Das Echolot der Deutschen

In „Tadellöser & Wolff“, dem Roman, der Walter Kempowski 1971 berühmt gemacht hat, erinnert sich der Erzähler an seinen Spielzeugfuhrpark: „Ich war Spediteur. Drei Märklin-Fernlaster mit weißer Rautenleiste an der Ladefläche und aufsetzbarer Leinenplane. Sie rückwärts in den Hof zu lotsen und auf den Millimeter genau nebeneinanderstellen. Reifenspuren hinterlassen …“ Der junge Walter hätte, wie der alte Walter schrieb, gern „fünf von den Dingern haben mögen oder zehn. Den Kopf auf die Tischplatte legen, dran entlangkucken, Kühler an Kühler.“ Mit dieser liebevollen Millimetergenauigkeit hat Kempowski Abertausende solcher Nahaufnahmen aus dem Menschenleben zusammengetragen, sortiert und in Kapiteln collagiert, bis aus den Kapiteln Romane erwuchsen und aus den Romanen ein Zyklus entstand, die „Deutsche Chronik“ einer bürgerlichen Familie, von der Kaiserzeit – „Seid verwöhnt! Raucht Welp-Zigarren!“ – bis zur Ära Adenauer: „Wandsbek, Bärenstraße 7a: Eine Baracke mit Pappwänden, drei Zimmer, Küche, Klo.“

Als Kempowski 1956 in der Bundesrepublik eintraf, hatte er acht Haftjahre in Bautzen abgesessen, verknackt wegen „Spionage“, weil er als Achtzehnjähriger amerikanischen Geheimdienstleuten Dokumente über die Demontage der Sowjetzone zugespielt hatte: „Eigentlich hatte ich nichts gegen die Ausplünderung, das taten die Amerikaner ja in ihrer Zone auch, das war irgendwie ihr gutes Recht. Aber das musste doch aufgeschrieben werden, damit die Reparationszahlungen nach dem Friedensvertrag nicht wieder von vorne losgingen. Dass überhaupt kein Friedensvertrag kam, wussten wir ja damals nicht.“ Die erhoffte Anerkennung als politischer Gefangener wurde ihm in der Bundesrepublik versagt. Er bekam sogar zu hören, dass er nichts weiter sei als ein gewöhnlicher Krimineller, und er konnte zusehen, wo er blieb. Den Neuaufbau einer bürgerlichen Existenz musste er aus dem Nichts heraus beginnen, so wie Millionen andere Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge, Vertriebene, ausgebombte Obdachlose, „Umsiedler“ und Displaced Persons in der Wüstenei, die das ebenso mörderische wie selbstmörderische Regime der Nationalsozialisten den Überlebenden des Zweiten Weltkriegs hinterlassen hatte.

In der Untergangszeit des „Dritten Reichs“ hatte sich der langhaarige, jazzmusikverliebte „Swingboy“ Kempowski dem Dienst in der Hitlerjugend und den Pflichten als Flakhelfer so weit wie möglich zu entziehen versucht. Nach dem Krieg und nach der vorzeitigen Haftentlassung – 1948 war er wegen des „Spionage“-Vorwurfs zu 25 Jahren Knast verurteilt worden – schwankte er zwischen der Versuchung, sich an das Gefühl des Weltekels zu verlieren, und der Aussicht, es allen noch einmal zu zeigen und sich aus eigener Kraft zu rehabilitieren.

Dieses Ziel hat Kempowski erreicht, obwohl er unterwegs die aberwitzigsten Hürden bemeistern und bittere Enttäuschungen erdulden musste. Sein Haftbericht „Im Block“, der 1969 im Rowohlt Verlag erschien, nach Jahren der Recherche, des Umschreibens und des sicherlich für beide Seiten strapaziösen Tauziehens zwischen dem Autor und seinem bei Rowohlt angestellten Mentor und Entdecker Fritz J. Raddatz, war ein Flop. Bis Ende 1970 wurden nur knapp zweitausend Exemplare verkauft. Eine weitere herbe Zwischenbilanz hat im Jahr 2004 Kempowskis aktenkundiger Biograf Dirk Hempel gezogen: „Im zweiten Halbjahr 1970 waren von 72 ausgelieferten Exemplaren 68 remittiert worden, Reinverkauf 4 Bücher, Bruttohonorar 6,01 DM.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Kempowski sich zwar als Grundschullehrer etabliert, und er war nicht finanziell notleidend, aber man stelle sich einmal den Mittag vor, an dem Kempowski den Honorarbescheid aus Reinbek erhielt, aus dem hervorging, dass sich von Juli bis Dezember 1970 nur vier Menschen dazu bereitgefunden hätten, dieses in so vielen Jahren der Arbeit unter unendlichen Geburtsbeschwerden produzierte und von acht Jahren der Drangsal handelnde Buch zu kaufen. Und über alledem lastete das Gefühl der Schuld für die Jahre der Gefängnishaft, in die Kempowski seine Mutter mit der unseligen „Spionage“-Geschichte unfreiwillig hineinmanövriert hatte.

1969 hatten die meisten Westdeutschen etwas anderes vor, als sich mit dem Bericht eines Häftlings aus Bautzen zu befassen. Der Durchbruch zum großen Publikum glückte Kempowski erst 1971 mit dem Familienroman „Tadellöser & Wolff“. Eberhard Fechners TV-Verfilmung der Romane machten Kempowskis Namen einem nach Millionen zählenden Leserkreis bekannt. Nun war er zwar ein Bestseller-Autor, der beim Volk gut ankam, doch im Unterschied zu Böll und Grass und Lenz zog er alsbald den Groll vieler Neider und Deppen auf sich, die in ihm einen Reaktionär und kalten Krieger erblickten, der die Nazizeit verharmlose. Dass Kempowski in seinen Romanen und Befragungsbüchern – „Haben Sie davon gewusst?“ – den Erinnerungsbildern, Traumblasen und allem abgesunkenen Strund der Nazizeit auf den Grund ging, wie ein Tiefseeforscher, ist von seinen Verächtern nicht einmal wahrgenommen worden.

Aus Zuneigung zu den Menschen, denen das Rad der Geschichte über den Nacken gewälzt worden war, entschloss Kempowski sich dazu, in seinem Haus ein Archiv unpublizierter Autobiografien einzurichten. Aus diesem Archiv ist das zehnbändige „Echolot“ hervorgegangen, mit Zeitzeugnissen und Auszügen aus Tagebüchern und Briefen, die ohne Kempowskis Engagement für alle Zeiten verloren gewesen wären. Eine weitere Säule in Kempowskis Lebenswerk bilden die Tagebücher, in denen er noch jeden „Kenner“ seines Werks immer wieder überrascht und übertölpelt hat: „Ich bin der Sonnyboy der deutschen Gegenwartsliteratur“, schrieb er 1983. „Ein hingeschissenes Fragezeichen.“

Kennengelernt habe ich Kempowski 1984, als jugendlicher, vorurteilsbefrachteter und auch sonst recht dusseliger Teilnehmer eines Literaturseminars im „Haus Kreienhoop“ in Nartum. Da gab er sich, zu meiner Überraschung, als kundiger Leser von Arno Schmidt zu erkennen, rühmte auch das von mir damals favorisierte, ja: geliebte Hassbuch „Rom, Blicke“ aus dem Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann und lud mich dazu ein, im nächsten Sommer einige Zeit in seinem Haus zu verbringen, gemeinsam mit anderen jungen Leuten, die bei ihm wohnen dürften, solange seine Frau im Urlaub sei: Er selber könne sich fürs Urlaubmachen nicht erwärmen; da umgebe er sich lieber mit Jugend, die ihn dann freilich zu bekochen habe. Und es dürften nicht nur Spiegeleier gebraten werden!

Im Unterschied zu Böll und Grass und Lenz zog er alsbald den Groll vieler Neider und Deppen auf sich, die in ihm einen Reaktionär erblickten Er gilt als „Volksschriftsteller“, obwohl er sich vor dem Wort geradezu geekelt hat: Das habe etwas „Nazistisches“, das ihm zuwider sei, hat er gesagt

Am letzten Abend des Seminars war Schwof angesagt. Zu später Stunde setzte sich Kempowski an den Flügel und spielte, in einer getragenen Version, das Deutschlandlied. Ich kriegte eine Gänsehäut. Das sei geschmacklos gewesen, sagte ich zu ihm, und da wandte er sich wortlos ab (was mich schmerzlich berührte). Seine Antwort erhielt ich erst einige Wochen später schriftlich: „Es tut mir leid Ihnen sagen zu müssen, dass zu unserer Sommergemeinschaft wortloses Verstehen gehört. Vor der Frage steht das Nachdenken, und zum Nachdenken gehört Sympathie – und sie eben ist nötig, wenn wir hier wie eine Familie drei oder vier Wochen gemeinsam verbringen wollen. Aus diesem Grunde muss ich meine Einladung an Sie leider rückgängig machen.“ Das war kurz nach Nikolaus. Unmittelbar vor Weihnachten revidierte Kempowski seine Entscheidung: „Also, meine Mädchen vom Sommerklub haben mir sehr eingeheizt, sowas könnt’ ich doch nicht machen, und das gefällt ihnen gar nicht, dass ich den Gerhard wieder auslade. Dies hab ich mir inzwischen auch überlegt und vielleicht sollte ich mich sogar entschuldigen für meine abrupte Reaktion. Es würde mich freuen, wenn ich den Brief ungeschehen machen könnte, und ich erneuere die Einladung zum Sommerklub hiermit, allerdings unter einer Bedingung: Dass mir vaterländische Diskussionen unter der norddeutschen Sonne erspart bleiben.“

Und so kam es, dass ich bei ihm doch noch ein und aus gehen durfte, bespöttelt als „zigarrerauchender Vaterlandsfeind“. Das offene Haus, das Kempowski bewohnt hat, darf man sich, nach einer buchtitelstiftenden Formulierung von Dirk Hempel, als „Kempowskis zehnten Roman“ vorstellen: Für unzählige Kempowskianer ist es Museum, Kloster, Aula, Bahnhofscafé, Internat und Audimax in einem gewesen; so eine Art Summerhill für freigeistige Literaturliebhaber. In einem der sorgfältig geführten Gästebücher findet sich der launig anmutende Eintrag des Literaturkritikers Hanjo Kesting: „Et ego in Kempowskia.“

Das trifft es. Kempowski hat jedermann an sich herangelassen und den Kontakt zu seinen Lesern gesucht, anders als der von ihm verehrte Arno Schmidt, der sich in seinem „furchtbaren Heidebunker“ (Jörg Schröder) verkriechen musste, um in Ruhe arbeiten zu können. Kempowski hingegen führte mitunter ganze Busladungen neugieriger Rentner und Touristen durch sein Haus, lauter Volk, das ihm dann auch noch Erstausgaben der Bücher von Arno Schmidt klaute und so gut wie nie das Versprechen hielt, zum Dank Abzüge der beim Rundgang geschossenen Fotos zu schicken. Profitiert hat Kempowski dennoch von seiner in Maßen kultivierten Leutseligkeit. Der isolierte, zu dauerhaften Freundschaften unbegabte Tüftler Schmidt, der sich in seinem Leben nur einer einzigen öffentlichen Lesung ausgesetzt hatte, verbohrte sich zuletzt immer tiefer in den Hieroglyphen seines Spätwerks, weil ihn die Leser, wenn sie nicht Jean Paul oder Ludwig Tieck hießen, eben nicht interessierten. Kempowski hielt es dagegen mit Hitchcock, der den allergrößten Wert auf Suspense gelegt hatte: Wie fesselt man das Publikum?

Und wie sind Erstklässler zu bändigen? Zugutegekommen sind Kempowski beim Schreiben auch seine Erfahrungen als Grundschullehrer, der jahrelang jeden Morgen einem Haufen ungebärdiger Lümmel und Gören zur Konzentration verhelfen musste. In fast jedem Satz der „Chronik“ schimmern Sound und Struktur uralter Schultafeltexte durch: „Zuweilen wurde auch die Sicherheit des Kellers erörtert. Die Waschküche mit dem Abflusssiel lag höher als der Luftschutzkeller. Das sei eine Mausefalle. Bei Wasserrohrbuch, gute Nacht.“ Im Mosaik solcher Details haben viele Deutsche ihre Vergangenheit wiedererkannt und Kempowski einen unerhörten Erfolg beschert. Seither gilt Kempowski als „Volksschriftsteller“, obwohl er sich vor dem Wort geradezu geekelt hat: Das habe etwas „Nazistisches“, das ihm zuwider sei, hat er gesagt.

Mit dem Ex-Bautzen-Häftling Kempowski haben die linksliberalen Kulturjournalisten in der Bundesrepublik viele Jahre lang nichts zu tun haben wollen. Ein Dämelklaas hat Kempowski 1990 im Stern als Plagiator bloßzustellen versucht, und es fehlte auch sonst nicht an übler Nachrede. Manche hässlichen Äußerungen, die in der Welt sind, mag Kempowski durch sein ungestümes Wesen selbst provoziert haben, aber ich habe mich immer gefreut, wenn ich ihn beim Zappen in einer Talk-Show vorfand: Da brachte er oftmals mit frechen Bemerkungen alle gegen sich auf und ließ die Sturzbäche der Schimpftiraden souverän an sich abperlen.

Wer sich mit der Geschichte des deutschen Bürgertums vom Wilhelminismus bis zur Adenauerzeit vertraut machen möchte, der ist gut beraten, wenn er die Romane von Kempowski liest. Im „Echolot“ gibt es darüber hinaus die entsetzlichsten Beschreibungen des Elends im belagerten Leningrad zu lesen: Tischlerleim hatten die Russen damals gefressen in ihrer Not. Das alles steht verzeichnet in den Büchern von Walter Kempowski, der sich trotz alledem so oft dem Vorwurf ausgesetzt gesehen hat, dass er die Vergangenheit verniedliche. Noch 1999 hat ein Germanist in einem Buch mit dem Obertitel „Abiturwissen Deutsch“ die Werke von Walter Kempowski der „Unterhaltungsliteratur“ zugeordnet, zwischen denen von Hera Lind und Johannes Mario Simmel. (Claus J. Gigl heißt dieser Heini, der in seinem Buch zu allem Überfluss auch noch den Vornamen von Walter Kempowski falsch buchstabiert hat.)

Von den Kritikern sind Kempowskis Werke oft gelobt, aber oft auch oberflächlich abgekanzelt worden. Bei aller Liebe zu Robert Gernhardt, der 1984 im Spiegel Kempowskis Roman „Herzlich willkommen“ verriss, bleibt festzustellen, dass der Roman sich besser gehalten hat als der Verriss, der Kempowski nicht aus der Bahn geworfen, aber irritiert hat: Das sei doch, soll er gesagt haben, eigentlich ein ganz ordentlicher Mann, dieser Herr Gernhardt?

Kempowskis Hunger nach Kompensation und Anerkennung war enorm. Als ehemaliger Knastbruder hat er sein Leben lang nach Auszeichnungen, Orden und anderen Beweisen der Tatsache gelechzt, dass er aus der Einzelhaft zurück in der Mitte der Gesellschaft angelangt sei. Viele Ehrungen, die er angestrebt hat, sind ihm, auf seine alten Tage, zuteilgeworden, und er hat mehrmals erklärt, dass er sich nun am Ziel befinde und seine Erfüllung gefunden habe. Aber jeder, der das Glück gehabt hat, ihn etwas näher kennenzulernen, weiß, welche Preise er nun doch noch gern mit hinab ins Grab genommen hätte (und wer sich nun schämen sollte).

Uns bleiben Kempowskis Bücher, Rücken an Rücken: Im kollektiven Gedächtnis haben sie Tieferes hinterlassen als die Reifenspuren im Sandkasten des Prinzen Walther von Aquitanien – dies als kleine Anspielung für Kempowski-Kenner.

Aus dem Leben ist Kempowski, nach eigener Vorhersage, friedlich geschieden. Es reiche ihm nun allmählich, hat er mir bei meinem letzten Besuch in Nartum gesagt, in einer an Jean Paul erinnernden Gemütsverfassung: „Oh! Wie schön ist das Sterben in der vollen leuchtenden Schöpfung und das Leben! – Und ich dankte dem Schöpfer für das Leben auf der Erde und für das künftige ohne sie.“

Gerhard Henschel, geboren 1962 in Hannover, lebt als freier Schriftsteller bei Hamburg. Er veröffentlichte Satiren, Sachbücher und Romane, darunter „Kulturgeschichte der Mißverständnisse“ (mit Brigitte Kronauer und Eckhard Henscheid, 1998), „Der dreizehnte Beatle“ (2005) sowie „Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung“ (2006)