James Hetfield über das neue Metallica-Album

"Wir haben keine Antworten"

Mit ihrem neuen Album "Death Magnetic" nähern sich Metallica wieder ihrem Speed-Metal-Sound aus den späten Achtzigern an. Ein Gespräch mit dem Metallica-Mastermind James Hetfield.

"Das große Thema von "Death Magnetic" ist das Leben nach dem Tod."  Bild:  dpa

Was haben Geld und gute Rockmusik gemeinsam? Man kann gar nicht genug davon haben. Im Idealfall produziert gute Rockmusik sogar ganz viel Geld für ihre Urheber. Dieser Idealfall heißt seit 25 Jahren Metallica. Auch "Death Magnetic", das zehnte Album der Band, wird wieder millionenschwere Umsätze generieren - obwohl oder gerade weil es absolut nicht radiotauglich ist. Die zehn Songs des Albums sind allesamt alle Formate sprengende, über die Maßen lange Riff-Monster, weniger Songs als kleine Metal-Symphonien, die Brutalität mit demonstrativer Virtuosität verbinden. "Death Magnetic" führt die Band zurück in ihre kreativste Phase, als sie mit Alben wie "Master of Puppets" (1986) und "… And Justice For All" (1988) den Metal von der Dorfdisco-Beschallung zum musikalisch anspruchsvollen Genre adelten, bevor sie mit dem sogenannten Schwarzen Album zum Mainstream-Act wurden. Der Erfolg aber bekam vor allem Sänger, Gitarrist und Texter James Hetfield nicht. An seiner Alkoholsucht drohte der Goldesel Metallica während der Aufnahmen zu "St. Anger" (2003) zu zerbrechen, die Zeit im Studio, die Machtkämpfe mit Schlagzeuger Lars Ulrich, die Band-Therapie und Hetfields Gang in die Entzugsklinik dokumentierte der Film "Some Kind of Monster". Zum Interview erscheint Hetfield, 44, ausgesprochen aufgeräumt und quittiert fast jede Frage mit einem freundlichen Rockerlachen. TOWI

taz: Mister Hetfield, welches Buch lesen Sie gerade?

James Hetfield (muss lachen): Ich bin gerade auf der letzten Seite unseres Tourbooks (muss noch mehr lachen über seinen eigenen Witz). Tatsächlich haben wir das gerade beendet, unser Tourbook. Aber was Bücherlesen angeht: Um ehrlich zu sein, ich lese nicht viele Bücher. Aber ich lasse mir Hörbücher besorgen, das ist einfacher. Momentan lese, oder besser höre, ich sogar was von einem Deutschen: Eckhart Tolle, "Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Ein Leitfaden zum spirituellen Erwachen". Und noch was von Miguel Ruiz. Also eher philosophische Sachen, Lebenshilfe.

Ich frage, weil es einige philosophische Essays und Bücher gibt, die sich mit Ihren Texten beschäftigen. Haben Sie welche davon gelesen?

Hab ich nicht. Aber ich weiß, dass es diese Bücher gibt. Lars (Ulrich, Schlagzeuger und zweiter Kopf der Band) hat einige davon gelesen und fand es ziemlich spannend. Aber ich habe da so meine Bedenken, etwas zu lesen, das erklärt, wie und was ich bin. Das weiß ich doch schon alles.

Wie siehts mit der Bibel aus?

Nein, auch nicht. Als Kind war das anders, da musste ich viel in der Bibel lesen. Ich weiß, die Bibel ist eine große Inspiration für viele Autoren. Einer meiner Lieblingsautoren, Nick Cave, ist sehr beeinflusst von der Bibel. Aber ich finde: Die Bibel ist nicht gerade leichte Kost.

Glauben Sie, Ihre Texte sind von der Bibel beeinflusst?

Wissen Sie, damit habe ich mich nicht beschäftigt. Ich bin eher am spirituellen Teil von Religionen interessiert, an grundsätzlichen Fragen der Menschheit und der Existenz.

Es gab und gibt aber in all den Jahren viele christliche Anspielungen und Metaphern in Ihren Texten, auch wieder gerade auf dem neuen Album "Death Magnetic" in Songs wie "The Judas Kiss" oder "My Apocalypse". Sie scheinen geradezu besessen von der Religion.

Ich kann allzu leicht von Dingen besessen sein, von viel zu vielen. An ein paar davon arbeite ich gerade. Aber was diese Songs angeht: Diese Motive aus der Bibel sind ziemlich universell. In "The Judas Kiss" geht es ja auch weniger um die tatsächliche Geschichte des betrogenen Jesus, sondern allgemeiner um Betrug, darum wie es ist, wenn man mit verlogenen Emotionen konfrontiert wird. Das lässt sich auf viele Situationen anwenden, in meinem speziellen Fall war offensichtlich der Alkohol der Judas-Kuss. Ähnlich in "My Apocalypse": Wenn man zu lange drüber nachdenkt, geht die Welt jeden Tag unter. Vor allem aber geht es in dem Song um Selbstzerstörung.

Da sind wir beim Thema. Das Album ist dunkel, nicht nur musikalisch. Die Texte sind fast depressiv?

Tatsächlich könnten die Texte als dunkel verstanden werden. Dunkel im Sinne von: Fragen stellen und keine Antworten haben. Aber in all dieser Dunkelheit sehe ich zumindest ein Licht. Denn das große Thema von "Death Magnetic" ist das Leben nach dem Tod. Also geht es viel um den Tod, um Arten des Sterbens, wie der Tod dein Leben bestimmt. Während wir unsere letzte Platte "St. Anger" aufnahmen, war Metallica dem Tode sehr nah, diese Platte war für uns als Band so etwas eine Nahtod-Erfahrung. "Death Magnetic" versucht, diese Erfahrung aufzuarbeiten.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich würde gern daran glauben. Ich dachte sehr lange, es wäre wichtig, an irgendetwas zu glauben, um zu wissen, was mit dir nach deinem Tod passiert. Ich wusste nur nicht, an was ich glauben sollte. Das war ein ziemlich gruseliger Gedanke: Wenn ich mir darüber nicht klar werde und vorher sterbe, wird gar nichts mit mir passieren. Heute glaube ich: Das sind alles Prüfungen und wir müssen so lange wiederkommen, bis wir es richtig hinkriegen.

Sie glauben also an die Reinkarnation?

Vielleicht. Ich bin da wohl ein kleines bisschen Buddhist. Aber schlussendlich ist es nur wie in "Täglich grüßt das Murmeltier": Bill Murray ist dazu verdammt, immer wieder zurückzukehren und von vorne anzufangen, bis er kapiert, was der Sinn des Lebens ist.

Auch wenn Sie sich nicht gern von anderen erklären lassen wollen, doch wenigstens ein Zitat aus einem Essay von Peter S. Fosl: "In einer Art, die sich nicht allzu sehr von der von Metallicas James Hetfield unterscheidet, beschreibt Nietzsche das Christentum als ,Sklavenmoral'." Haben Sie jemals Nietzsche gelesen?

Nein, hab ich nicht. Nietzsche seinerseits war ein großer Fan von Richard Wagner. Und wussten Sie, dass Wagner und Metallica eines musikalisch gemeinsam haben? Beide verwenden die chromatische Tonleiter. Jetzt beginne ich, tatsächlich an die Reinkarnation zu glauben. (lacht richtig laut) Nein, das wusste ich nicht. Aber vielen Dank.

Mögen Sie Wagner nicht?

Klassische Musik ist sehr kraftvoll. Und es ist unglaublich, wie viel manche von diesen Typen in ihren oft sehr kurzen Leben geschrieben haben. Die waren ein bisschen durchgeknallt. Das waren die Rockstars ihrer Zeit.

Auch die Musik von "Death Magnetic" ist sehr kraftvoll. Die Platte wird allgemein gefeiert als Rückkehr zu Ihrer kreativsten Phase Ende der Achtzigerjahre. Wollten Sie etwas beweisen?

Ja, es gab was zu beweisen: Sind wir immer noch jung, immer noch brauchbar, immer noch entwicklungsfähig, immer noch wertvoll, sind wir immer noch eine Kraft, mit der zu rechnen ist? Wir sind motiviert von der Konkurrenz, vom Wettbewerb innerhalb der Metal-Community. Wir wollten das nächste Level erreichen.

Es gibt einige, die "Death Magnetic" vielleicht nicht als Rückschritt sehen, aber doch als das Besinnen auf bessere Zeiten.

Ich denke, "Death Magnetic" macht vor allem aus, dass wir unsere Grundlagen anerkennen - und gleichzeitig einen Schritt nach vorne machen. Offensichtlich gibt es technologische Fortschritte, neue Sounds, aber die Essenz von Metallica war verlorengegangen. Aber unser Produzent Rick Rubin ist ziemlich gut, wenn es darum geht, die Essenz von Bands herauszuarbeiten. Das hat er in der Vergangenheit mit vielen Bands geschafft und das war seine Mission für Metallica.

Sie haben zu ersten Mal mit Rubin gearbeitet. Wie schafft er das, die Essenz einer Band herauszuarbeiten - und das für so verschiedene Leute wie Johnny Cash, die Red Hot Chili Peppers, Dixie Chicks oder jetzt Metallica?

Die Alben, die er produziert hat, sind alle sehr trocken. Er nimmt das ganze Brimborium, die Spiegel und Flöten und Glocken, weg. Man wird quasi runtergefahren auf die Ausgangsposition. Dann ist plötzlich der Charakter der Instrumente wieder zu hören oder eben der Charakter der Stimme - wie er das vor allem bei Johnny Cash gemacht hat. Für uns war wahrscheinlich vor allem wichtig, die Energie des gemeinsamen Spielens einzufangen.

Lars Ulrich hat mal gesagt, diese Band hat eine geradezu panische Angst, sich zu wiederholen. Haben Sie diese Angst hinter sich gelassen?

Ja, vielleicht. Wir haben uns offensichtlich wiederholt: Es gibt den Song "The Unforgiven III" auf dieser Platte. Aber es gibt Metallica-Fans, die seit zwanzig Jahren wollen, dass wir "Master of Puppets II" machen. Aber das können wir nicht, selbst wenn wir wollten. Aber es ist nun mal so, dass es Songs gibt, die für manche Menschen Landmarken in ihrem Leben sind, die zum Soundtrack für ein fremdes Dasein geworden sind. Ich finde es immer noch erstaunlich, wenn jemand backstage auf mich zukommt und mich bittet, Songs von der oder dieser Platte zu spielen, weil sie sein Leben verändert hat. Und für den einen ist es eben "Kill em All", für den anderen das Schwarze Album oder "Load". Das ist okay, aber man darf sich nicht darum kümmern.

"Death Magnetic" wird nicht nur als CD, sondern parallel als "Rock Band"-Game veröffentlicht. Ist das die Zukunft der Musik?

Es ist zumindest ein zusätzlicher Weg, Hörer zu finden. Aber man muss akzeptieren, dass es immer mehr Kreativität braucht, seine Musik an den Mann zu bringen. Ja, ich finde es frustrierend, dass ich nicht mehr in den nächsten Plattenladen gehen kann, um dort meine eigene CD zu kaufen - weil es diesen Laden nicht mehr gibt. Aber was soll ich machen? Ich kann rumsitzen und heulen. Oder ich versuche, die Kanäle zu nutzen, die die Fans wollen - ob das ein Game ist oder Starbucks oder iTunes ist.

Oder live spielen.

(lacht) Ja, das hätte ich jetzt fast vergessen.

Doch was passiert, wenn Live-Spielen der einzige Weg ist, Geld zu verdienen? Daran sind ganze Generationen von Jazz-Musikern zugrunde gegangen.

Ich habe nicht vor, mit achtzig Jahren in der Lounge eines Holiday Inn "Enter Sandman" zu spielen. Sicherlich nicht. Aber, wenn das nötig wäre, um als Band weiter aufzutreten, dann würde ich es tun. Ich liebe es, aufzutreten.

INTERVIEW THOMAS WINKLER

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