Er trifft den Sex seines Lebens

SCHWANZVERGLEICH Peter Greenaway präsentiert „Eisenstein in Guanajuato“ im Wettbewerb. Das Beste daran ist eine schwule Liebesgeschichte

In Peter Greenaways „Eisenstein in Guanajuato“ geht es um das meist als Katastrophe erzählte tragische Scheitern Eisensteins an der Vollendung seiner Mexiko-Doku-Saga „Qué viva Mexico!“. Film in der Länge eines ganzen Tages wurde belichtet, Dreharbeiten behindert, das Team siechte, auch der Regisseur fing sich den einen oder anderen Virus ein. Der Finanzier – die Familie Upton Sinclairs – bricht das Projekt ab, der Regisseur zieht gebrochen nach Moskau ab, wo er auch kurz davor ist, es sich endgültig mit Stalin zu verscherzen.

Bei Greenaway ist Eisenstein kein Künstler mit klaren Absichten, sondern ein großes Kind, ein verspielter Faun, den ein noch verspielterer, rampensäuischer Darsteller (Elmer Bäck) gibt, in keiner einzigen Einstellung nicht zu sehen. Wenn man sich nicht irgendwie dazu bringen kann, diesen Mann zu ertragen, ist man für den Film verloren.

Was wir über Mexiko (es soll da ja so einen Todeskult geben) und über Eisenstein (Greenaways Spielerei mit Drittelungen und Halbierungen der Leinwand wird immer wieder genutzt, um die bekanntesten Bilder aus „Oktober“ und „Potemkin“ oder Porträts der reichlich genamedropten Berühmtheiten zu zeigen) erfahren, bleibt Anspielung oder altbekannt.

Nur in einem Punkt gibt sich der Film Mühe, etwas Neues zu entwickeln: Eisensteins Sexualität. Ein schüchterner schwuler Mann, der mindestens underfucked, wenn nicht gar jungfräulich nach Mexiko kommt, trifft die Liebe und vor allem den Sex seines Lebens. Bei Greenaway ist Eisenstein in Mexiko vor allem glücklich, und das wird mindestens amüsant, zum Teil auch rührend erzählt: vom ersten Schwanzvergleich mit dem Lover und der Engführung mit dessen Profession (vergleichender Religionswissenschaftler) bis zur vollzogenen Defloration zum 14. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Peter Greenaway auszuhalten bleibt indes harte Arbeit. Seine Regietheatermanierismen (minutenlang im Kreis laufende Kameras und Darsteller), exzentrische Nutzung digitaler Raumsimulation, gefühlte stundenlange, Säulenhallen in Zickzackbewegungen durchlaufende Plansequenzen bei dauerhaft aufgeregtem Geschnatter des Dialogs wirken wie pflichtgemäß abgelieferte Autorenmarkierungen, wie ein eingeblendetes Sendererkennungslogo. In selteneren Fällen sind sie von angenehmer Üppigkeit und Verschwendungslust.