Es weht Geld

FRONTEN Dank der Windkraft werden jedes Jahr Hunderte Millionen Euro an Landbesitzer in Deutschland ausgeschüttet. Der unverhoffte Reichtum bringt Ökos gegen Ökos in Stellung

AUS CRUSSOW UND BERLIN INGO ARZT
(TEXT) UND CHRISTIAN THIEL (FOTOS)

Gerhard Singert war längst alt und zufrieden, als der Mann mit dem Geld an seiner Tür klingelte. Ein gutes halbes Jahrhundert zuvor war Singert im Jahr 1945 vor der Roten Armee über die Schlachtfelder am Oderbruch hinweg geflohen, bis er in ein zerschossenes Dorf namens Crussow in der Uckermark gelangte. Dort hauste er erst in einer Scheune, heiratete, baute die Scheune zu einem Haus um. Crussow erstand aus Ruinen, Singert ackerte in einer Agrargenossenschaft der DDR, die vier Kinder wurden erwachsen, die Wende kam. Singert ging in Rente.

„Was soll ich nu’ ne Kreuzfahrt nach Amerika machen?“, fragt er heute mit 85 Jahren in seinem Scheunenhaus. Er mag nicht wollen, aber er könnte wahrscheinlich bald. Früher musste er dem Land ein Auskommen abringen, nun winkt ihm mehr als ein deutsches Durchschnittseinkommen. Zusätzlich zur Rente. Mehr als 30.000 Euro jährlich. Einfach so. Nur, weil ihm Land gehört.

Gerhard Singert ist ein Wendegewinner. Ein Energiewendegewinner. Wenn die Sache so kommt, wie sein Aktenordner verspricht.

Singert sitzt an einem Tisch im Wohnzimmer, ein stämmiger Mann mit wasserblauen Augen, die Hände über dem aufgeklappten Ordner verschränkt. Darin ist ein Vertrag. Ein „Nutzungvertrag über Windenergieanlagen“. Singert hat ihn mit einer Firma namens Teut Windprojekte abgeschlossen. Weil eine Parzelle des Landes, das ihm nach der Wende als Vertriebenem zugeschlagen wurde, im „Windeignungsgebiet Neukünkendorf“ liegt. Das könnte ihn zum gemachten Mann machen.

Energiewende heißt nicht nur sauberer Strom oder Klimaschutz. Energiewende heißt auch, dass Geld über Deutschland ausgeschüttet wird: Früher verdienten nur Großkonzerne Milliarden mit dem Strom aus der Steckdose. Sie beeinflussten die Politik oder machten sie gleich selbst und gaben ein wunderbares Feindbild für die Ökobewegung ab. Heute ist die Lage unübersichtlicher. Das Land steht voller Windmühlen, Biogasanlagen und Solarfelder, an denen viele mitverdienen. Man kann Öko sein und gleichzeitig Geld mit der Weltrettung machen. Grüner Kapitalismus.

Die Energiewende stellt die alten Feindbilder auf den Kopf. Naturschützer beginnen gegen Ökostrom zu kämpfen. Wenn Kirchen, Ökos und Gemeinden zu Stromproduzenten werden, laufen sie Gefahr, sich wie die alte Energielobby zu verhalten, im Mikrokosmos der Republik, in den Gemeinderäten und Dorfhäusern. Es geht um Geld und Steuern, legitimiert als Beitrag für eine bessere Zukunft. Kapitalismus, grün angestrichen.

Im modernen Energiewendedrama treten neben Gerhard Singert auf:

Jan Teut, Windpark-Investor. Mit ihm hat Singert einen Vertrag. Teut sagt: „In gewissem Sinne wollen wir schon die Welt retten.“ Ihm gehe es ganz klar um Klimaschutz.

Reinhard Ebeling, Vorsitzender der Anti-Windkraft-Bürgerinitiative von Crussow. Er sagt: „Diese Windräder drehen sich und flackern und bewegen sich. Wollen Sie die jeden Tag vor der Tür haben?“

Claudia Henze, Leiterin der Planungsstelle Uckermark-Barnim. Henze könnte für den alten Landwirt Singert zur Glücksfee werden: Ihre Behörde soll im Auftrag der brandenburgischen Landesregierung zwei Prozent der Fläche des Landkreises Uckermark-Barnim für Windkraftanlagen ausweisen. Sie muss zwischen den Teuts und Ebelings dieser Welt vermitteln. „Wir machen hier die Quadratur des Kreises“, sagt sie.

In den Nebenrollen: Zwei eher schweigsame Landwirte und diverse Wildtiere, unter denen die Rohrdommel hervorsticht.

Tausende Landbesitzer profitieren von der Windkraft. Gerhard Singert gehören etwa 400 auf 100 Meter auf einem Feld vor Crussow. Das Örtchen ist ein Idyll. 90 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegen, fast 700 Jahre alt, 600 Einwohner. Die Häuser sind aus Fachwerk und Klinker, manche schwärmen von der Toskana des Nordens, der Endmoränenlandschaft aus der letzten Eiszeit, die überall Seen und sanft geschwungene Hügel hinterlassen hat. Das Dorf gehört zum „Hotspot der biologischen Vielfalt“. Ein Windpark mit 13 Maschinen beginnt etwas mehr als 800 Meter vor dem Dorf.

Es ist fast, als wäre jemand auf Öl gestoßen

Verpachtet Singert seinen Acker an einen Landwirt, kann er mit 200 Euro pro Hektar rechnen. Investor Teut bietet ihm je nach Leistung zwischen 15.000 und 40.000 Euro für jede Windmühle, die vielleicht mal auf seinem Land steht. Der Betrag gilt pro Jahr. 20 Jahre lang. Es ist fast, als wäre jemand auf Öl gestoßen.

Die Erweiterung des Windparks ist noch nicht beschlossen, es könnten in der ganzen Gegend 20, 30 Maschinen mehr werden. Selbst wenn nur der Rotor eines Windrades über Singerts Acker schwänge, bekäme er Anteile am Erlös. An der windreichen Nordseeküste soll es bis zu 100.000 Euro Pacht für Landbesitzer im Jahr geben.

„Das wäre mir viel zu viel Geld“, sagt Singert. „Ich bin ein alter Mann. Von mir aus soll der Nachbar die Hälfte haben.“

24.867 Windräder wurden Ende 2014 in Deutschland gezählt. 1.766 kamen laut Bundesverband Windenergie im vergangenen Jahr neu dazu. Die Betreiber dieser Anlagen erhielten für den Strom im Jahr 2013 rund 3,5 Milliarden Euro. Zwischen 3 und 13 Prozent davon gehen an die Landbesitzer – je nachdem, wie gut sie verhandelt haben. Einer wie Singert würde rund 5 Prozent des Ertrags bekommen. Der Staat greift kräftiger zu: Die BVVG Bodenverwertungs- und -Verwaltungs GmbH nimmt bis zu 13 Prozent. Sie gehört dem Bund und verwaltet ehemalige volkseigene Flächen der DDR.

An einigen Stellen wird der Platz jetzt schon extrem knapp. Fragt man Claudia Henze, wie schwer es ist, zwei Prozent der Fläche des Landkreises Uckermark-Barnim für die Windkraft auszugeben, holt sie tief Luft. „Das würde ich mir gern mit Ihnen anschauen“, sagt sie dann. Henze, eine schlanke Frau mit kurzen, blonden Haaren, führt durch eine Glastür hindurch in ein helles, lichtes Büro: Die regionale Planungsstelle Uckermark-Barnim ist transparent, so soll auch die Ausweisung der Windkraftgebiete sein. Zwei von Henzes Mitarbeitern sitzen am Rechner, eine zimmerhohen Uckermark-Barnim-Karte hängt an der Wand. Uckermark-Barnim ist auch auf einem Flachbildschirm zu sehen, schwarz umrandet, innen weiß. Der Landkreis hat die Form eines Flaschengeistes, unten schmal, nach oben hin immer weiter.

Ein Mitarbeiter klickt und klickt und das Weiß wird fleckiger: Siedlungen, Gewässer, Nationalparks, geschützte Wälder, Trinkwasserschutzgebiete, Gebiete, auf denen Kies, Ton, Sand oder Torf abgebaut wird. 82 Prozent sind für die Windkraft tabu.

Fast auf der gesamten restlichen Fläche gibt es Restriktionen. Dort könnte es möglich sein, ein Windrad zu bauen, wenn nicht zu viel dagegen spricht. Häufigstes Hindernis: Vögel. Jedes Nest seltener Arten, das Ornithologen melden, bekommt auf Henzes Karte einen Kreis, dort wird es schwer mit den Windmühlen. „Wir haben eine tolle Natur“, sagt Henze. Ein Fischadler bekommt einen 1.000-Meter-Schutzradius, ein Schreiadler 3.000 Meter, Singschwäne 5.000 Meter, dazu kommen Schwarzstörche, Seeadler, Rotmilane oder Rohrdommeln.

■ Soll: Die Bundesregierung plant, die Windenergieleistung auf dem Land bis 2030 um jährlich 2.500 Megawatt zu erweitern. Schätzungen zufolge müssten etwa 1.000 Anlagen pro Jahr gebaut werden. Da die Leistung einzelner Windräder sich stark unterscheidet und nicht nur neue gebaut, sondern auch alte ausgebaut werden, variieren die Zahlen. So wurden 2006 1.208 Anlagen aufgebaut – mit einer Leistung von 2.233 Megawatt. 2013 hingegen entstanden 1.154 neue Anlagen, die Leistung: 2.998 Megawatt. Für Offshore-Windkraft sind bis 2030 15.000 Megawatt geplant.

■ Ist: Von den 24.867 Windrädern in Deutschland stehen die meisten in Niedersachsen, und zwar 5.616. Mit einigem Abstand folgen Brandenburg (3.319), Schleswig-Holstein (3.228) und Nordrhein-Westfalen (3.037). Die wenigsten Windanlagen stehen in den drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. In Berlin sind es zwei.

Am Ende bleibt nur ein Prozent der Landesfläche, auf der es keinerlei Bedenken gegen Windräder gibt. Gerhard Singerts Parzelle liegt auf einem Teil dieses einen Prozents.

Henze aber braucht zwei Prozent, festgelegt in einem Regionalplan. 2004 gab es so einen, da waren es 1,5 Prozent, an dem neuen Plan feilen sie in der Uckermark seit 2011. Bürger haben fast 2.000 Einwände eingebracht. Am Ende wird die Regionalversammlung mit 40 Mitgliedern entscheiden, Bürgermeister und Landräte aller Parteien.

Der neue Plan ist noch nicht verabschiedet – aber in seiner vorläufigen Form veröffentlicht. Darin ist das Land eingezeichnet, auf dem wahrscheinlich Windmühlen gebaut werden dürften. Das hat einen wahren Windrausch ausgelöst. „So wie die Karten rauskommen, sind die Leute unterwegs und versuchen, sich die Flächen zu sichern“, sagt Henze in Eberswalde.

„Ach Gott, hier hamse anjerufen und jeklingelt und Post jeschickt“, sagt Singert in Crussow. „Sechs, sieben Firmen waren das.“

Jan Teut meldet sich immer noch regelmäßig bei ihm. Mit Dutzenden anderen kleineren oder größeren Planungsbüros kämpft er um Flächen und Singerts. „Das Geschäft ist nicht immer fair. An Standorte zu kommen und dort Pflöcke einzuschlagen ist … nun ja, die Windeignungsgebiete sind begrenzt“, sagt er. Teut, 54, leicht wettergegerbt, friesisch blondes Haar, nordischer Zungenschlag, kommt aus der Landwirtschaft. Die Eltern sind Bauern, er Ingenieur, knapp hundert Windmühlen hat er errichtet. Seit 1996 ist er im Geschäft. Sein Büro in Berlin-Prenzlauer Berg befindet sich im Erdgeschoss, ein Ladenbüro, Studentenflair. Auf seinem Schreibtisch liegt eine Karte des Windeignungsgebietes Neukünkendorf, ein Flickenteppich aus Parzellen, die verschiedensten Leuten gehören. Auch Singerts Land ist zu sehen.

Wenn Teut hochschaut, erscheint an der Wand vor ihm der Planet Erde, blau, lebendig und rund, vom Weltall aus fotografiert. „Wir können nicht ins Raumschiff steigen und zu einem anderen Planeten fliegen“, sagt er. Das ist seine Motivation, neben dem Geldverdienen. „Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass das, was wir machen, richtig ist: Erneuerbare Energien als Form der Energieerzeugung ist die Zukunft.“

Hinter ihm hängt eine rot-weiße Fahne mit einem schwarzen Adler drauf. Die Flagge ist die des Dorfgemeinschaftsvereins von Pinnow. Teut sponsert den Verein, weil er vor der Gemeinde Windmühlen hat. „So kann man PR vor Ort machen. Die Menschen brauchen das Gefühl, etwas abzubekommen, nicht übergangen zu werden“, sagt er. Teut hat den ehemaligen Konsum im Ort umbauen lassen und dem Verein überlassen. Dort gibt es nun auch wieder einen Laden mit Waren für den täglichen Bedarf. Für die Alten im Ort. In Mirow hat Teut mal eine Kirchenglocke reparieren lassen. In Crussow haben sie das Dorfhaus mit Teuts Geld renoviert.

Windkraft-Planung kommt ihm wie ein Malefiz-Spiel vor. Ständig liegen Steine im Weg, die er ausräumen muss. Er zeigt auf einen magentafarbenen Kreis auf der Karte des Windeignungsgebietes Neukünkendorf. Auch so ein Stein. Der Kreis umschließt angeblich: den Nistplatz einer Rohrdommel.

So ein Vogel kann die Genehmigung des Windparks verhindern. Zwar staksen auch eine Menge Kraniche durch den Tümpel, aber die haben nicht den Schutzstatus einer Rohrdommel, die laut Naturschutzbehörde hier gemeldet war.

Die Rohrdommel ist da, sagt der Windkraftgegner

Teut musste also erst ein Gutachten anfertigen lassen, das ergab, dass es keine Rohrdommel mehr gibt. Oder: zumindest im Jahr der Untersuchung, 2012, keine gab. Ausgeflogen. Die Chefplanerin Henze hat das Gutachten akzeptiert.

„Wir selbst haben erst kürzlich Tonaufnahmen gemacht. Sie ist definitiv da“, sagt der Windkraftgegner Reinhard Ebeling in Crussow.

„Man hält uns gerne vor, dass wir mit Gutachtern arbeiten, die auf der Lohnliste der Windkraftprojektierer stehen“, sagt Teut in Berlin. „Das Argument zieht nicht, das sind unabhängige Ornithologen, die keine Gefälligkeitsgutachten schreiben.“

„Wenn eine Windfirma ein Gutachten in Auftrag gibt, dann wird es auch zu ihren Gunsten ausfallen“, sagt Ebeling in Crussow, er sächselt leicht. Ebeling ist 55 Jahre alt, wohnt in derselben Straße wie Singert, in einem schon zu DDR-Zeiten selbst ausgebauten Klinkerhäuschen. Das Dorf strahlt wie im Bilderbuch, es ist ein sonniger Herbsttag, Ebelings zwei Pferde grasen auf der Koppel. Er lauscht in den Wind. Sie sind ausnahmsweise mal nicht zu hören, die Mühlen. Der Wind trägt den Schall heute vom Dorf weg. Zu sehen sind sie von seiner Veranda aus auch nicht.

400 Menschen haben in Crussow gegen den Windpark unterschrieben. Auch die Stadt Angermünde ist dagegen. Sie ist erst seit vier Jahren staatliche anerkannter Erholungsort und fürchtet, die Windmühlen schrecken Touristen ab.

Jenen im Dorf, die das Glück der eigenen Parzelle mit Windmühle haben, schweigen. Das ist etwa der Traktorist, dem die Pacht aus einem Windpark half, ein Einfamilienhaus zu finanzieren. Kein Kommentar. Oder der Landwirt mit Schnauzbart und Karohemd, ein hemdsärmeliger Typ. Er kurvt zwischen seinen Feldern mit Weizen, Roggen und Raps umher, auf denen die Windmühlen surren, und erzählt von den Schwierigkeiten, mit dem Trecker um die Mühlen herum zu pflügen. Dafür gibt es zwar vom Windanlagenbetreiber einen „Bewirtschaftungsmehraufwand“, aber trotzdem: Nur Ärger mit der Windkraft. „Wir verdienen damit ja auch nichts.“

Nun ist es aber so, dass genau diesem Landwirt ein Teil des Lands gehört, auf dem die Mühlen stehen. Man muss ihm den Ausdruck des Katasteramtes direkt unter die Nase halten, damit er sich erinnert. „Ach so, das kann schon sein, dass man da auch was hat“, sagt er. Er will nur nicht als Windkraftprofiteur bekannt werden. Zu viele im Dorf sind gegen die Mühlen.

Auch der Naturschützer Ebeling schämt sich, wegen seiner Solaranlage auf dem Dach: „Ich bin auch ein Subventionsritter“, sagt er. Mit Weltrettung habe das alles nichts zu tun. Für ihn ist die Energiewende ein gewaltiger Subventionsbetrieb, der die Wirtschaft und die Bürger mit teurem Strom belastet. Er spricht von „technogener Überprägung“ der Landschaft, von Milliardenverschwendung. Die Solaranlage stammt aus der Zeit, bevor er das erkannt hat.

Im September hat Ebelings Bürgerinitiative einen Brief an 29 Landtagsabgeordnete geschickt und sie aufgefordert, die 10-H-Regel einzuführen: Ein Windrad soll mindestens das Zehnfache seiner eigenen Höhe vom nächsten Haus weg sein. In Bayern, wo es so eine solche Regel schon gibt, können fast keine neuen Windräder mehr aufgestellt werden. Die 10-H-Regel ist Horst Seehofers Trick, um die Windkraft zu stoppen, ohne es explizit so zu sagen.

Die Regionalplanerin Henze in Eberswalde sagt: „Wenn Sie die 10-H-Regeln nehmen, können Sie das Thema Windkraft beerdigen.“ Ein 200-Meter-Windrad müsste zwei Kilometer vom nächsten Haus entfernt stehen. Zurzeit beträgt der Mindestabstand 800 Meter. Alte Windräder dürfen durch neue ersetzt werden. Neu heißt mehr Leistung, mehr Pachterträge und vor allem: höher. Ein höheres Windrad wirkt näher. Die Belastung für die Anwohner wachse, sagt Ebeling. Die Regionalversammlung, die das beschlossen hat, hält er für voreingenommen: Viele der Bürgermeister, die dort sitzen, hofften auf mehr Steuereinnahmen. Auch die Kirche verdient mit. In Baumgarten-Schenkenberg, Angermünde, Carmzow, Blindow, Schönfeld, Vierraden und Falkenwalde liegen Kirchenländereien in Windkraftgebieten.

Einer der 40 Regionalräte in Uckermark-Barnim arbeitet für den Windanlagenbauer Enercon. Henze sagt, der Mann habe sich in den entscheidenden Sitzungen immer enthalten.

Ebeling ist mit seinen Ansichten nicht allein, sagt er. Mehr als 400 Bürgerinitiativen in Deutschland haben sich gegen die Windkraft organisiert. Für sie sind erneuerbare Energien unwirtschaftlicher „Zappelstrom“, der Klimawandel mehr Panikmache als Wissenschaft. Bürgerbeteiligung bei der Energiewende ist eine Art Bürgerbestechung, bei der Gemeinden mit Steuergeldern und Landbesitzer mit Pachteinnahmen geködert werden.

Ebeling sieht in den Anti-Windkraft-Initiativen eine Art neue Graswurzelbewegung, um die Energiepolitik wieder auf anständige Beine zu stellen. Da ist es ihm egal, dass die Deutschen seit Jahren in allen Umfragen für die Energiewende sind. „Die Grünen haben doch auch mal klein angefangen“, sagt er. Windkraftausstieg statt Atomausstieg, im Namen des Naturschutzes.

Mittlerweile ist es März. Ein guter Monat für die Windkraft, mit ordentlichen Erträgen. Die 27. Regionalversammlung in Uckermark-Barnim ist ohne Beschluss zur Windkraft zu Ende gegangen. Ebelings Bürgerinitiative fungiert mittlerweile als Berater und hat Rederecht. Auch Investor Teut ist Berater und wegen seines Engagements in Pinnow für die Ehrennadel des Landkreises Uckermark vorgeschlagen.

In Crussow ist sich Gerhard Singert nicht mehr sicher, ob das je klappt mit dem neuen Windpark. „Das ist doch eine Ulknummer“, sagt er, klappt den Ordner mit dem Vertrag zu und packt ihn in den Schrank. „Wahrscheinlich schickt mir der Teut wieder eine Karte zu Silvester“, sagt er.

Ingo Arzt, 36, ist taz-Redakteur für Energie und Umwelt. Er hat kein Windrad, sondern eine Hauswand vorm Fenster

Christian Thiel, 52, ist freier Fotograf in Berlin. Sein Wochenendhaus ist von Windmühlen umstellt