Willi Bartels, Bürgerkönig

Ein Stück St. Pauli geht

Für viele war er der „König von St. Pauli“. Willi Bartels war das gar nicht so lieb, aber ein bisschen selbst Schuld war er schon: Der gelernte Schlachter begann seine Kiez-Karriere 1929 im väterlichen Amüsierlokal „Jungmühle“. Nach dem Krieg baute er ein Immobilienimperium auf – vor allem, weil er an den Stadtteil seiner Jugend lange vor allen anderen glaubte. „Investoren“ wie Claus Becker oder die Osmanis wollten den Kiez aufmischen und frischen. Bartels sah sie kommen – und wieder gehen. Was auch damit zu tun hat, dass der Ehemann einer Tänzerin vom Kiez Distanz zum „Milieu“ hielt.

Nur einmal hat er selbst ein Bordell gebaut, das Eros-Center, und das hatte ihm die SPD aufgeschwatzt, weil die Prostitution unkontrolliert wucherte. Das Eros-Center war in den Siebzigern der modernste Puff Europas, aber nach einer Dekade war seine Zeit abgelaufen. Bartels hatte sich die Finger verbrannt. Als der Fotograf Günter Zint als Nachnutzung ein Stadtteil-Museum vorschlug, grummelte Bartels über den „Kommunisten“ Zint. Zähne knirschend stimmte er dennoch zu – und wurde einer der treuesten Freunde des St. Pauli Museums.

Wenn schon König, dann war Bartels zumindest ein Bürgerkönig. Er kannte „seinen“ Stadtteil wie kaum ein anderer, wusste, wo der Schuh drückt. Er verhandelte knallhart, knauserte sich als Vermieter von Flickschusterei zu Notreparatur – aber wenn die Not Menschen betraf, hatte Willi Bartels ein offenes Ohr. Seine Mieter wissen zu berichten von den persönlichen Audienzen des Königs, am Biertisch in seinem Hotel „Hafen Hamburg“, das wie ein Bartels-Denkmal über den Landungsbrücken thront, auf Augenhöhe mit dem Eisernen Kanzler. Dort wurden viele Mietstreitigkeiten, für die andere vor Gericht ziehen würden, aber auch manche menschliche Notlage per Handschlag ausgeräumt. Bartels fand es nur recht und billig, auch etwas zurück zu geben. Zum Beispiel an das Cafée mit Herz, in dem Obdachlose Wärme finden.

Bartels hat nie vergessen, wo er herkam, und zog mit 92 sogar aus Blankenese nach St. Pauli zurück. In sein letztes Projekt, das Brauquartier, das so gewaltig gerät, dass man vielleicht sagen muss: Am Schluss hat der König den Maßstab dafür verloren, was „sein“ St. Pauli tragen kann. JANK

WILLI BARTELS, 92, fühlte sich gestern nicht gut, kam ins AK Altona und schlief friedlich ein. FOTO: DPA