Abgang des Vorzeige-Bertelsmanns

Geht es wirklich nur um ein paar hundert mickrige Euro oder ist Werner Weidenfelds Rausschmiss gewichtiges Zeichen einer internationaleren Neuaufstellung der Bertelsmann-Stiftung? Das ist die Frage, die hinter der Personalie Weidenfeld, einem der einflussreichsten europäischen Politikberater, steckt. Zum 30. November muss er seinen Platz im Vorstand der größten deutschen Stiftung, der Bertelsmann-Stiftung, räumen, das bestätigte gestern die Stiftung mit Sitz in Gütersloh.

Ursache des Rausschmisses ist Weidenfelds großzügige Spesenabrechnung. Anonym war angezeigt worden, dass er private Bewirtungsbelege über seinen wichtigsten Geldgeber, eben die Bertelsmann-Stiftung, abgerechnet habe. Nach Vorermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft akzeptierte er in dieser Woche schließlich eine Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von 10.000 Euro. Alles kein ganz großes Drama, aber eben doch „ein geringes Verschulden“, wie die Staatsanwaltschaft erklärt. Es geht um einen dreistelligen Euro-Betrag, möglicherweise auch um eine vierstellige Gesamtsumme. Einige aus seinem Umfeld spekulieren, dass die Spesenlappalie vorgeschoben sei. „Bertelsmann will internationaler werden, und dafür ist er wohl eine Nummer zu klein.“

Egal wie es zu dem Rauswurf kam, in Lehre und Wissenschaft ist der politikwissenschaftliche Hansdampf nicht sonderlich beliebt. Seine Studenten am Münchner Geschwister-Scholl-Institut lästern stets über sein Zuspätkommen und seine schlechte Betreuung. Kollegen tun seine Schriften als akademischen Kram ab. Aber Weidenfeld ist einflussreich. Davon zeugen zahllose Fotos mit Henry M. Kissinger oder Javier Solana. Und das spürt man auch in EU-Institutionen, wo seine Analysen Pflichtlektüre sind. Ob das so bleibt, ist fraglich.

Denn die Leistungen Weidenfelds – der übrigens zwischen 1987 und 1999 Regierungskoordinator der deutsch-amerikanischen Beziehungen war – stehen und fallen mit seinem an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität angesiedelten „Centrum für angewandte Politikforschung“ (CAP). Der mit Abstand wichtigste Drittmittelgeber dieses Thinktanks mit Sitz in einer schönen alten Villa am Isarhochufer ist die Bertelsmann-Stiftung – und dort macht man klar, dass man die bis 2010 laufenden Projektfinanzierungen nicht verlängern will. Der CAP-Vizechef zieht schon mal die Konsequenz aus der miesen Perspektive. Wie die Bertelsmann-Stiftung der taz bestätigte, wechselt Josef Janning (50) komplett in den Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Er hatte dort bereits die Abteilung „Internationale Beziehungen“ geleitet. MAX HÄGLER