\"Oben Hamlet, unten der Soapstar - das ist doch Quatsch!\" Jeanette Biedermann und Mathieu Carrière über ihre Sat.1-Telenovela \"Anna und die Liebe\".

Seife oder nicht Seife

Kommentar von DAVID DENK

Das ist sie: Anna und die Liebe und Jeanette Biedermann.  Bild:  dpa

Hier würde sich auch die Belegschaft von Broda & Broda wohl fühlen, hier oben. Die PURO Sky Lounge über den Dächern von Berlin ist ein Ort für das Feierabendvergnügen von Leuten, die es geschafft haben - auch weil man den Zugang nicht so schnell findet. Und dieses Problem kennt kaum einer so gut wie Anna, die Hauptfigur der neuen Sat.1-Telenovela "Anna und die Liebe", die hier vorgestellt wird. Insofern ist dies wirklich die ideale Location - aber auch weil die Lounge genauso glatt und glänzend daherkommt wie die Serie.

Anna (Jeanette Biedermann) träumt von einer Karriere als Texterin bei der ultrahippen Werbeagentur Broda & Broda, traut sich aber noch nicht mal die Bewerbung zu - weil sie so schüchtern ist. "Annas Problem ist nicht, dass sie das hässliche Entlein ist", klärt die Hauptdarstellerin auf. "Wir haben eine ganz andere Basis als bei ,Verliebt in Berlin'. In ,Anna und die Liebe' geht es um ein mentales Problem: Annas extreme Schüchternheit." Deren Schwester Katja (Karolina Lodyga) ist dieses Problem fremd, sie schmeißt sich hemmungslos an den gerade vom Jobben als Yachtverleiher (!) in den USA zurückgekehrten Juniorchef der Werbeagentur, Jonas Broda (Roy Peter Link), ran, in den eigentlich Anna verliebt ist. Auf ihm ruhen die Hoffnungen seines ausgebrannten Vaters Robert (Mathieu Carrière), dem partout kein Name für ein Luxusparfüm einfallen will und den seine Frau Natascha (Franziska Matthus) und sein anderer Sohn Gerrit (Lars Löllmann) aus der Firma drängen wollen. Dass Anna das verhindern wird, weil der Schüchternen natürlich der ideale Name eingefallen ist - "Silence" -, versteht sich ja wohl von selbst, aber bis dahin dauert es noch ein bisschen. 252 Folgen à 25 Minuten sind geplant. Am Montag um 19 Uhr gehts los.

Auf dem Pressetermin ist von der Last der Erwartungen an den Nachfolger des Quotenhits "Verliebt in Berlin" nur hinter vorgehaltener Hand die Rede. Zitierfähig sind diese Aussagen nicht. Und damit auch niemand einen Darsteller damit zitiert, dass "Anna und die Liebe" vor allem die Aufgabe hat, Sat.1 zu retten, schickt die Pressedame mit den autorisierten Aussagen noch eine Ermahnung: "Die Zitate sind nur in dieser Form freigegeben."

Ähnlich unpopulär sind nur Fragen nach dem Niveau der Serie. "Was ich überhaupt nicht mag, ist die Hierarchisierung der Kunst, wo Hamlet ganz oben steht und der Soapdarsteller ganz unten. Das ist einfach Quatsch, veraltet aus den 50er-Jahren", sagt Jeanette Biedermann. Und sagt Mathieu Carrière. Wobei, angesichts der Sat.1-Ermahnung sollte man ihn korrekt zitieren: "Man kann doch nicht in einer Welt leben, in der oben Hamlet steht und unten der Soapstar. Das ist doch Quatsch." Damit wäre wohl der Beweis dafür erbracht, dass die Zusammenarbeit so wahnsinnig harmonisch ist, wie Jeanette Biedermann in jedem Interview auch ungefragt erzählt.

Einziger Lichtblick in der erschreckenden Harmlosigkeit des Pressetermins, dieser fluffigen Bräsigkeit, ist Mathieu Carrière, mit dem sich sogar in einer Viertelstunde auf Barhockern sitzend ein Gespräch führen lässt. Bei Biedermann ist der Journalist nur Stichwortgeber - sie unterhält sich nicht, sie liefert O-Töne. Der Unterschied zwischen Biedermann und Carrière ist eben auch der zwischen einer demonstrativ abgebrühten Privatfernsehfigur und einem tatsächlich lebenserfahrenen Schauspieler - wobei Lebenserfahrung im Fall von Mathieu Carrière fast ein Euphemismus ist. Zu wechselhaft verlief sein Leben nach dem Debüt in der Thomas-Mann-Verfilmung "Tonio Kröger" 1964 - nicht nur beruflich.

Inmitten eines Sorgerechtsstreits ließ sich Carrière 2006 bei einer Demonstration für Väterrechte vor dem Bundesjustizministerium kreuzigen. Dadurch wurde der ohnehin als schwierig geltende Schauspieler in der Branche vollends zur Persona non grata. Derzeit erlebe er seine Neugeburt, sagt der 58-Jährige: "Ich hatte vor ,Anna und die Liebe' zwei Jahre keinen Drehtag. Doch, ich durfte einmal mit einer lebenden Robbe am Tisch sitzen." Das immerhin wird ihm bei "Anna und die Liebe" erspart bleiben.

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