freiheit – oder besonders viel Kontrolle? Muss der radikale Rückzug aus allen sozialen Beziehungen, von Nachbarn, Freunden und Geliebten sein, den Holle phasenweise praktiziert, um in einen Zustand hochkonzentrierter Offenheit zur geraten, zum Medium für „das Größere“ zu werden?

„Sie wird durchlässig. Wie ein See, durch den das Licht strahlt. Sie ist angeschlossen, an etwas anderes, sie fühlt sich euphorisch, aber auf unspektakulär stille Weise“, beschreibt Lenze an einer Stelle das kontrollierte Loslassen, das Holle in den anonymen Menschenmassen der Großstädte: dieses „merkwürdige Schweben, ortlos sein und doch tief in sich selbst“.

Oder braucht es vielleicht doch eher Hingabe und Vertrauen – in Liebes-, in Geschäftsbeziehungen? Ausgerechnet Holle, die komplett immun gegen jede Verbindlichkeit wie Abhängigkeit zu sein scheint, die sich völlig auf ihr eigenes (strenges) Urteil verlässt, verstrickt sich gleich doppelt. Zunächst in die abwehrende Annäherung an ihren souveränen Sammler und Förderer Wanka, den sie in seiner Villa in Hannover besucht. Ulla Lenze beschreibt diese Szene fast klaustrophobisch dicht aus Holles Perspektive, balanciert den Verlauf haarscharf zwischen erotischer Aufladung und grotesker Enttäuschung. Später im Buch träumt sie, dass Wanka und sie „einander verstehen, plötzlich und tief“: „Eine Sehnsucht auf beiden Seiten […] es geht um Anerkennung, um etwas Großes.“

Mit dem schönen, absichtsvoll am mediterranen Klischee gebauten Dönermann Celal, zu dem die Künstlerin nach siebenmonatiger Pause zurückkehrt, laufen die Liebesdinge unkomplizierter. Alle kulturellen und sozialen Unterschiede scheinen verkraftbar, solange Holle sich als Herrin der Lage fühlt – und Celal, für dessen Imbissimmobilie Christoph Wanka immerhin 300.000 Euro bezahlen würde, nicht von ihr abhängig ist. Als Celal jedoch Ärger mit Finanzamt und Polizei bekommt, katapultiert sich Holle ohne Not für eine Weile aus allen sozialen Zusammenhängen.

Unheimlicher Sog

Zu den Gründen, warum „Die endlose Stadt“ streckenweise unheimlichen Sog entwickelt, zählt neben der geschickt verzahnten Plotkonstruktion die Komplexität der Figuren: Wankas Begeisterung für Kunst ist keineswegs nur ökonomisch, sondern von echtem Erkenntnisinteresse motiviert, während die kindliche Unschuld des exotischen Proleten, zu dem Holle Celal verklärt, ein paar kräftige Risse abkriegt. Vor allem aber den westlichen Akademikerinnen im Zentrum der Geschichten fällt eine bemerkenswerte Rolle zu: Sie sind Mittlerin (Theresa) und Überwinderin (Holle) der Differenz zwischen Privilegierten und Ausgebeuteten – ohne dass Lenze diese utopischen Funktionen sonderlich verklären würde.

Wendung zum Gezipark

Die leicht depressive Theresa hat nicht die Kraft, ihrer Empörung über die haarsträubende Ungleichheit in Mumbai einen eigenen Ausdruck zu verleihen – sie benutzt dafür Holle, deren „zu selbsttherapeutischen Zwecken“ gemalte Bilder sie ungefragt ausstellt. Und die radikale Individualistin Holle bleibt letztlich nur mit sich selbst beschäftigt, wie die Autorin in einer letzten Wendung in die Gezipark-Proteste zeigt.

Hinzu kommt, dass Ulla Lenze in beiden Städten genau hinschaut, dass sie ernsthaft forschend und doch mühelos flüssig schreibt. Egal, ob es um die Situation öffentlicher Toiletten in Mumbai geht („Einmal sah sie im Vorbeifahren eine hellbraune Wurst aus dem Hintern eines hockenden Mannes herauskriechen. Er hielt sich dabei sein Handy ans Ohr“) oder um heikle Gefühlslagen („In dieser tiefsten Einsamkeit gibt es einen Moment, der mit Scham über dieses Einsamsein verbunden ist; Scham, dass das Leben diese Vereinzelung zulässt. Das Leben, das so viel anderes ebenfalls zulässt, Liebe, Verbundenheit, Glück“). Dabei weiß Ulla Lenze, worüber sie Theresa und ihren Mentor August einmal streiten lässt: „Kein Text wird jemals dem gerecht, was wirklich ist. Aber […] alle verfallen der Illusion des Bescheidwissens.“

Vielleicht ist das die Essenz von Ulla Lenzes Metakommentar zu den zwiespältigen deutschen Kultur- oder Wirtschaftsaktivitäten im Ausland. Auch wenn es paradox ist: Für diesen Roman haben sie sich gelohnt.