Mit Verve und Herzblut

FILMEMACHER Drei Dokumentationen über die Arbeit von Yvonne Rainer, Jia Zhang-ke und Rainer Werner Fassbinder (Panorama)

Der dänische Regisseur Christian Braad Thomsen erzählt aus dem Off, dass er 1940, also in dem Jahr geboren ist, in dem die Deutschen Dänemark besetzt haben. Er habe das Deutsche immer gehasst, denn es sei, wie Karl Kraus gesagt habe, nicht eine Sprache der Dichter und Denker, sondern eine der Richter und Henker geworden. Wir sehen einen Nazi-Offizier, Kommandos brüllen. Es sei erst Rainer Werner Fassbinder gewesen und insbesondere „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ – wir sehen einen kurzen Ausschnitt, während er weiterspricht – und „Fontane: Effi Briest“, die ihm dieses nahegebracht hätten – Schnitt zu einem Starfoto von Hanna Schygulla aus „Effi Briest“ –: die Schönheit der deutschen Sprache. Das Bild bleibt einen Moment. Dann erst sehen wir ein Beispiel aus dem letztgenannten Film mit Ton. Kein Beispiel ist so stark wie die coole Behauptung, dass die Schönheit der Sprache sich am besten mit der Schönheit des Kinostars illustrieren lasse, der sie spricht.

Drei Dokumentationen über die Arbeit von Regisseuren – eine konventionelle, die aber immerhin von ihrem Gegenstand geadelt wird; eine, die sich mit Verve und Herzblut auf ihren Gegenstand stürzt; und eine, die schlicht sensationell ist. Aber der Reihe nach. „Feelings Are Facts“ – das ist auch so eine Behauptung. Die Choreografin, Künstlerin, Filmemacherin und Theoretikerin Yvonne Rainer hat sie über ihre Autobiografie geschrieben. Jack Walsh leiht sich den Titel für einen biografischen Film über diese Tanzrevolutionärin, feministische und generell politische Vorkämpferin.

Er folgt aber gerade nicht Rainers Buch, das emotionale Politik und Beziehungskriege rund um den künstlerischen Minimalismus, die Judson-Church-Tanzwelt und die neue Musik nach Cage als untrennbar verknüpft mit den Produktionen jener New Yorker 1960er Jahre erzählt, sondern hält sich an ihr Werk. Was sich wegen der raren Originalbilder ihrer Tanzproduktionen auch rechtfertigen lässt. Die illustren Talking Heads, die im Standardstil amerikanischer Dokus, gut ausgeleuchtet zwischen die Schwarzweißdokumente geschnitten werden, von der großartigen Lucinda Childs bis zu unser aller Douglas Crimp, kommen eher zu kurz zu Wort: Es sind ihrer zu viele. Auch das filmische Schaffen, das im Buch so gut wie gar nicht vorkommt, wird eher überflogen.

Niederschmetternd zu erfahren, dass Rainer vor allem deshalb mit über 70 zur Tanzperformance zurückgekehrt ist, weil sie in den USA keine Finanzierung mehr für ihre Filme gefunden hat.

Walter Salles hat sich einst auf der Berlinale mit dem Regisseur Jia Zhang-ke angefreundet, dem er jetzt ein Porträt gewidmet hat: „Jia Zhang-ke – Man From Fenyang“ zeigt seinen Protagonisten an den Orten seiner Kindheit, seine Schauplätze, seine Familie und lässt sie unangestrengt in oft extensive Ausschnitte aus dessen Filmen übergleiten. Die ganze Doku ist von dem Groove der gegenseitigen Übereinstimmung getragen. Jia Zhang-ke verbindet für westliche Begriffe drei uns nur zu liebe Kategorien und gibt ihnen dennoch ein ganz anderes, neues Leben: Neorealismus, Nouvelle Vague und Punk.

In seinen Filmen wird das unterrepräsentierte Leben des provinziellen Nordens, die massive Zerstörung durch Industrialisierung und Privatisierung gezeigt, von Leuten vorgetragen, die alle möglichen Standards unterlaufen: Dialekt sprechen zum Beispiel. Aber es gibt auch träumende, romantische Heldinnen und Helden wie Antoine Doinel und Pierrot Le Fou und schließlich eine Jugend ohne Future beim Tanzen, Flanieren und Streunen. Doch ist Jia Zhang-ke, das arbeitet sein Freund Salles besonders rührend heraus, eben auch kein Bohemian, sondern weint um seinen in der Kulturrevolution verfolgten Vater und richtet sein Blick auf politische Issues, die in China unsichtbar bleiben.

Auch Thomsen hat Fassbinder schon bei dessen erster Berlinale-Teilnahme gefilmt, ausgebuht nach der Premiere von „Liebe ist kälter als der Tod“, ihm bei Pressekonferenzen das Mikro zurechtgerückt und ihn mehrfach in bis heute ungezeigten Gesprächen dokumentiert. 13 Jahre ist er Fassbinder als Fan und Freund nachgereist, über 30 Jahre hat er über die geeignete Form einer Dokumentation nachgedacht. Herausgekommen ist eine superdurchdachte, thesenreiche Künstlerbio, die zugleich humorvoll mit dem Bild-Text-Verhältnis arbeitet und, statt sich in Fakten zu verlieren, freigiebig mit weitreichenden, doch dichten Gedanken zu Fassbinder aufwartet: von seiner Sexualtheorie, seinem Verhältnis zu Frauenbewegung, zu Psychoanalyse, bewaffnetem Kampf, Realpolitik, Wahnsinn, Tod. Dabei macht er das einzig Richtige: Neben den langen Gesprächen mit dem Regisseur gibt es nur drei im Bild zu sehende Gesprächspartner, die en passant selbst ein tolles Porträt abbekommen: Irm Herrmann (die erste Person, die Fassbinder entdeckt hat), Harry Baer (der ihn auch lange kennt und der als Letzter mit ihm gesprochen hat) und Andrea Schober, die fast alle Kinderrollen bei ihm gespielt hat. Am Ende gibt es so etwas wie eine abgeschlossene, durchargumentierte Fassbinder-Theorie – von einem Mut zu Verbindlichkeit und hingebungsvoller Entschiedenheit, wie ich ihn lange nicht unter Profis erlebt habe.