• 03.09.2008

Die Wahrheit

Chic im Abgang

Umtori "Schoko" Krema präsentiert seine letzten Schreie der Haute Couture.von TOM WOLF

Wäre Yves Saint Laurent nicht schon tot, könnte man meinen: Da steht er wieder! Schlank, mit schwarzglänzender Haartolle, ein Hochformat im Anzug aus weißem Serge, schwarzes Hemd, weiße Fliege - und silberner Riesenbrille im Lächelgesicht. "Die ist von YSL!", sagt Umtori "Schoko" Krema selbstgefällig, dieser Beau. Ach, wer hätte es gedacht …

Die Modewelt liegt ihm zu Füßen seit der Berlin-Fashion-Week. Da hat Krema 1.000 hauchzarte Chemisenkleider aus Nanogewebe, absolute Spitzenware aus dem Hochpreissegment, in Überraschungseiern versteckt. Alle Beteiligten machten sechsstellige Umsatzgewinne, und wochenlang waren keine Ü-Eier zu kriegen. Jeder und jede hoffte, unter den gekauften könnte ein "YSL-Ei" oder kurz: ein "Y-Ei" sein.

"Was ist denn das hier eigentlich für eine ultrakrasse Toplocation?", fragt mein Fotograf Ralle, in einem megateuren giftgelben Hemd von Phil Kost, das er nur am mittleren Knopf geschlossen hat, als sei es es ein Sakko. Drunter rascheln Muschelketten über seiner behaarten Brathähnchenbrust. Ralle ist selbst ein Beau, der bevorzugt in Mode macht, und daher ganz fiebrig geworden war, als ich ihn gebeten hatte, "Schoko" Kremas neuesten Coup für mich aufzunehmen. "Das ist das Zentralkrematorium Treptow." Schweigen, unterbrochen nur von Ralles softem Auslöser und dem Bienengesumm des Ultra-Zoom-Objektivs, das einfährt, ausfährt, einfährt.

Die Räume sehen gar nicht so ausladend aus. Hoch, licht, gotisch. "Wie geschaffen für Kunst und Kultur, findet ihr nicht?", fragt "Schoko" Krema und wischt die Scheinfrage gleich mit der Antwort vom Edelstahltablett, von dem er sich eben eine Champagnerschale gegriffen hat, uns einladend, ein Gleiches zu tun: "Nach Ahorn-Grieneisens großer ,Kunst-am-Grab"-Kampagne' hab ich gedacht, was die können, kann ich auch - und noch viel mehr!" Das ist sein Lieblingsspruch, und er wiederholt dieses Hauptmotto sofort: "Und noch viel mehr!"

Der Modemacher hat sein Glas geleert und nimmt Nachschub auf: "Nachschamp", wie er sagt, bevor er zur Sache kommt. "Seht ihr die feinen Damen und Herrn da auf den Beginn der Modenschau warten?" Wir sehen sie, alle piekfein gekleidet, eher wie auf einer Beerdigung. "Kundschaft. Gehören zu denen da auf dem Laufsteg, hinter dem Vorhang, die heute meine Models spielen werden. Eine einmalige Sache." In einer Hand den Schampus, in der anderen jetzt eine Fernsteuerung im Industrieformat, deutet er grinsend auf einen riesigen gelb-roten Knopf: "Hier, drück doch mal!" Ein schwerer dunkelbrauner Samtvorhang wird von dezenten Elektromotoren zur Seite gezogen, und da stehen sechsunddreißig offene Särge.

"Modedüfte sind dieses Jahr Eiche rustikal und Fichte hell - final-schick, mit einem Hauch von Formaldehyd", tönt "Schoko" Krema und lacht, während wir auf zeitlos schönen Mies-van-der-Rohe-Stühlen am Laufband Platz nehmen. Hilfskräfte haben, nachdem die Angehörigen der Models tränenreich Abschied genommen und sich gegenseitig mit Gesten der Bewunderung versichert haben, das Richtige zu tun, die Särge geschlossen, die nun einer nach dem anderen vor uns defilieren, um zuletzt in gewöhnlicher Kremiergeschwindigkeit die Klappe zum Totenreich zu passieren. Währenddessen kommentiert der Modeschöpfer das entsprechende Outfit, welches als Dia auf großer Leinwand im Hintergrund erscheint. "Herr Karl Heinz aus Brennenbusch", haucht Krema ins Mikro, "trägt einen Frack aus malvenfarbenem Moiré mit einem Einstecktuch aus eierschalfarbenem Kaschmir, einer doppelt gallonierten schwarzen Hose, die Streifen sind aus gelber Seide …" Ralle fotografiert wie blöd. Die Särge, die Klappe, das kurz aufleuchtende Feuer, wenn sie wieder geöffnet ist, die Tränen des Publikums, in denen sich das Licht der Kandelaber spiegelt und bricht, "Schoko" Krema, die Leinwand mit den Fotos. "Frau Helga Asch aus Schönerlinde erfreut uns mit einem Kostüm aus rotem Taft, untermalt von einem Halstuch aus bleumoranter Spitze, die geflügelten Schuhe sind übrigens von Hermès! Sie hermèssen nicht, was das kostet.", flüstert Krema mir zu.

"Ist das nicht etwas - pervers?", frage ich den Modemacher, der bis zur Kragenöffnung mit Champagner voll ist, aber nicht die Spur angeschickert scheint. "Ach, i wo - dann wäre es auch verrückt, einen Toten in seinem besten Anzug oder eine Tote im besten Kleid zu bestatten. Vor Jahren ließ sich ein Japaner mit einem echten Rembrandt im Arm verbrennen. Diese Herrschaften hier werden weiter leben im Gedächtnis als die schicksten Leichen, die man je gesehen hat!" Nach der Discount-Bestatter-Offensive sieht so jetzt also der Gegenschlag aus: Haute Crémature.

Das Highlight war, Ralles Meinung zufolge, Frau Helga Schweps aus Cottbus, in einem weißen Hosenanzug, wie ihn YSL in den 70-ern nicht besser hätte entwerfen können, und einem Überwurf aus bernsteinfarbenem Ozelot. "Finalschick!", raunt er knipsend. "Und noch viel mehr", fordert Umtori "Schoko" Krema. Er meint wohl mehr Geld und Schampus. Kann man ihm das verübeln?

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