Der Fall Irons

ABSTÜRZE Der Surfer Andy Irons stand für Leistung, Schönheit und Erfolg. Bis er vor genau einem Jahr tot aufgefunden wurde – vollgepumpt mit Drogen. Woran scheitert jemand, der eigentlich alles hat?

Der letzte Tag im Leben des Surfchampions Philip Andrew Irons beginnt unweit des Flughafens von Dallas/Fort Worth, er steht an der Rezeption des Grand Hyatt Hotels, ein Ort, an den er nie wollte, er ist geschwächt. Er bestellt einen Weckanruf für den nächsten Morgen, es ist der 1. November 2010, Irons checkt um 8.47 Uhr ein. Er sollte jetzt eigentlich in Puerto Rico um den Weltcup kämpfen. Oder zurück sein bei seiner Frau in Hawaii, sie ist im achten Monat schwanger.

Um 8.59 Uhr betritt Irons sein Zimmer, die 324, er trinkt einen Orangensaft und versucht, vom Hoteltelefon aus die Heimat in Hawaii zu erreichen. Er schaltet den Fernseher ein, wirft seine Klamotten auf den Boden und legt sich ins Bett.

Am nächsten Morgen beantwortet Andy Irons den Weckanruf nicht, so wird es später im Untersuchungsbericht der Polizei rekonstruiert werden. Ein Sicherheitsmann des Hotels öffnet die Tür des Zimmers. Irons liegt im Bett, die Decke bis zur Brust gezogen. Er atmet nicht.

Für 9.46 Uhr notiert der Autopsiebericht den Tod des dreifachen Weltmeisters. Irons wird zu einer Nummer, dem Aktenzeichen 1013091 der Gerichtsmedizin von Tarrant County im US-Bundesstaat Texas. Todesursache: Herzinfarkt. Im Körper finden die Beamten Kokain, Schlafmittel, Cannabinoide und Methadon.

Die Geschichte von Andy Irons ist die Geschichte eines Rausches, sie handelt von Erfolg im Überfluss, und was das mit einem Menschen machen kann. Andy Irons war schön, leistungsfähig, wurde durch sein Hobby reich, reiste um die Welt, wäre bald Vater geworden.

Als er stirbt, ist er 32 Jahre alt.

Der Surfer nutzt die Gewalt des Meeres für sich

Surfer ringen mit den Kräften der Natur. Der Sport kann süchtig machen, er kann Athleten in Rauschzustände versetzen. Ein Surfer versucht, die Gewalt des Meeres für sich zu nutzen. Er paddelt mit seinem Brett nach draußen, er klammert sich daran, seine Augen suchen den Horizont ab. Er muss den Moment erkennen, in dem die Welle heranrollt, sich von diesem Wasserberg mitreißen lassen, das Brett in den Berg stellen. Seine Arme müssen ins Wasser schlagen. Schnell und kräftig.

Dann kommt dieser Augenblick, kurz bevor die Welle bricht, in dem er dort oben auf das Brett springen muss und hinunter schaut, wie in einen Abgrund.

Manchmal gleitet er auf dem Brett nach unten, rasend. Wenn er es schafft, stehen zu bleiben.

■ Das Surfen: Den Sport gibt es in der Südsee und in Hawaii bereits seit mehreren tausend Jahren. 1778 beobachtete der Brite James Cook als erster Europäer Hawaiianer beim Ritt auf der Welle und hielt seine Beobachtungen schriftlich fest. In Europa surfte der Kalifornier Peter Viertel 1955 die erste Welle in Biarritz, Südfrankreich. Auf Sylt wurde 1966 der erste Surfclub gegründet. Surfbretter sind meist mit Fieberglas überzogen und 1,70 bis 3 Metern lang.

■ Die Tour: Die ASP-Profitour für die besten Surfer der Welt beginnt jedes Jahr im Februar und endet nach elf Wettbewerben mit dem „Pipe Masters“ am North Shore von Hawaii im Dezember.

■ Das Geschäft: Auf der Tour werden Preisgelder bis zu einer Million Dollar pro Rennen ausgeschüttet, große Ausstattungsfirmen machen über eine Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr. Einige sind mittlerweile an den Börsen in den USA und Australien notiert.

Oder er verliert das Gleichgewicht. Dann hat er verloren. Das Wasser saugt ihn in einen Strudel, reißt und schleudert ihn umher. Die Natur, die er eben noch lässig zu kontrollieren schien, macht nun mit ihm, was sie will. Er muss aufpassen, dass die Natur ihn nicht schluckt.

Wenn er einen guten Tag hatte, kontrollierte Andy Irons die Wellen wie niemand sonst auf der Welt. Er ist hinausgepaddelt, als keiner sich mehr traute, weil das Meer allen anderen unbeherrschbar erschien. Er raste die Wasserwände hinab, er ließ die Welle über sich brechen und verschwand in der „Tube“, im Inneren, bis er mit hochgerissenen Armen wieder herausfuhr. In Shorts, trainiert, braungebrannt, manchmal lässig die Hüfte nach vorne gestreckt, vor den Augen der jubelnden Menge am Strand.

In den Jahren 2002 bis 2004 wurde er dreimal hintereinander Weltmeister. Es waren Jahre, in denen er alle anderen ausgestochen hat, in denen er die meisten Punkte für die riskantesten Ritte eingefahren hat. Er muss sich gefühlt haben wie ein König der Meere. Unglaublich stark. Gewaltig wie das weiße Rauschen.

Andy Irons hat alles erreicht, was ein Surfer erreichen kann, er war der Held einer Szene, die das Ringen mit der Natur zum Sport gemacht hat und zu einem Geschäft, an dem einzelne Firmen Milliarden verdienen – aber irgendwann geriet er in einen Strudel. Und sank.

Man muss ans Meer fahren, wenn man begreifen will, wie das passieren konnte. Zu den höchsten und gefährlichsten Wellen der Welt.

Hanalei Bay liegt an der Nordküste der hawaiianischen Insel Kauai. Es ist eine sichelförmige Bucht voll weißem Sand an einem türkisen Meer, im Hintergrund mächtige vulkanische Berge, Bäume, wenige Touristen. Hier ist Andy Irons in einem grünen Holzhaus am Strand aufgewachsen, hier paddelte er schon als Kind mit seinem 16 Monate jüngeren Bruder Bruce hinaus aufs Meer. Hier muss er den Rausch der Wellen zum ersten Mal gespürt haben.

Heute lehnen Surfbretter vor den Grundstücken, auf denen „A. I. forever“, oder „A. I. we love you“ steht, denn Hanalei hat im vergangenen Jahr in einem Flughafenhotel in Texas sein Idol verloren. Früher, in den Achtzigern, als Andy zu Fuß aus der Weke-Road vom Elternhaus zur Grundschule lief, konnte er hören, wie groß die Wellen waren. Manchmal rauschen sie leise. Manchmal krachen sie wie Donnerschläge.

Er war bockig, wenn er nicht mit seinem Surfbrett auf Wellen lauern durfte. „Kaum war die Schule aus, rannte Andy an den Strand“, erinnert sich seine Klassenlehrerin Kathleen Kinch. Es sei sinnlos gewesen, ihn an seine Hausarbeiten zu erinnern. „Er hat immer gesagt: ‚Ich muss das nicht machen, ich werde Profisurfer‘.“ Auf einem Klassenfoto von 1990, vierte Klasse, schaut Irons gelangweilt in die Kamera. „Das war sein Lächeln, das Andy-Lächeln“, sagt sie.

Die Lehrerin lässt ihm alles durchgehen

Kinch steht auf der Veranda der Schule, hinter ihr erhebt sich das Schulkunstwerk aus dem Boden. Es ist eine Welle aus Beton und Mosaiksteinen. Die Lehrerin hält eine Puppe in der Hand: Andy Irons mit Surfbrett im Arm, der Kopf wackelt. Als der echte Irons seine ersten großen Erfolge feierte, hat sie sich die Puppe auf ihr Pult gestellt. Wenn ihre Schüler nicht aufpassten, so erzählt sie, hat sie der Puppe einen Klaps verpasst, so dass der Kopf so wackelte wie er es jetzt tut. „Du hörst mir wieder nicht zu“, ermahnte sie dann die Puppe, bis die Schüler verstanden, dass sie gemeint waren.

Die Puppe ist das Symbol der Lehrerin für einen, der nicht tut, was sie will. Kinch hat Andy viel durchgehen lassen. Und die anderen haben das wohl auch.

Er war der Held einer Insel, auf der es sonst wenig gibt. So einen hinterfragt man nicht. Jedes Jahr veranstaltete er mit seinem Bruder Bruce, auch ein Weltklassesurfer, einen Wettbewerb für die Kinder von Hanalei Bay. Die Brüder schleppten kistenweise Mitbringsel an, die sie in aller Welt und von den Sponsoren eingesammelt hatten. T-Shirts, Uhren, Surfbretter, Shorts, Mützen. Weihnachten am Strand, im Frühling. Alle haben etwas bekommen, alle durften Andy anfassen. „Er hat immer gegeben“, sagt Saa Ginlack, ein Freund aus dem Nachbarort Kapaa.

Ginlack hat dort einen Surfshop, in dem er seine eigenen Mützen und Shorts verkauft. „Der war mal halb so groß“, sagt er und malt eine Linie in die Luft. Irgendwann kamen Andy und Bruce und sagten ihm: „Ey, gib uns mal eine Cap.“ Seitdem trug Andy seine Mützen um die Welt. Überall in Ginlacks Shop hängen Fotos von Irons – wie er einen Siegerpokal in die Höhe reckt, die Mütze auf dem Kopf. Irons’ Sponsoren, die ihm Millionen dafür überwiesen, dass er ihre Sachen trug, schäumten vor Wut. „Ihm war das egal“, sagt Ginlack, „er wollte immer etwas für seine Heimat tun.“

Heute noch hängt ein Bild draußen an Ginlacks Surfgeschäft, „we love you braaddaaa“, „wir lieben Dich Bruda“, darauf Irons inmitten von lachenden Kindern. Seine Heldengeschichte wird hier nie sterben.

Als Teenager trafen sich Andy, sein Bruder und die anderen an den Abenden am Strand von Hanalei Bay, grillten, schauten wie die Sonne unterging, tranken Bier und rauchten Joints. Sie genossen ihre Jugend dort, wo andere Urlaub machten.

Irons wurde immer besser. Er surfte jetzt auch auf der Nachbarinsel Oahu. Er ging immer öfter zum North Shore von Hawaii. Dort bricht die berühmteste Welle der Welt, genannt Pipeline, weil sie hohl ist wie eine Röhre.

Von der Pipeline träumt jeder Surfer. Jeder will sein Glück versuchen, einmal durch die Röhre rasen. Deshalb geht es hier hart zu. Es gibt einen, der selektiert. Der Mann, der die Pipeline kontrolliert, heißt Kala Alexander.

Alexander springt an der Straße vor der Pipeline aus einem Pick-up und verschränkt seine Arme ineinander. Er ist ein baumhoher Mann. Wenn er die Fäuste von sich streckt, sieht man das Wort „Wolfpak“, tätowiert auf seine Finger. Er hat das Wasser für Andy Irons verwaltet, das Wolfpak, das Wolfsrudel, war seine Gang.

Wenn er mit Irons und seinen Jungs im Ozean war und eine riesige Welle anrollte, rief er „Andy! Andy!“. Dann durfte nur der in die Welle paddeln. Hatte es ein anderer trotzdem gewagt, schlug Alexander ihn. „Wir sind ein Rudel, wir passen aufeinander auf“, sagt er. Irons Ersatzfamilie auf Oahu wurde ein Wolfsrudel.

Man braucht Kala Alexander nicht nach den Drogen zu fragen. Darüber redet niemand gern, der Andy Irons besser kannte. Man kann Alexander auch nicht fragen, wie Irons sich wohl dort oben auf den Wellen gefühlt hat. Wie er in den Strudel geraten ist. Wie alles zusammenhängt. „Fünf Minuten“, sagt Alexander zu Beginn des Gesprächs. Fünf Minuten. Ein, zwei Storys. Dann verschwindet er im Pick-up, grußlos. Er kann sich denken, dass irgendwann die Fragen kämen.

Mit 17 gewann Irons zum ersten Mal einen Profiwettbewerb in seiner neuen Heimat, der Pipeline. Er qualifizierte sich für die Welttour, das größte, was ein Surfer erreichen kann. Nur rund 40 Surfer gehören zu diesem Zirkus. In den Rennen kommen nur die Gewinner weiter, sie bekämpfen sich, bis nur noch einer übrig ist.

Wie hart das Geschäft ist, erlebte 2009 Marlon Lipke. Er surfte als erster Deutscher überhaupt die Tour, doch er schied dauernd in der ersten Runde aus. „Ich war nicht richtig vorbereitet auf die Wettkämpfe“, sagt Lipke, „ich war so fasziniert von den Schauplätzen und hätte eigentlich viel härter surfen müssen.“

Lipke fehlte die Kälte, andere auszuschalten. Mit Tricks zu arbeiten, mal schmutzig zu surfen. Anderen eine Welle wegzunehmen. Ihnen etwas zuzubrüllen, kurz bevor sie starten. Am Ende des Jahres musste er die Tour als Drittletzter verlassen.

Er ist 20, da zerschmettert eine Welle sein Brett

Andy Irons reiste 1998 das erste Mal mit den Profis um die Welt und surfte in Kalifornien, der Südsee und Südafrika, vor Palmen, Bergen und über leuchtendem Korallenriff. Ein harter Wettbewerb: In den Top-Rennen werden üppige Preisgelder verteilt, mittlerweile bis zu einer Million Dollar. Nur wer gewinnt, bekommt Sponsoren, und wer Sponsoren hat, wird reich.

Irons wollte mehr. Er liebte das Risiko. Den Rausch.

Alles andere war Langeweile.

Mit zwanzig Jahren surfte er beim Finale seiner ersten Welttour in seiner Heimat, Pipeline. Die Wellen waren riesig, aber Irons hatte keinen guten Tag. Andere würden sich in so einer Situation zurückziehen. Nicht er.

Er nahm sich vor, die nächste Welle zu fahren, egal wie groß sie werden würde, dann sah er sie am Horizont herannahen, sie war gigantisch. Zu groß.

Irons verlor. Die Welle schmetterte ihn aufs Riff, sein Surfbrett zerbrach in vier Teile.

„Wir haben alle gehofft, dass ihm das Baby neuen Mut macht“

IRONS’ ONKEL RICHARD

Wenn es Surfer so vom Brett wirft, nennen sie das Wipeout. Als würde man ausgelöscht. Aber Irons überlebte diesen Wipeout fast unverletzt.

Er hat sich in einem Interview später an den Sturz erinnert. Er trägt dabei eine bunt verspiegelte Sonnenbrille, die Augen sind nicht zu erkennen. „Yeah“, sagt er da, „das war mit Abstand der schlimmste Wipeout meines Lebens.“ Dann lacht er. Als könnte ihm nichts passieren. Nie.

Es ist ein gefährliches Gefühl, kein Risiko mehr zu kennen, kein Scheitern. Es lässt Grenzen verschwimmen. Irons verließ die reale Welt schon Jahre vor seinem Tod und tauschte sie gegen eine überdrehte, künstliche Superwelt, in der die Fassade von Sonne, Strand und Lässigkeit alles zählt, der Spaß zum Zwang wird und Nachdenklichkeit, Traurigkeit oder Einsamkeit keinen Platz haben. Eine Welt, an deren Spitze sich die andere Welt, die Realität, langweilig anfühlt.

Irons kannte kein Ende. Sein Freund Saa Ginlack erinnert sich an ihre Partys auf Hawaii. „Wir standen an einem Morgen in Waikiki am Geldautomaten, es war kurz vor sechs“, erzählt Ginlack. Das Tageslimit war überzogen. „Lass uns bis 6 Uhr warten, dann beginnt ein neuer Tag und wir bekommen wieder Geld“, habe Andy Irons gesagt.

Nur ein halbes Jahr nach dem Sturz in der Pipeline fährt Irons nach Indonesien. Er feiert dort seinen 21. Geburtstag. Er ist nicht mehr nur ein Held in seiner Heimat. Er ist einer der weltbesten Surfer. Eine Marke. Andy Irons. Die Marke muss liefern.

Denn das Geschäft mit dem Surfen ist immer lukrativer geworden. Die großen Namen werden längst nicht mehr nur von den Sportlern getragen. Die Szenemarken von früher staffieren heute sogar Jugendliche in den Städten aus.

Die einst kleinen lokalen Marken werden von großen Sportfirmen oder Investmentgesellschaften geschluckt. Billabong ist seit dem Jahr 2000 an der australischen Börse notiert, 2006 verdiente die Bekleidungsfirma über eine Milliarde US-Dollar. Auch Nike versucht sich im Surfgeschäft, der Gigakonzern kaufte die Marke des kalifornischen Boardherstellers Bob Hurley.

An seinem Geburtstag in Indonesien trinkt Andy Irons so viel Whiskey, dass er nach kurzer Zeit nicht mehr ansprechbar ist, wie sich der Surffotograf Art Brewer im Outside-Magazin erinnert. Er hat das alles miterlebt.

Irons verliert das Bewusstsein. Panisch versuchen Freunde, ihn zu reanimieren, Ärzte kämpfen um sein Leben. Erst der fünfte Versuch ist erfolgreich. Auf dem Meer ist er ein Unsterblicher. An Land ertränkt sich Andy Irons fast selbst. Als würde er die Nähe des Todes suchen. Das letzte Extrem.

Eine Woche später trifft Brewer Irons in Kalifornien. Er ist wieder betrunken.

Es ist schwer zu sagen, wann Andy Irons mit Oxycodon anfing. Drei, die ihn kannten, bringen den Stoff in einen Zusammenhang mit ihm, aber über Details schweigen sie. Irgendwann müssen ihn Alkohol und Joints gelangweilt haben. In einem Strandhaus nahe Hanalei Bay feierte er mit Freunden. Mit Oxycodon-Tabletten entspannt man sich, kommt runter. Es ist ein schmerzstillendes Opiat, das stark euphorisiert und enormes Suchtpotenzial hat. Es kann auch Depressionen auslösen.

Die Surfertabletten: synthetisches Heroin

„Das ist synthetisches Heroin, viele Surfer haben es für sich entdeckt“, sagt einer aus dem Umkreis der Irons-Familie.

Im Jahr 2004 gewinnt Irons seinen dritten Titel in Folge, er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Sein Sponsor Billabong ist begeistert und bietet ihm einen Fünfjahresvertrag über mehrere Millionen Dollar an. Irons unterschreibt, er sagt, er freue sich „auf ein Leben in der Billabong-Familie“.

Sein Abstieg beginnt langsam.

Im Jahr 2005 und 2006 wird Irons Zweiter, 2007 ist er aus dem Weltmeisterschaftsrennen raus. Doch er muss bleiben. Es war sein Sponsor, so erzählt man sich, der verhindert habe, dass sich Irons früher von der Profi-Tour zurückzog. „Man kann Billabong trotzdem nicht dafür verantwortlich machen“, sagt Saa Ginlack, „dann schon eher die gesamte Surfindustrie.“ Es gehe schließlich allen ums Geld.

Äußern will sich Billabong nicht zu Andy Irons. Noch heute hängen in fast jedem der Geschäfte in Hawaii Andy-Irons-Gedenkposter. Daneben stehen die Teenager und wühlen sich durch T-Shirts und Shorts von Billabong. Das Geschäft läuft weiter.

Die Szene schweigt. Surfer sprechen ungern über Irons Probleme. Das hieße, über sich zu sprechen, über eigene Abgründe.

Es gibt kaum kritische Recherchen. Stattdessen viele, schöne Bilder. Die Geschichte von Andy Irons passt da nicht hinein. „Die meisten Berichterstatter verstehen sich nicht als echte Journalisten“, sagt Brad Melekian, der seit Jahren über Surfen schreibt, „die Surfmedien sind nur dazu da, die Szene zu promoten.“

Irons’ Familie verhinderte nach dem Tod monatelang die Veröffentlichung der Autopsieergebnisse. Zusammen mit dem Sponsor gab sie eine Pressemitteilung heraus, gleich an Irons Todestag. Irons sei am Denguefieber gestorben, das er sich in Portugal eingefangen habe.

■ Herkunft: Am 24. Juli 1978 wurde Philip Andrew „Andy“ Irons auf der Insel Kauai im US-Bundesstaat Hawaii geboren. Die Eltern zogen Jahre zuvor aus Kalifornien nach Hawaii, auch der Vater und der Onkel waren in den USA bekannte Surfer. Sein Bruder Bruce ist ebenfalls Weltklasse-Surfer.

■ Karriere: Andy Irons wurde in den Jahren 2002 bis 2004 dreimal Weltmeister. Er gewann viermal das prestigeträchtige „Pipe Masters“ und verdiente Millionen an Preis- und Sponsorengeldern. 2009 setzte er ein Jahr aus. Da war sein Drogenproblem in der Szene bereits bekannt.

■ Tod: Am 2. November 2010 wird Irons im Zimmer eines Flughafenhotels in Texas tot aufgefunden, am 14. November in Hanalei Bay auf Hawaii beigesetzt: 5.000 Trauernde, Tausende paddelten aufs Meer, als seine Asche versenkt wurde; Hubschrauber warfen Blumen ab.

Den Beamten gegenüber waren sie dagegen ehrlich. Während der Ermittlungen spricht Vater Philip offen über die Drogensucht des Sohnes, seine Schwägerin über depressive Phasen. Im Autopsiebericht schreiben die Ärzte, dass Irons nicht am Denguefieber litt.

„Andy war ein junger Mann, der mit sich gekämpft hat“, sagt sein Onkel Richard Irons, der Pfarrer auf der Insel Oahu ist.

Erst 2009, nach drei Krisenjahren, setzt Irons ein Jahr von der Tour aus. Im Jahr 2010 wird dem Champion der Zugang zur Tour mit einer Wildcard geschenkt. Er ist noch immer labil.

Im Sommer gewinnt er den Wettbewerb auf Tahiti. Er steht noch einmal ganz oben auf dem Podest, trägt bei der Siegerehrung eine Blumenkrone auf dem Kopf. „Ich hab’s geschafft“, sagt Irons nach dem Wettbewerb, „Jetzt bin ich endgültig zurück.“ Vielleicht hofft er, dass das nicht nur für den Sport gilt. Vielleicht fühlt sich das Brett da gerade wirklich wie ein fester Boden an. Zudem ist seine Frau zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal schwanger. „Wir haben alle gehofft, dass ihm das neuen Mut macht“, sagt sein Onkel.

Ende Oktober fliegt er nach Puerto Rico zum nächsten Wettbewerb. Aber Irons tritt nicht an. Noch bevor es losgeht, fliegt er nach Miami, wo er die Nacht durchgefeiert haben soll. Man hätte ihn aufhalten müssen, sagt sein Vater später.

Am 1. November macht er sich auf den Weg von Florida in Richtung Hawaii, fünf Wochen später wird seine Frau Lyndie den gemeinsamen Sohn Andrew Axel zur Welt bringen.

In Dallas/Fort Worth steigt er um. Er entscheidet sich, im Grand Hyatt am Flughafen zu übernachten. Er will sich ein paar Stunden Ruhe gönnen.