Der Chor der Vaganten

THEATERMUSICAL Die „Carmina Burana“ von Carl Orff erzählt Geschichten von fahrenden Leuten. Im Heimathafen treffen diese mittelalterlichen Erzählungen mit den Lebenserfahrungen der ChorsängerInnen zusammen

VON ANNE-SOPHIE BALZER

„Singen gibt Kraft, Singen in Gemeinschaft macht glücklich. Den Ton zu treffen ist da nicht das Allerwichtigste.“ Wenn Thommy mit seinen Anfang 30 das sagt, ist das was anderes. Anders, weil Thommy nicht einfach ein bisschen traurig ist, so wie Menschen das manchmal sind, denen besorgte Freunde dann vielleicht raten, es mit dem Singen zu versuchen.

Er und die anderen Sänger und Sängerinnen des Berliner Straßenchors haben deutlich mehr einstecken müssen als viele andere. Sie haben auf der Straße gelebt, waren drogenabhängig, tranken zu viel, waren für den Arbeitsmarkt zu lange krank oder verdienten ihr Geld auf dem Straßenstrich.

Der ist gar nicht weit weg vom Gemeindezentrum der Apostelkirche in Schöneberg, in dem der Straßenchor für die Straßen-Carmina probt, sein neuestes und bisher größtes Projekt. Aber diejenigen, die sich im Probensaal zusammenfinden, etwa 40 Männer und Frauen verschiedensten Alters, haben einen Riesenschritt weg von der Straße und den damit verbundenen Problemen gemacht. Gemeinsames Singen hilft offenbar in jeder Lebenssituation, und so liest sich die Geschichte dieses Chores ein bisschen wie ein Musikmärchen.

Im Sommer 2009 hat der ausgebildete Konzertpianist Stephan Schmidt genug davon, allein im Frack auf der Bühne zu sitzen und vor roter Samtbestuhlung wohlsituierte Damen mit Chopin zu erfreuen. Er zieht durch Berlins Straßen und sucht nach SängerInnen für sein Chorprojekt, den Berliner Straßenchor. Menschen, die von sich gar nicht wussten, dass sie singen konnten, entdecken mit Schmidts Hilfe ihre Stimme – im Leben und auf der Bühne. Die Geschichte wurde von ZDFneo in einer 9-teiligen Serie dokumentiert, es folgen Auftritte mit Nena und Carmen Nebel. Der Chor wird im Rahmen des Projekts „365 Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet und reist im Sommer 2013 in Europas Kulturhauptstadt Marseille, um dort an einem interkulturellen Theaterstück „Phädra. Die Vögel“ von Frèderic Boyer mitzuwirken.

Und jetzt die Straßen-Carmina, ein Theatermusical. Es setzt sich in Teilen aus den überlieferten Gesängen der mittelalterlichen „Carmina“, der „Carmina Burana“ von Carl Orff und eigenen Geschichten zusammen, die die TeilnehmerInnen des Chors in Workshops erarbeitet haben. Jeder hat persönliche Szenen in das Stück hineingeschrieben, die von dem Regisseur Daniel Ris inszeniert werden. Sie handeln von den Stolpersteinen, die einem die deutsche Bürokratie in den Weg legt, von Mobbingerfahrungen, von Sucht und Liebeskummer, Depression und Gewalt, aber auch von Hoffnung, gegenseitigem Respekt, von der Kraft der Musik und dem Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Thommy, der schon seit vier Jahren im Straßenchor singt, sagt, jeder hier habe sein Päckchen zu tragen. Und dass man um das Päckchen vieler wisse und sich nach Kräften unterstütze. In diesem Moment gesellt sich ein aufgebrachter Sänger hinzu und zeigt auf einen Brief, den er vom Amt bekommen hat. „Hier steht, wieso ich immer weniger Geld bekomme und jetzt nur noch Essensmarken.“ Ein anderer spricht beruhigend auf den Mann ein und sieht sich den Brief an. „Bürokratie, ich sachs dir.“ Man nimmt die Amtsentscheidungen mit stoischer Feindseligkeit zur Kenntnis.

Noch ist ein bisschen Zeit, bevor die Probe beginnt. In der Küche wird fürs Abendessen geschnippelt, nach der Probe essen alle gemeinsam. Heute gibt es Reis mit Hähnchencurry. Auf einer Anrichte stapeln sich Äpfel, Orangen und kleine Muffins mit Sahnehäubchen für alle, die jetzt schon Hunger haben. „Viele kommen zur Probe und haben noch nichts Warmes gegessen“, erklärt Thommy. Das gemeinsame Essen sei dann fast wie ein Familienabendessen, ergänzt Dean, einer der Chorsprecher. Dann ist es 19 Uhr und Chorleiter Stephan Schmidt klatscht in die Hände. Der Lärmpegel sinkt nur wenig, und nach dem dritten Mal versucht es Dean mit Brüllen: „DIE PROBE BEGINNT JETZT!“

Schmidt setzt sich an den Flügel und haut in die Tasten. A-E-I-O-U, SA-SE-SI-SO-SU, die Tonleiter hoch und runter, immer schneller. Das Aufwärmen dauert heute nur kurz, dann ist der zweite Hauptteil „In Taberna Quando Sumus“ aus der Orff’schen „Carmina“ dran. Als der Chor in Begleitung einer Pianistin beginnt zu singen, geht eine wundersame Verwandlung durch die Reihen. Ging es eben noch chaotisch zu, sind plötzlich alle hochkonzentriert, waren eben alle noch für sich, wachsen sie durch das Singen zusammen.

„In Taberna“ ist ein schwieriger Teil der „Carmina“, laute und leise Stellen wechseln sich ab, das verlangt SängerInnen viel ab. Doch der Straßenchor probt schon seit einem Jahr und alle wissen genau, was sie zu tun haben. Chorleiter Schmidt bäumt sich vor seinen SängerInnen auf, wie ein Stierkämpfer, stampft, klatscht, tänzelt, lobt, brüllt.

Die „Carmina Burana“ ist ein Gänsehautstück, das auf emotionale Überwältigung setzt. Die Protagonisten der Lieder sind die mittelalterlichen „Vaganten“ – fahrende Leute ohne festen Wohnsitz, Angehörige der gesellschaftlichen Unterschichten, Ausgeschlossene. Gesungen wird über schwere Schicksalsschläge, über die Macht des Geldes, über Korruption und Gewalt. In der Straßen-Carmina treffen sich diese mittelalterlichen Erzählungen mit den Lebenserfahrungen der ChorsängerInnen. Nie hat ein Stück besser zu einem Chor gepasst.