Im Kastanienwald

Tortellini gefüllt mit Kastanienpüree oder Vermisselles, unschlagbare Süßspeise mit Kastaniencreme an Sahne oder Eis, sind Spezialitäten des Bergells. Die Wiederentdeckung des braunen Goldes

„Sehen Sie sich das einmal an, das ist doch nicht normal“, der 74-jährige Nello Derungs zeigt mit Schwung hinüber zu den weit ausladenden Ästen der Kastanienbäume, in denen sich stachelige grüne Gesellen im Wind wiegen. „Normalerweise“, fügt er mit leicht zusammengekniffenen Augendeckel hinzu, „fallen erst die Früchte ab und dann die Blätter. In diesem Jahr ist das umgekehrt.“ Doch dann räumt er ein, dass es von Zeit zu Zeit vorkommt, dass die Bäume kränkeln. Begeistert zeigt er den Gästen, die er über den gut zwei Kilometer langen Kastanienlehrpfad führt, die schönen Seiten. Seinen etwa sechshundert Jahre alten Lieblingsbaum zum Beispiel, der so makellos gewachsen ist, oder die Kastaniendörrhütten, von denen eine als Unterkunft für Jugendliche restauriert wurde. Immerhin handelt es sich um einen der größten Kastanienwälder Europas, der da zu Castasegna gehört. Er erstreckt sich bis hinauf nach Soglio.

Vielen Reisenden mag das Bergell nur als „Durchreiche“ vom Engadin nach Italien dienen. Die kleinen Orte vor der Felskette der Sciora, die am Landesausgang der Schweiz Spalier stehen, nehmen sie kaum wahr. Ganz am Ende liegt Castasegna. Seit vor einigen Jahren die Umgehungsstraße gebaut wurde, wurde es richtig ruhig im Ort. Italienreisende ließen das kleine Dorf mit der Kastanie im Namen und im Wappen nun komplett an der Seite liegen. Auf der Suche nach neuen Ideen begann der Ort 1998 im Rahmen eines kulturökologischen Projektes den wunderschönen Weg durch den Kastanienwald zu sanieren und versah ihn mit Lehrschildern. So rückte man jene Frucht, die die Römer einst herbrachten, ins touristische Interesse.

Wo heute der Kastanienlehrpfad an Wiesenflächen mit vereinzelten riesigen Bäumen und gelegentlichen Baumgruppen vorbeiführt, sollen noch vor hundert Jahren die Kronen der Bäume derart ineinandergeragt haben, dass man bei einem starken Regenguss trockenen Fußes hindurchlaufen konnte. Damals war die nährstoffreiche und fettarme Esskastanie Hauptnahrungsmittel der armen Leute. Vom Kastanienmus über Mehl, gesottene Kastanien bis hin zu Suppen deckte diese Frucht die Mahlzeiten ab.

Führungen im Kastanienwald Vilma Marcarini, Tel.: 0041 (0)81 822 18 64, marcarini@bluewin.ch Infos zum Kastanienwald Tel.: 0041 (0)81 822 18 64, www.castagneto.ch Hotel Palazzo Salis Tel.: 0041 (0)81 822 12 08, www.palazzosalis.ch Literatur: R. Stampa, R. Maurizio: „Das Bergell“, Verlag Paul Haupt, Bern U. Bauer, J. Frischknecht: „Grenzland Bergell“, Rotpunktverlag M. Spreiter-Gallin: „Castasegna“, Montabella Verlag

Turistico Pro Bregaglia, CH 7605 Stampa, Tel. +41 (0)81 822 15 55, Fax +41 (0)81 822 16 44, www.bregaglia.ch

Nello erinnert sich noch gut, wie er als Kind mit der Familie die Kastanien aufsammelte und wie sie anschließend in der „cascina“ – der Dörrhütte – sechs Wochen lang über schwelendem Feuer getrocknet wurden. Das geschieht auch heute noch. Der alte Mann zeigt die frisch renovierte Dörrhütte in der Nähe des neuen Fußballplatzes. Zeigt die verrußte Feuerstelle und den Rost, wo die Früchte aufgeschichtet werden. „Wenn die Kastanien gedörrt sind“, erklärt er, „steckt man sie in einen Sack, den man so lange auf einen Baumstamm schlägt, bis sich die braunen Schalen vom hellen Kern gelöst haben.“ Viele machen das noch heute so. Andere bringen die getrockneten Früchte nach Soglio. Dort hat Dino Salis eine Maschine ausgetüftelt, die diese Arbeit übernimmt.

Fanari Ailin zum Beispiel bringt die Kastanien dahin. Zwölf Bäume gehören zu ihrem Besitz. Leben kann sie, genauso wie alle anderen im Ort, nicht davon. In guten Jahren liefert ein Baum einhundert Kilo Früchte. Für das Kilo getrocknete Ware bekommt sie 11 Franken. Von den rohen Kastanien verkauft sie ungefähr 500 Kilogramm, von den getrockneten etwa 150 Kilogramm. Die Pflege der Bäume erfordert viel Zeit und Mühe. Immer mehr Einwohner arbeiten außerhalb des Tales. Vielen steht da der Sinn nicht mehr so nach Kastanien wie den vorherigen Generationen. Wissen geht verloren, Bäume wildern aus.

Wer im Oktober durch die Wälder streift, sieht auch heute noch ganze Familien beim Auflesen der Kastanien. Nach der Ernte wird in der Selve gefeiert. Längst aber sind die Arbeiten noch nicht abgeschlossen. Einen Teil der gedörrten Früchte bringt man in die Mühle nach Promontogno. Aber nur ein Prozent des Mehles ist heute noch Kastanienmehl. Brot und leckere Kuchen werden daraus gebacken.

Die Bäckerin aus der Pasticceria in Castasegna, Ursula Fogliada-Salis, hat mit ihrer Kastanientorte letztes Jahr die Silbermedaille im landesweiten Wettbewerb des Bäckermeisterverbandes der Schweiz gewonnen. In den Regalen der heimischen Produkte stehen Honig, Schnaps, Likör, Bier und Nudeln aus Kastanien. Ein Drittel Liter Kastaniengrappa kostet 80 Franken.

Und Restaurants wie das historische Hotel Palazzo Salis in Soglio verwöhnen die Gäste mit feinen Kastanienspeisen. Da werden Tortellini gefüllt mit Kastanienpüree oder Vermisselles, die unschlagbare Süßspeise mit Kastaniencreme an Sahne, Eis oder Meringen, aufgetischt. Was dereinst als Arme-Leute-Essen diente, kommt heute als besonderer Leckerbissen daher.